Identität

»Das sind alles starke Eindrücke«

»Bilder wirken ganz stark«: Barbara Traub, Psychotherapeutin und IRGW-Vorstandssprecherin Foto: Edgar Layher

Frau Traub, ist Pessach als Identifikationsfest für das Judentum geeignet?
Absolut. Es ist das Fest der Identitätsfindung und Bindung.

Weshalb?
Identität stiftet Pessach deshalb, weil das jüdische Volk durch den Auszug aus Ägypten und die Gabe der Tora seine Identität selbst bekommen hat. Das Fest hat das Ziel, das jüdische Volk an seine Tradition zu erinnern und zu binden.

Und wie gelingt das bei Kindern und Jugendlichen?
Das Fest hat besondere didaktische Inhalte. Dazu gehört das Erzählen der Geschichte vom Wirken des Ewigen und des Auszugs aus Ägypten. Das wird jedes Jahr wiederholt. Die Geschichte vom Wirken des Ewigen ist der zentrale Kern dieses Festes – dass er mit starker Hand eingegriffen hat. Seine Begleitung des Volkes unterstreicht, dass es Gottes Wille ist, die Menschen als freie Menschen gestalten zu lassen. Das wird während der ersten beiden Pessach
abende immer wieder wiederholt. Der zweite Teil, der dazugehört, widmet sich dem Auszug aus Ägypten und den Plagen für das Land.

Es sind fantastische Geschichten, die man an Pessach hört. Weckt man das Interesse von Kindern auf diese Art und Weise?
Immer. Geschichten prägen sich viel mehr ein als alles andere. Denn darin arbeitet man mit Bildern. Als Psychotherapeutin erlebe ich immer wieder, wie wichtig es ist, einem Menschen mehr als viele Worte zu geben. Ein Bild sagt oft mehr als Worte.

Funktioniert das denn noch in Zeiten der Reizüberflutung?
Bilder wirken ganz stark, sonst würde man heute nicht so viele Bilder produzieren. Ich habe nicht den Eindruck, dass es Kinder weniger beeinflusst. Die Rollen sind ja auch sehr stark verteilt. Der Vater ist traditionell derjenige, der durch den Abend führt. Und dann gibt es das Essen. Das ist ja nicht irgendein Essen. Es wird durch den Pessachteller und die darauf befindlichen Speisen sehr viel symbolisiert.

Da sind wir wieder bei der Identifikation.
Genau. Gerade symbolische Speisen bringen Kinder in einem Bild sogar haptisch bei, dass man sich etwas einverleibt. Man isst das Bitterkraut, den Salat, die Tränen, die das Volk vergossen hat. Das sind alles starke Eindrücke.

Welche Pessachthemen gibt es für die eigene Reflexion und Identifikation?
Es fängt schon damit an, dass ich tatsächlich eine Woche lang nichts Gesäuertes esse. Alle Mehlspeisen und eine Reihe anderer Speisen fallen weg. Ich bin körperlich auch in einem Ausnahmezustand. Einem Kind wird in diesem Moment bewusst, dass es vielleicht eine andere Religion und andere Gebräuche hat als die anderen Kinder. Wenn wir uns die heutige Fast‐Food‐Kultur ansehen, bin ich ja von dieser eine Woche lang komplett abgeschnitten. Ich kann im Grunde genommen kaum reisen, denn Mazzen kann ich ganz schlecht irgendwo zubereiten oder transportieren. Die Juden haben sie zwar mitgenommen, als sie aus Ägypten ausgezogen sind. Aber heute ist es doch etwas unpraktisch und schwierig, sich unterwegs zu ernähren, wenn man die strengen Speisegesetze einhalten will. Diese Tradition vermittelt einerseits Gottes Willen, den Menschen mit einem freien Willen auszustatten, andererseits gibt es aber dennoch Verbote und Einschränkungen. Wir sind nicht uneingeschränkt frei.

Geschichten, Essen – was gibt es noch?
Die vier Fragen, Ma Nischtana, die das jüngste Kind singt. »Was macht diese besondere Nacht aus?« Das jüngste Kind stellt die vier Fragen in Liedform. Die Kinder sind ja normalerweise nicht so eingebunden; durch die Musik und das Hören sind aber alle Sinne angesprochen. Und dann gibt es noch die Ebene »fühlen und tasten«. Man lehnt sich ja bewusst an der Stuhllehne an, um zu spüren, wie es sich anfühlt, als freier Mensch am Tisch zu sitzen und zu speisen. Das ist die höhere Identifikation.

Ist Pessach ein besonderes Fest?
In dieser enormen Dichte ist das Pessachfest das einzige. Aber fast alle Feste haben diesen haptischen Charakter. Sehr viele Feste sind mit symbolischen Speisen verbunden, die an einen geistigen Inhalt anknüpfen oder ihn symbolisieren. Meine persönliche Erklärung dafür ist: Dadurch, dass man einen sehr abstrakten Gott hat, der nicht bildlich dargestellt ist, spielt die Symbolik bei der Festgestaltung eine größere Rolle.

Die Kinder wachsen an Pessach mit. Jedes Jahr gibt es einen neuen Aspekt. Hilft auch das dabei, Traditionen zu vermitteln?
Die Kinder müssen ja unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Dann, wenn sie älter sind, dürfen sie die Haggada lesen. Zumindest die Söhne in traditionellen Familien. Die Frauen sind für die Speisen zuständig. Und dann sollen die Kinder sozusagen stückweise auch die Gebete lernen, davon gibt es eine ganze Reihe. Das passiert von selbst. Es hängt aber auch von der Familie ab. Der Ablauf ist gleich, da gibt es nicht viele Variationen. Die Kinder lernen dadurch mehr. Die Eltern haben explizit die Aufgabe, Tradition weiterzugeben.

Man muss also auch aufpassen, Kinder und Jugendliche nicht zu überfrachten?
Ja, denn das Fest dauert ja mehrere Stunden. Kleine Kinder können nicht vier Stunden ruhig sitzen und zuhören. Man kann sie spielen lassen, wenn sie ihre Pflicht erfüllt haben. Das Fest lässt da viele Gestaltungsmöglichkeiten zu. Es ist aber auch ein Fest, das ganz stark zur Identitätsfindung beiträgt, weil es auch in gewissem Sinne abgrenzt.

Mit der Psychotherapeutin und Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) sprach Christian Ignatzi.

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