Geschichte

Das Mysterium des 9. Tewet

Erinnert der Tag an einen jüdischen Papst? Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Der jüdische Monat nach Chanukka, der Tewet, ist durch das Fasten am zehnten Tag gekennzeichnet. Dieses Datum markiert den Beginn der Belagerung Jerusalems, die schließlich zur Zerstörung des heiligen Tempels und zur Vertreibung des Volkes Israel aus seiner Heimat führte. Die jüdische Tradition besagt jedoch, dass der neunte Tag des Monats Tewet ebenfalls ein trauriger Tag sei, der es wert wäre, zum eigenen Fastentag erklärt zu werden.

Dieser Tag wird im Schulchan Aruch (jüdischer Gesetzeskodex) in Orach Chajim 580,2 erwähnt. Doch die Stelle ist höchst kryptisch: Dort heißt es, dass der neunte Tag des Monats Tewet ein trauriger Tag sei wegen »Problemen, die sich an diesem Tag ereigneten und die uns nicht mehr bekannt sind«. Wie sollen wir einen Tag begehen, der für uns keine Bedeutung hat? Und warum sollten die Weisen uns die Ereignisse vorenthalten haben, sodass sie »uns nicht mehr bekannt sind«?

In den Selichot, den Bußgebeten, die am 10. Tewet rezitiert werden, wird auf den neunten Tag des Monats Tewet als Todestag des großen jüdischen Anführers, des Schriftgelehrten Esra, verwiesen. In denselben Selichot und im obigen Abschnitt des Schulchan Aruch wird ebenfalls der achte Tag des Monats Tewet als ein Tag erwähnt, der als ein Fastentag infrage käme. Als Grund dafür wird angegeben, dass es der Jahrestag der erzwungenen Übersetzung der Tora ins Griechische – die Septuaginta – durch den ägyptischen Kaiser Ptolemäus ist. Der Talmud berichtet, dass »Dunkelheit auf die Welt herabkam«, als diese Übersetzung öffentlich wurde.

Somit haben wir im Monat Tewet drei potenzielle Trauertage, die aufeinander folgen. Gemäß den am 10. Tewet rezitierten Selichot wurden alle diese Fastentage auf den letzten vereint. Der Grund dafür ist pragmatisch: Man kann nicht von den Menschen erwarten, mehrere Tage hintereinander zu fasten.

Im Monat Tewet haben wir drei potenzielle Trauertage, die aufeinander folgen.

Es bleibt die mysteriöse Frage, warum der Schulchan Aruch den neunten Tag des Monats Tewet nicht eindeutig als den Todestag des Schriftgelehrten Esra identifiziert hat. Esra steht in der Hierarchie der Überlieferer der Tora an das jüdische Volk an zweiter Stelle nach Mosche Rabbenu. Es erscheint absurd, dass die Rabbiner seinen Todestag absichtlich verheimlicht und diesem traurigen Tag einen anonymen Charakter verliehen hätten.

Es gibt auch Meinungen, dass das Datum von Esras Tod in Wirklichkeit der 8. und nicht der 9. Tewet war. Dadurch wird das Mysterium um den 9. Tewet nur noch größer, und seine Auflösung beschäftigte viele Gelehrte. So gibt es eine faszinierende Theorie, die Rabbiner Berel Wein zitiert, ein ehemaliger Rechtsanwalt und Experte der jüdischen Geschichte. Vor einigen Jahren, schreibt Rabbiner Wein, besuchte er eine Vorlesung von Professor Shneur Z. Leiman, dem Leiter der Judaistik-Abteilung am Brooklyn College in New York. Professor Leiman referierte über die jüdischen Legenden, die besagen, dass es in den frühen Jahren des Christentums jüdische Päpste gegeben haben könnte.

Zur Zeit der Mischna hätten die Rabbiner alle Anstrengungen unternommen, um das Judentum als eine eigenständige Religion darzustellen, die sich vom aufkeimenden Christentum völlig abgrenzte und sich von diesem vollkommen unterschied. Dafür, so die Legende, hätten sie einen »Maulwurf oder Spion« – einen ihrer eigenen Kollegen – in die Hierarchie der Kirche eingeschleust, der sicherstellen sollte, dass das Christentum sich vollständig vom Judentum abtrennte.

Diese Person wurde von den Rabbinern natürlich mit dem Schutz der Anonymität belohnt, und seine Mission war äußerst erfolgreich, denn das Christentum, welches als innerjüdische Sekte begann, distanzierte sich schon früh vollständig von den Juden und dem Judentum. Dieser anonyme Held der Rabbiner und des jüdischen Volkes starb laut Professor Leiman am 9. Tewet und wird, wenn auch anonym, durch den kryptischen Verweis auf dieses Datum im Schulchan Aruch in Erinnerung gerufen. Am Ende seiner Ausführung schreibt Rabbiner Wein: »Ich kann zwar nicht für die Richtigkeit dieser Theorie bürgen, aber sie sorgte auf jeden Fall für eine spannende Vorlesung.« Das Mysterium des 9. Tewet gehört bis heute zu den faszinierenden Rätseln des jüdischen Kalenders.

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