Schemini

Darum sollt ihr heilig sein

Eines Tages wird der Mensch verstehen, dass die authentische Spiritualität im Alltag gefunden werden kann. Foto: Getty Images / istock

Schemini

Darum sollt ihr heilig sein

Das jüdische Volk hat den Auftrag, der Menschheit zu zeigen, dass G’tt in allem ist

von Vyacheslav Dobrovych  17.04.2020 08:26 Uhr

Im Wochenabschnitt Schemini lesen wir zum Ende des Abschnitts einen höchst interessanten Vers: »Denn Ich bin der G’tt (Adonai), der euch aus Ägypten geführt hat, dass Ich euer G’tt (Elohim) sei. Darum sollt ihr heilig sein, denn Ich bin heilig« (3. Buch Mose 11,45).

Zunächst finden sich die beiden, in der Tora häufig verwendeten G’ttesnamen Adonai und Elohim in einem Vers wieder. Zum anderen werden die Kinder Israels zur Heiligkeit aufgefordert. Dieser Vers wirft viele Fragen auf. Wieso benutzt die Tora in diesem Vers die verschiedenen G’ttesnamen?

Was bedeutet es, heilig zu sein? Wie stehen der erste und der zweite Teil des Verses miteinander in Verbindung?

Wahrnehmung Die Mystiker erklären, dass die beiden G’ttesnamen für verschiedene menschliche Wahrnehmungen G’ttes stehen. So repräsentiert der Name »Adonai« das Wahrnehmen des G’ttlichen, während es sich auf wundersame und übernatürliche Art und Weise manifestiert. Der Name »Elohim« steht für das Wahrnehmen des G’ttlichen, das sich im alltäglichen Leben zeigt.

Als die Israeliten die Wunder des Exo­dus sahen, offenbarte sich G’tt durch sein Wirken als »Adonai«.

Als die Israeliten die Wunder des Exo­dus sahen, offenbarte sich G’tt durch sein Wirken als »Adonai«. Wenn wir die Schönheit der Schöpfung betrachten, sehen wir, wie sich G’tt durch sein Wirken als »Elohim« offenbart.

So benutzt die Tora im ersten Schöpfungsbericht, im ersten Kapitel des 1. Bu­ches Mose, ausschließlich den Namen »Elohim«, denn es geht dort um das Inkraftsetzen der Naturgesetze.

Im zweiten Schöpfungsbericht hingegen, im zweiten Kapitel des Buches Be­re­schit, wird auch der Name »Adonai« verwendet. »Da machte Adonai, Elohim, den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Geist des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen« (1. Buch Mose 2,7).

Die Erschaffung des Menschen wird hier als Wunder begriffen. Der aus Staub bestehende Mensch kann Mensch sein, da sich der Geist des Lebens in ihm befindet. Die bloße Materie wird belebt, kann nun als Partner des Schöpfers agieren. Daher wird hier auch der G’ttesname »Adonai« benutzt, neben dem im vorigen Schöpfungsbericht ausschließlich verwendeten »Elohim«.

Die moderne Bibelkritik sieht in der Verwendung verschiedener G’ttesnamen ein Indiz dafür, dass der Bibeltext von verschiedenen Autoren verfasst wurde.

Die jüdische Tradition wiederum hatte schon Jahrhunderte vor dem Auftreten der modernen Bibelkritik die verschiedenen G’ttesnamen als Ausdruck der verschiedenen menschlichen Wahrnehmungen G’ttes verstanden.

erklärung Wenden wir uns nun wieder dem Vers zu: »Denn ich bin der G’tt (Adonai), der euch aus Ägypten geführt hat, dass Ich euer G’tt (Elohim) sei.«

Die mystische Erklärung der G’ttesnamen lässt eine neue Interpretation des Verses zu. G’tt (Adonai) führte das jüdische Volk mit zahlreichen Zeichen und Wundern aus der ägyptischen Sklaverei heraus. Doch dies geschah aus einem bestimmten Grund: »Dass ich euer G’tt (Elohim) sei.« Er führte das jüdische Volk aus der Sklaverei heraus, um daraufhin auch in den alltäglichen Wundern erkannt zu werden, um die Menschheit zu lehren, dass der Sonnenaufgang nicht weniger wundersam ist als die Spaltung des Meeres.

