Rosch Haschana Interview

Dem Schöpfer ähneln

Herr Laitman, Rosch Haschana gilt in der jüdischen Tradition als der Geburtstag der Welt. Die Welt ist, wie wir wissen, aber viel älter als 5776 Jahre. Sehen Sie da keinen Widerspruch?
Die Tora berichtet uns über Spiritualität, nicht über Fragen der Materie. Obwohl unsere Welt schon 14 Milliarden Jahre existiert, kam vor 5776 Jahren zum ersten Mal ein Mensch in diese Welt, der die höhere Welt, die Göttlichkeit, den Schöpfer entdeckte. Weil das dadurch geschah, dass er zu denselben Eigenschaften gelangte wie der Schöpfer, wurde er Adam genannt, vom hebräischen Wort »domeh« – »ähneln«. Das heißt, er ähnelte dem Schöpfer. So wie wir heute existieren, existierte auch damals bereits ein Mensch. Geboren aber wurde vor 5776 Jahren eine Weltanschauung, die die Göttlichkeit für sich entdeckte.

Wie entdeckte Adam denn den Schöpfer? Indem er den Apfel vom Baum der Erkenntnis aß?
(lacht) Nein, das hatte nichts mit dem Apfel zu tun. Sondern damit, dass Adam an seinem Charakter arbeitete und sein großes Ego, mit dem wir alle auf die Welt kommen, bezwang. Er verbesserte seinen Charakter und seine Einstellung, und so überwand er den egoistischen Wunsch, immer nur zu nehmen, aber nichts zu geben. Adam entwickelte also aus sich heraus den altruistischen Wunsch, etwas für die Gemeinschaft beizutragen, andere zu lieben und seinen Mitmenschen zu helfen. Und durch diese für ihn neuen Eigenschaften entdeckte er den Schöpfer. Über seinen Weg, das Ego zu überwinden, schrieb Adam übrigens auch ein Buch, und seine Schüler entwickelten die Methode weiter. Jeder, der diesen Weg einschlägt und den Schöpfer entdeckt, wird bei uns »Mekubal« (deutsch: Kabbalist) genannt.

Wo hat Adam denn nach Ansicht der Kabbalisten über die Entdeckung des Schöpfers geschrieben?
In einem Buch, das wir »Raziel HaMalach« (Der Engel Raziel) nennen.

Der genaue Zeitpunkt, an dem das Buch entstand, ist unter Forschern umstritten. Es geht darin unter anderem um Gottesnamen, Gematria (Zahlenmystik) und Engel. Können Sie mehr über das Buch sagen?
Es ist ein kabbalistisches Buch, das nicht auf Anhieb jedem zugänglich ist. Bis heute ist die Sprache der Kabbala nicht vollständig entschlüsselt.

Ist Rosch Haschana Ihrer Auffassung nach eine Gelegenheit für jeden Menschen, sozusagen neu geboren zu werden und an sich zu arbeiten?
Ja, aber es gibt eine Rangfolge. Zunächst müssen die Juden diese Stufe erreichen, erst danach die Völker der Welt. Die Juden waren nämlich schon einmal auf diesem Niveau. Unser Urvater Awraham versammelte viele Menschen aus Babylon, die diese geistige Stufe erreichen wollten. Diese Gruppe nannte er Israel – so berichtet Maimonides, der Rambam. Seit dieser Zeit existiert das Volk Israel. Alle anderen, die Awraham nicht auf seinem Weg folgten, sind heute die Völker der Welt. Wir haben geistige Höhen und Zerstörungen mitgemacht, aber wir müssen uns immer wieder anstrengen, den Schöpfer zu entdecken und den Völkern der Welt ein Vorbild zu sein.

»Tikkun Olam«, die Verbesserung der Welt, ist ein großes Wort. Wie kann man persönlich daran arbeiten, stärker an seine Mitmenschen zu denken?
Die Tora verlangt von uns im Grunde genommen nur das eine: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was der Mensch an materiellen Werten geschaffen hat, ist überhaupt nicht wichtig. Es geht nur darum, ob es ihm gelungen ist, Liebe für ganz Israel zu empfinden und diese auch zum Ausdruck zu bringen. Die Verbesserung der Welt wird nur gelingen, wenn wir untereinander verbunden bleiben. Ansonsten wird die Welt immer schlimmer werden, und die Völker der Welt werden mehr und mehr Druck auf uns ausüben.

Sie meinen damit eine stärkere Verbindung zwischen den Juden in der Diaspora und in Israel?
Zunächst müssen die Juden in Israel sich um ein gutes, freundschaftliches Verhältnis untereinander bemühen. Ich spreche jetzt nicht über die Tora, sondern über einen guten Kontakt zwischen den Mitmenschen. Wenn wir uns untereinander entsprechend verhalten, werden die Völker das sehen und sich auch uns gegenüber positiver verhalten.

Sie sprechen aus religiöser, nicht aus politischer Sicht. Spielen Sie darauf an, dass laut Tradition der Tempel wegen grundlosen Hasses zerstört wurde?
Ja, so ist es. Aber Rosch Haschana gibt uns immer wieder eine Gelegenheit, ein neues Blatt aufzuschlagen und unserem Leben eine neue Richtung zu geben.

In einer Welt, in der es immer mehr Kriege und Flüchtlinge gibt, fällt vielen Menschen die Nächstenliebe nicht leicht ...
Darauf weiß ich nur eine Antwort: Wir sind einfach dazu verpflichtet. Die Welt wird nicht besser, wenn wir sie nicht besser machen.

Kennen Sie eigentlich auch das Phänomen, dass man ein paar Wochen nach Rosch Haschana feststellt, dass aus den guten Vorsätzen leider nichts geworden ist?
Ja, denn unser Ego versucht ständig, die Oberhand zu gewinnen. Wir müssen einfach dagegenhalten und in jedem Moment versuchen, in eine neue und bessere Verbindung mit unseren Mitmenschen zu treten. Und so können wir die höhere Welt schon innerhalb dieser unteren Welt entdecken – auch nach Rosch Haschana.

Mit dem Gründer und Präsidenten des »Bnei Baruch Kabbala Bildungs- und Forschungsinstituts« in Israel sprach Ayala Goldmann.

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