Chanukka

Das Wunder verkünden

Die Lichter der Chanukkia sollen nicht als Beleuchtung, sondern der »Verkündung des Wunders« dienen. Foto: Getty Images / istock

Bei den jüdischen Feiertagen stehen Chanukka und Purim in der Beliebtheitsskala ganz weit oben. Allerdings werden beide Feste in der Tora nicht erwähnt; sie wurden vielmehr von unseren Weisen als Erinnerung an die großen Wunder in der jüdischen Geschichte eingeführt.

Eine interessante Frage dabei ist: Für das Purimfest wurde ein ganzer Talmud-Traktat, Megilla, verfasst – warum finden wir dann bezüglich Chanukka nur ein paar Zeilen inmitten des Traktats Schabbat? Ist Chanukka etwa zu »simpel?« Oder zu unbedeutend? Auf keinen Fall! Auch wenn zu diesem Fest nur ein einziges Gebot existiert (die Chanukkia acht Tage lang zu zünden), gibt es viele Gesetze und Bräuche rund um diesen Brauch.

GEBOTE Bemerkenswert ist, dass wir im jüdischen Gesetzeskodex Schulchan Aruch mehr Paragrafen zu Chanukka finden als zu Purim, und das, obwohl an Purim gleich vier Gebote zu erfüllen sind. Wenn man aber beim Zünden und Feiern an Chanukka alles richtig machen möchte, dann wird das zur echten »Wissenschaft«.

Die Grundidee, die unsere Weisen bei der Einführung des Chanukkafestes im Sinn hatten, ist, dass die Lichter der Chanukkia nicht als Beleuchtung dienen sollen (wie zum Beispiel bei den Schabbatkerzen), sondern ausschließlich »Persuma deNisa« – der »Verkündung des Wunders«.

Deshalb ist einer der ersten Grundsätze, die im Schulchan Aruch zum Chanukkafest diskutiert werden, der Ort, wo die Chanukkia aufgestellt werden soll. Ursprünglich haben die Chachamim, unsere Weisen, angeordnet, dass die Leuchten am Eingang jedes Hauses platziert werden müssen. So wird es in Israel heute auch praktiziert.

FENSTERBANK Doch in der Diaspora, wo das Feiern in der Öffentlichkeit für Juden gefährlich sein könnte, entstand der Brauch, die Chanukkiot in den Wohnungen zu zünden. Aber auch hier gibt es verschiedene Optionen: Wenn die Wohnung nicht zu hoch liegt und die Fenster von der Straße aus gut zu sehen sind, kann man die Chanukkia auf der Fensterbank platzieren. Wohnt man aber so hoch, dass die brennenden Kerzen im Fenster niemandem auffallen würden, gibt es auch keine »Verkündung des Wunders«. Somit kann die Chanukkia auf dem Tisch im Wohnzimmer stehen.

Viele Juden, unter anderem Chassidim, stellen ihre Chanukkia im Flur am Zimmereingang gegenüber der Mesusa auf. Dadurch ist man beim Durchgehen von allen Seiten von den Mizwot »umgeben«. Beachten muss man aber natürlich in jedem Fall, dass die Chanukkia stabil steht, nicht vom Wind oder von Kindern umgeworfen werden kann und es um G’ttes Willen nicht zum Brand kommt.

Die nächste praktische Frage ist: Womit zünden wir? Idealerweise sollte die Chanukkia mit Olivenöl gezündet werden, weil das Chanukka-Wunder im Tempel durch dieses Öl geschah. Jedoch sind auch alle anderen Öle, die schön und klar brennen, koscher. Auch Wachskerzen sind geeignet, weil sie sauber brennen und leicht zu handhaben sind. Mit elektrischen Leuchten allerdings kann man die Mizwa nicht erfüllen.

Die Chanukkia soll im Fenster stehen, wenn sie von draußen zu sehen ist.

Nachdem die Kerzen richtig aufgestellt oder die Leuchter mit passendem Brennstoff gefüllt wurden, stellt sich die Frage, wann sie angezündet werden sollen. Auch hierzu gibt es mehrere Meinungen. Manche sagen, dass man gleich nach Sonnenuntergang zünden muss, andere sagen, dass man erst bei Sternenaufgang zünden darf, wenn es schon dunkel ist und die Lichter von Weitem gut zu sehen sind.

Jedoch sollen die Kerzen nach übereinstimmender Meinung aller Kommentatoren mindestens eine halbe Stunde nach Sternenaufgang noch brennen. Deshalb soll man am Freitagabend, wenn die Chanukkakerzen noch vor Schabbatbeginn (vor Sonnenuntergang) gezündet werden, große Kerzen beziehungsweise mehr Öl benutzen, um diese wichtige Regel einzuhalten.

Wenn die passenden Kerzen am richtigen Platz und in der richtigen Zeit bereitstehen, müssen vor dem Zünden mehrere Segenssprüche gesagt werden.

BRACHOT Am ersten Abend sagt man drei Brachot: zur Mizwa selbst (»lehadlik ner schel Chanukka«), über die Wunder (»scheasa Nisim laAwotejnu«) und über die erreichte Zeit (»schehechejanu«). Ab dem zweiten Abend bis zum Ende von Chanukka sagt man nur die zwei ersten Segenssprüche. Die Brachot, weitere Texte und das bekannte Lied »Maos Zur« findet man in jedem Gebetbuch.

Am ersten Abend soll die zu zündende Kerze auf der Chanukkia rechts (vom Betrachter) platziert werden. Ab dem zweiten Abend wird die neue Kerze immer links von den vorigen angebracht. Wie man genau ab dem zweiten Abend zündet, ist umstritten. Viele zünden entsprechend dem Schulchan Aruch zuerst die neueste linke Kerze und fahren nach rechts fort. Jedoch gibt es auch andere Meinungen, deshalb kann man eigentlich nichts falsch machen.

TERMIN Jedoch muss man bei alledem beachten, dass es für das Anzünden der Chanukkia auch einen Termin gibt. Es darf so lange gezündet werden, bis die Passanten noch brennende Lichter sehen können. Unsere Weisen haben es so ausgedrückt: »ad schetichle Regel min haSchuk« (»bis der ›letzte Fuß‹ vom Markt weg ist«), also bis sich kein Mensch mehr draußen befindet. Heutzutage sind die Straßen abends nicht so schnell menschenleer wie früher. Dennoch muss man versuchen, die Kerzen so früh wie möglich zu zünden.

Aus dem Spruch unserer Weisen »Bis der letzte Fuß vom Markt ist« kann man auch etwas für unsere Zeit ableiten: Solange unser »Fuß« auf dem »Markt« ist (das heißt, solange wir leben), können wir mit guten Taten Licht in diese Welt bringen. Deshalb sollen wir gerade in diesen dunklen Zeiten unsere Möglichkeiten effektiv nutzen und die Welt besser machen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

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