Vielleicht kann diese Erkenntnis auch eine Überleitung zum Begriff der Heiligkeit darstellen. Wenn wir in der westlichen Welt an einen Heiligen denken, dann stellen wir uns oft einen asketischen Weisen vor, der die Welt und ihren Trubel verlassen hat, um sich G’tt hinzugeben. Die wenigsten würden bei dem Wort »heilig« wohl an einen Sportler oder an eine Unternehmerin denken.

Doch die Tora fordert alle in der Gesellschaft auf, heilig zu sein. Die Tora glaubt auch nicht an den asketischen Lebensstil. Im Gegenteil. Sie gebietet die Ehe, das Essen und das Trinken, das alltägliche Leben. Und trotzdem fordert sie Heiligkeit.

In der traditionellen jüdischen Philosophie ist der Mensch, der ein heiliges Leben führt, ein auf den ersten Blick ganz irdischer Mensch. Er hat eine Familie, einen Beruf, soziale Kontakte. Doch gleichzeitig ist dieser Mensch durch und durch spirituell. In der Familie und im Beruf, mit jedem Atemzug versucht der heilige Mensch, das Gute zu wählen und sich vom Bösen fernzuhalten. Er löst sich dabei jedoch nicht vom irdischen Dasein, unabhängig davon, wie unpraktisch die Wahl zugunsten des Guten zu sein scheint.

Diese Kombination des Irdischen und des Spirituellen im Alltag zu verwirklichen, ist um einiges anspruchsvoller, als sich vom Irdischen zu lösen.

kohanim Die Tora beschreibt ihr Ideal vom jüdischen Volk mit einem Vers im 2. Buch Mose: »Und ihr sollt Mir werden ein Königreich von Priestern (Kohanim) und ein heiliges Volk« (19,6).

So wie die Kohanim die Rolle der treibenden moralischen Instanz im jüdischen Volk ausüben sollen, so soll das gesamte Volk zu den Kohanim der Menschheit werden. Und das nicht, weil das jüdische Volk in irgendeiner Art und Weise überlegen ist, sondern weil es einer Aufgabe geweiht wurde.

Das jüdische Volk soll der Menschheit offenbaren: G’tt ist in allem. Die Spiritualität ist nichts, was vom Alltag getrennt werden kann.

Das jüdische Volk soll der Menschheit offenbaren: G’tt ist in allem. Die Spiritualität ist nichts, was vom Alltag getrennt werden kann. G’tt ist in unseren irdischsten Momenten. Wir können ihn in der Natur erkennen, im Körper. Im Buch Hiob heißt es: »Aus meinem Fleisch erkenne ich G’tt« (19,26).

Daher ist auch das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, voll und ganz auf das Diesseits fokussiert. Es geht darum, was man essen darf und was nicht, zu welchen Anlässen man trinken sollte und wann man es lieber lässt. G’tt soll beim Essen, beim Schlafen und beim Sprechen offenbart werden.

Durch das heilige Leben offenbart man, dass Spiritualität und Alltag nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sie bilden eine Einheit genauso wie die Wunder und die Natur, wie die G’ttesnamen »Adonai« und »Elohim«.

Der Prophet Secharja sagt vom messianischen Zeitalter: »An jenem Tag wird der Ewige (Adonai) eins und sein Name eins sein« (14,9). Vielleicht bedeutet dies auch, dass der Mensch verstehen wird, dass die authentische Spiritualität im Alltag gefunden werden kann. Denn Natur und Wunder sind eins.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne als Priester sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026