Psyche

Depressiv im Wochenbett

Ambivalenz: Trotz Freude über das Neugeborene fragt sich manche Mutter, warum sie plötzlich traurig ist. Foto: Benyamin Reich

Psyche

Depressiv im Wochenbett

Warum sich viele Mütter nach dem heiligen Akt der Geburt emotional leer fühlen

von Rabbiner Joel Berger  24.04.2012 07:49 Uhr

Der Toraabschnitt für diese Woche aus Wajikra, dem dritten Buch Moses, beginnt mit folgender Anordnung: »Wenn eine Frau Kinder bekommt und einen Knaben gebärt, so ist sie sieben Tage unrein; sie ist unrein wie an ihren Tagen« (3. Buch Moses 12,2).

Sehr häufig werde ich danach gefragt, warum die Tora, die mosaische Gesetzgebung, die Mutter im Wochenbett für unrein erklärt? Obwohl doch die Geburt eines Kindes nach unserer Auffassung eher die Erfüllung eines Segens und auch das Vollbringen des ersten Gebotes »Seid fruchtbar und mehret euch« (1. Buch Moses 1,22) darstellt. Viele vermuten hier im Hintergrund sogar frauenfeindliche Tendenzen in der Heiligen Schrift. Ohne Grund, wie wir gleich sehen werden.

Der Talmud, die Schatzkammer der nachbiblischen Überlieferungen, drückt an einer Stelle (Sanhedrin 113a) die Auffassung der klassischen Gelehrten, unserer Weisen, bildhaft aus: Drei »Schlüsselgewalten« behält der Herr für sich, eine davon ist der »Schlüssel« zum Schutz der Wöchnerin. Diese talmudische Aussage scheint den Widerspruch zu vertiefen. Einerseits wird die Geburt als ein Mysterium im Zeichen der heiligen Handlung, eines g’ttlichen Heilsplanes, dargestellt, andererseits erklärt die Tora die Wöchnerin für sieben Tage als unrein.

unreinheit Der in der chassidischen Welt sehr geschätzte Reb Mendele, der Kotzker Zaddik, enträtselte diesen Widerspruch folgendermaßen: Begriffe wie »Reinheit« und »Unreinheit« sind hier nicht im alltäglichen Sinne zu verstehen. Sondern die Gebote der Reinigung wie auch die des »Unreinseins« weisen darauf hin, dass, wenn sich die Heiligkeit von einem Ort entfernt (die Geburt also vorüber ist), eine Leere entsteht, da die heilige Handlung vollbracht ist.

Diese Leere erklärt die Tora mit dem Begriff »unrein«. Es bedarf einer Zeit, bis man eine erneute heilige Handlung vornehmen kann. Solange der Mensch lebt, sagt der Kotzker Zaddik, könne ein jeder heilig werden, sein Körper und auch seine Seele, wenn beide die Mittel zur Erfüllung des g’ttlichen Willens bilden. Doch im gleichen Augenblick, da der Mensch seine Seele G’tt zurückgibt, wird der Körper – nach jüdischer Auffassung – unrein, da die Heiligkeit, die g’ttliche Gabe, die Seele, entwich.

So verhält es sich auch mit der Wöchnerin, schloss der Kotzker Rebbe seine Parabel: Während der Geburt wird sie von der Allmacht G’ttes behütet und versorgt. Nach der Geburt zieht die Schechina, die Präsenz G’ttes, fort, und die Wöchnerin spürt eine Leere. Häufig kommt es sogar zu Depressionen, da nistet sich die »Unreinheit« ein.

Daher verordnete die Tora im biblischen Zeitalter das Opfer. Heute, nach der Zerstörung des Beit HaMikdasch, des Heiligtums in Jerusalem, im Jahre 70 übernehmen die Gebete die Rolle der Opfer zum Wiedererlangen der Reinheit, der Fähigkeit zu heiligen Handlungen im menschlichen Alltag.

Die Gelehrten des Talmuds erwähnen, dass die Säuglinge bei der Geburt weinend diese Welt erblicken, als ob sie eine Vorahnung der Leiden und Enttäuschungen quälen würde. »Gegen deinen Willen bist du geboren, und gegen deinen Willen musst du einst von dieser Welt Abschied nehmen« (Pirkej Awot), merkten die Gelehrten an.

Bei der Geburt drücken die Säuglinge ihre Fäustchen fest zusammen, beim Tod hingegen sind die Hände flach ausgestreckt. Unsere Weisen, die Exegeten der Schrift, meinten: Bei der Geburt wähnt der Mensch, alle Schätze der Welt ergreifen zu können. Jedoch am Ende der irdischen Laufbahn angelangt, deutet er an: Ich habe mich abgemüht, doch kann ich nichts mehr auf meinen Weg mitnehmen. Mit leeren Händen verlasse ich diese Welt.

aussatz Die zweite Hälfte dieser längeren Parascha befasst sich mit den entsprechenden Behandlungen der vom Aussatz befallenen Menschen, ihrer Gegenstände und Besitztümer. Im jüdischen Altertum gehörte auch dies zu den Aufgaben der Kohanim, der Priester.

Seit mehr als 2.000 Jahren haben wir keine Kohanim mehr im aktiven Tempeldienst. Jedoch die Worte der Tora werden von unseren Weisen weiter gepflegt und gedeutet. Sie interpretierten diese »Aussätzigkeit« für unsere Zeit als die Krankheit der Verleumdung und üblen Nachrede (Laschon Hara) aufgrund eines hebräischen Wortspiels: »Mezora« heißt Aussatz, jedoch es kann gedeutet werden als: »Mozi schem ra«. Das heißt auf Deutsch: üble Nachrede verbreiten.

Diese Deutung der rabbinischen Exegese bildet auch die Grundlage für lehrreiche Parabeln der Aggada, oft auch in Form von Anekdoten: Im biblischen Buch Mischle, den Sprüchen Salomons, lesen wir: »Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge« (Mischle 18,21).

Der Talmud (Arachin 5) bringt dazu folgende Fabel: Einmal versammelten sich die Tiere und diskutierten über die Wende am Ende der Zeit. Sie befragten auch die Schlange. Sowohl der Löwe als auch der Wolf töten und fressen ihre Beute auf. Doch du, Schlange, was hast du von deinem tödlichen Biss? (Einen Elefanten kannst du ohnehin nicht verzehren!) Die Schlange antwortete mit einer Gegenfrage: Und welchen Nutzen trägt derjenige (der Mensch) davon, der seine Opfer mit seiner Zunge (durch seine verleumderische Sprache) sogar tödlich verletzen kann? Selbstverständlich hatte der Talmud die heutigen Massenmedien keineswegs im Visier!

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tasria lehrt die Gesetze für die Wöchnerin und die Dauer der Unreinheit. Bei einem männlichen Kind wird zudem festgelegt, dass es am achten Tage nach der Geburt beschnitten werden soll. Außerdem übermittelt Tasria Regeln für Aussatz an Körper und Kleidung.
3. Buch Moses 12,1 – 13,59

Im Wochenabschnitt Mezora wird die Reinigung von Menschen beschrieben, die von Aussatz befallen sind. Außerdem schildert die Parascha, wie mit Unreinheiten durch Aussonderungen der Geschlechtsorgane umzugehen ist.
3. Buch Moses 14,1 – 15,33

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