Wajera

Den Nächsten lieben

Der Einsatz für den anderen, das liebende Geben, ist laut den talmudischen Weisen das Ideal menschlichen Handelns. Foto: Getty Images/iStockphoto

Der Wochenabschnitt Wajera erzählt uns vom Leben Awrahams und Saras ab dem Tag, an dem die beiden von einem Engel erfahren, dass sie ein Kind erwarten.

Die talmudischen Rabbinen lehren uns, dass die Geschichten der Vorväter ein Zeichen für deren Nachkommen sind. Wenn man den einzelnen Episoden unseres Wochenabschnitts folgt, so ergeben sich tiefe Einblicke in die jüdische Philosophie.

VISION In der ersten Passage berichtet der Wochenabschnitt von Awrahams und Saras Zusammentreffen mit drei Engeln, die sich dem Paar gegenüber als drei Männer zeigen. Dieses Zusammentreffen geschieht einige Tage, nachdem Awraham sich selbst beschnitten hat. Als die drei Männer kommen, hat er gerade eine Vision: »Und G’tt erschien ihm (…), als er am Eingang seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war« (1. Buch Mose 18,1).

Wir erfahren lediglich, dass er eine Vision hatte, nichts jedoch über deren Inhalt. Die Tora geht sofort zur Begegnung mit den Engeln über: »Und er erhob seine Augen und schaute, siehe, da standen ihm drei Männer gegenüber. Und als er sie sah, eilte er ihnen entgegen vom Eingang seines Zeltes, beugte sich zur Erde nieder und sprach: ›(…) Man soll ein wenig Wasser bringen, und wascht eure Füße; und lasst euch nieder unter dem Baum, so will ich einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz stärkt. Danach mögt ihr weiterziehen, darum seid ihr bei eurem Knecht vorbeigekommen‹« (18, 2–5).

Unsere Weisen erklären, dass Awraham seine Vision unterbrach, um für die vorbeiziehenden Männer da zu sein. Dies sei der Grund dafür, dass wir nichts über die im ersten Vers angekündigte Vision erfahren, sondern direkt zur Episode mit den als Männer getarnten Engeln springen.

Gastfreundschaft Aus dieser Stelle lernten die talmudischen Weisen, dass Gastfreundschaft wichtiger ist als Prophetie, das Empfangen der g’ttlichen Präsenz. Die Gastfreundschaft war für Awraham derart wichtig, dass selbst die direkte Verbindung mit dem Schöpfer warten konnte.

Die Tora erzählt uns, mit wie viel Hingabe sich Awraham für seine Gäste einsetzte. »Awraham eilte ins Zelt zu Sara und sprach: Nimm rasch drei Maß Feinmehl (…). Awraham aber lief zu den Rindern« (18, 6–7). Nach der Beschneidung muss er durchaus Schmerzen gehabt haben, doch kümmerte er sich mit großer Hingabe um die Gäste.

Gastfreundschaft ist eine der wichtigsten Tugenden im Judentum. Die Geschichte des jüdischen Volkes, die mit der Geburt von Awrahams Sohn Jizchak eingeleitet wird, beginnt mit einer Geschichte über die Gastfreundschaft – das soll die Nachwelt lehren, welchen Stellenwert sie hat. In der nächsten Episode erfahren Sara und Awraham, dass sie nach langen Jahren der Kinderlosigkeit endlich ein Kind erwarten. Sara amüsiert diese Nachricht, denn sie glaubt nicht, in ihrem Alter noch ein Kind gebären zu können. Auch ihren Mann Awraham hält sie zu diesem Zeitpunkt für viel zu alt.

Daraufhin wendet sich G’tt an Awraham und spricht: »Wieso lacht Sara und sagt: ›Ist es wahr, dass ich gebären werde, obwohl ich alt bin?‹« (18,13). Allerdings verschweigt G’tt Awraham, dass Sara auch seinetwegen lachte.

Unsere Weisen lernen aus dieser Episode: Der Frieden zwischen Ehepartnern hat einen derart hohen Stellenwert, dass es Momente gibt, in denen er über der Wahrheit steht. Sogar G’tt war bereit, die Wahrheit zu verschweigen, um die Beziehung von Awraham und Sara nicht unnötig zu belasten. Die Ehe hat einen wichtigen Stellenwert im Judentum. So heißt es im Talmud: »Wenn Mann und Frau würdevoll miteinander umgehen, ist die Präsenz G’ttes unter ihnen« (Sota 16a).

SODOM Im darauffolgenden Abschnitt erfährt Awraham, dass G’tt die sündigen Städte Sodom und Gomorra zerstören will. »Und G’tt sprach: ›Das Geschrei über Sodom und Gomorra ist groß, und ihre Sünde ist sehr schwer‹« (18,20).

Awraham ist sofort bereit, sich für die Menschen dort einzusetzen. Er fängt an, mit G’tt zu diskutieren. »Awraham trat näher und sprach: ›Willst Du den Gerechten mit dem Gottlosen wegraffen? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt; willst Du die wegraffen und den Ort nicht verschonen um der 50 Gerechten willen, die darin sind? (…) Sollte der Richter der ganzen Erde nicht gerecht richten?‹« (18, 23–25).

Awraham, der sich in jedem Moment seines Lebens für G’tt hingibt, der für den Ewigen seine Heimat verlassen hat und endlose Schwierigkeiten auf sich nahm, ist bereit zu hinterfragen. Er versucht, die Menschen in der Stadt zu schützen, auch wenn sie frevelhaft leben und die Entscheidung, sie zu vernichten, von G’tt kam. Dieser Teil des Wochenabschnitts lehrt uns eine weitere Lektion in Sachen Ethik. Awraham war bereit, über G’ttes Entscheidung zu diskutieren, weil er wusste, dass der Schöpfer sehen will, wie wir uns um unsere Mitmenschen, Seine Kinder, sorgen. Er möchte sehen, dass wir bereit sind, für den Schutz Seiner Kinder aufzustehen.

Gastfreundschaft, Familie und Courage – dies sind die Werte, die uns Awraham am Anfang unseres Wochenabschnitts vermittelt. Awrahams Nachkommen tragen diese Werte von Generation zu Generation weiter. Der Einsatz für den anderen, den Nächsten – seien es der Gast, die Familienmitglieder oder der Fremde –, das liebende Geben, ist laut den talmudischen Weisen das Ideal menschlichen Handelns.

Aus diesem Grund sagte Rabbi Akiva, das Gebot »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Buch Mose 19,18) fasse die gesamte Tora zusammen. Awraham war ein lebendiges Beispiel dafür.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.


inhalt
Der Wochenabschnitt Wajera erzählt davon, wie Awraham Besuch von drei g’ttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Gomorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau,
nachdem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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