Talmudisches

Das Ende des Götzendienstes

Sitzstatue des altägyptischen Beamten Merimose (Teil der Ausstellung »PharaonenGold« in der Völklinger Hütte) Foto: imago images / epd

Im Traktat Sanhedrin (64a) berichtet der Talmud davon, wie es zum Ende des Götzendienstes kam. Die Rabbiner der Antike waren sich darin einig, dass die Verehrung der heidnischen Götter großen Schaden anrichtet.

Die Lust, im heidnischen Pantheon den verschiedenen Gottheiten ein Opfer darzubringen, vergleicht der Talmud mit der Lust auf Sex.

Statuen Gelegentlich eine Statue zu verehren – selbst für viele fromme Juden war es lange Zeit undenkbar, darauf zu verzichten. Unsere Weisen schreiben, G’tt habe dieses Bedürfnis erschaffen, damit die Menschen es überwinden, damit der Mensch trotz all der Schwierigkeiten mit dem Götzendienst immer den einen G’tt wählt.

Doch da dieser innere Kampf zu viele Opfer forderte, entschlossen sich die Rabbinen, durch das Gebet in die menschliche Psyche einzugreifen und die menschliche Wahrnehmung ein für alle Mal zu verändern. Drei Tage lang sollen die talmudischen Weisen intensiv gebetet und gefastet haben. Am dritten Tag sandte G’tt ihnen einen Zettel, auf dem stand, dass Er die Gebete angenommen habe. An jenem Tag war das Bedürfnis nach Götzendienst verschwunden.

Pantheon Im Laufe der nächsten Jahrzehnte mussten sich viele heidnische Priester einen neuen Job suchen, denn das Interesse am Pantheon war unwiderruflich erloschen. Die Welt entwickelte sich von einer polytheistischen zu einer (bis heute) monotheistischen Welt. Laut dem Talmud wurde diese globale Veränderung durch die Gebete der Rabbinen erwirkt.

Doch bekanntlich hat alles seinen Preis. Der für die Aufgabe des Götzendienstes war der Verlust der Prophetie, die die authentische Kommunikation mit G’tt bis dahin ermöglicht hatte.

Doch bekanntlich hat alles seinen Preis. Der für die Aufgabe des Götzendienstes war der Verlust der Prophetie, die die authentische Kommunikation mit G’tt bis dahin ermöglicht hatte.

Der Teil des Gehirns beziehungsweise der Seele, der für die Versuchung des Götzendienstes verantwortlich war, ist derselbe Teil, der die Prophetie ermöglicht. Deswegen endete im Judentum mit den Propheten Haggai, Secharia und Malachi auch die Epoche der Prophetie.

Ab jetzt waren das Studium der religiösen Texte und deren Interpretation und nicht mehr die direkte Verbindung des Propheten ausschlaggebend für das Judentum. Eine Welt ohne Prophetie und Götzendienst gleicht einer Welt ohne Essen und dem Bedürfnis nach Essen. Der weltweite Hunger ist zwar besiegt, doch niemand kann mehr in den Genuss einer leckeren Mahlzeit kommen.

Ähnliches sehen wir auch hier. Die Lust auf Götzendienst ist verschwunden, doch wer heute die Stimme G’ttes hören möchte, muss schon genauer hinhören. Es gibt keinen Propheten, der uns zum Beispiel die Kausalitäten von G’ttes Wirken oder G’ttes Meinung zur idealen Abwehr des Klimawandels erklären kann.

Ungewissheit Wir leben in einer Zeit der religiösen Ungewissheit. Schon der antike griechische Philosoph Sokrates soll bezüglich der Unklarheit unserer Welt gesagt haben: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Und auch Goethes Dr. Faustus resümiert nach intensivem Studium: »Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.« Ähnlich bemerkte Rabbi Nachman aus Bratzlaw: »Das Ende allen Wissens ist es, nichts zu wissen.«

Die physische Welt wird zwar immer besser und intensiver erforscht, doch die metaphysische Welt bleibt für die meisten von uns eine Glaubenssache.

Realität Charles Dickens begann seinen Roman Eine Geschichte aus zwei Städten mit den Worten: »Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten.« Vielleicht spiegelt dieser Satz auch die Realität einer Welt ohne Prophetie wider.

»Es war die schlimmste aller Zeiten«, wenn man sich die spirituelle Klarheit eines Propheten erhofft. Doch »es war die beste aller Zeiten«, wenn man in den Genuss einer neuen Beziehung zum Schöpfer kommt – eine Beziehung, die in einer Ambivalenz geboren wird und mit dem Menschen gemeinsam wächst.

Israel

Feiern zu Lag BaOmer am Berg Meron eingeschränkt

An Lag BaOmer gedenken Juden des Aufstands gegen Rom. Zehntausende pilgern traditionell zum Berg Meron in Nordisrael. Kriegsbedingt dürfen dieses Jahr nur 600 kommen – doch Tausende umgehen die Sperren

 05.05.2026

Lag BaOmer

Feuer und Flamme

Zu dem Feiertag werden in Israel viele Lagerfeuer entzündet. Was symbolisieren sie?

von Chajm Guski  05.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  04.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026