Slichot

Boten der Barmherzigkeit

»Machnissei Rachamim«: Die höchsten Engel, die Diener des göttlichen Thrones der Herrlichkeit, mögen unser Flehen um Barmherzigkeit vor Ihn, den richtenden König, tragen. Foto: Thinkstock

Rosch Haschana, der Geburts- und Richttag der Welt, steht vor der Tür. Das zeigt sich auch in den Gebetsriten, die in diesen Tagen einige Zusätze aufweisen. Bereits seit Beginn des Monats Elul wird täglich nach dem Morgengebet der Schofar geblasen. Außerdem fügen wir zu Schacharit und Maariv den Psalm 27 in den Verlauf unseres Gebetes ein, der auch den Vers enthält: »Ewiger, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!« (Psalm 27,7).

Hinzu kommen die Slichot, die traditionellen Bußgebete, mit denen die Aschkenasim erst kurz vor Rosch Haschana beginnen, während die Sefardim sie bereits seit dem vergangenen Rosch Chodesch, dem Beginn des Monats Elul, rezitieren. Die Slichot sind eine ganz besondere Textsammlung, die um die Erwähnung der 13 Eigenschaften Gottes kreist, deren gnädig-barmherzige und verzeihende Auswirkungen wir uns von Gott in dieser Zeit wünschen.

Schließlich möchten wir ja innerlich vorbereitet sein, wenn die zehn ehrfürchtigen Tage, die Jamim Noraim, ab dem Beginn des Monats Tischri anstehen und schließlich in Jom Kippur, den großen Tag der Sühne, münden.

NAchtwachen Die Slichot werden traditionell nachts oder frühmorgens vor dem Schacharit gesagt. Der Grund dafür ist nicht bloß ein ästhetischer – dass solch düstere und traurige Gebete des Nachts rezitiert werden sollten –, sondern auch ein metaphysischer. Unsere Weisen lehren uns in einer allegorischen Auslegung, dass Gott in den drei Nachtwachen spricht (Talmud Berachot 3a): »Oj, meine Kinder! Ihrer Vergehen wegen habe ich mein Haus zerstört, meinen Tempel verbrannt und sie unter die Völker verbannt.«

Dementsprechend sind die nächtlichen Wachen laut der jüdischen Tradition besonders geeignet für reuige Gebete und flehende Stimmen, die ihre Bestürzung über die Zerstreuung Israels unter die Völker und den Untergang des Tempels zum Ausdruck bringen möchten (Tur O’CH 1).

Eines der bekanntesten Slichot-Gebete ist ein kurzer, gleichförmig strukturierter hebräischer Text, der nichtsdestoweniger zu den umstrittensten gehört. »Machnissei Rachamim« (»Boten der Barmherzigkeit«) heißt er und wiederholt in stets anderslautenden Bitten den vielleicht metaphorischen Wunsch, die höchsten Engel, die Diener des göttlichen Thrones der Herrlichkeit, mögen unser Flehen um Barmherzigkeit vor Ihn, den richtenden König, tragen und es tätig unterstützen.

Das Heikle an diesem Gebet liegt darin, dass es sich an die Malachim, die Engel, wendet und nicht an Gott gerichtet ist, dem nach dem strengen Prinzip des jüdischen Monotheismus die alleinige Anbetung gebührt. So wurde dies auch von Maimonides, dem Rambam, im fünften seiner 13 Glaubensprinzipien kodiert. Daher lehnen manche Beter diesen Text als grenzwertig ab.

freitagabend Allerdings ist zu beachten, dass die Tradition noch weitere Gebete kennt, die ebenfalls die hohen spirituellen Diener Gottes ansprechen. Darunter ist auch das beliebte Freitagabend-Lied »Schalom Alejchem«, in dem wir die Engel bitten, uns zu segnen.

Wieso aber, fragt man sich, wenden wir uns an die Engel? Können sie denn mehr ausrichten als Gott? Dies ist natürlich nicht der Fall. Vielmehr mag man die Antwort neben anderen Gründen in den Midraschim suchen, die einige verborgene Dinge von Menschen und Engeln zu berichten haben.

Auffällig ist dabei, dass diese göttlichen Sendboten in den Darstellungen unserer Weisen häufig Israel und der Menschheit feindlich gegenüberstehen, und zwar aus Neid. Als Gott den Menschen formen wollte, so sagt die Überlieferung, schuf er zunächst eine Gruppe von Engeln und sagte zu ihnen: »Lasst uns einen Menschen in unserem Bild machen.«

Nachdem die Engel sich über das Wesen und die Zukunft des Menschen informiert hatten, rieten sie Gott davon ab, die Menschheit zu erschaffen. Da verbrannte Gott die ganze Gruppe und erschuf eine neue Engelsklasse. Hier wiederholte sich allerdings die Diskussion. Erst die dritte Gruppe von Engeln pflichtete dann dem göttlichen Entschluss bei (Talmud Sanhedrin 38b).

Eine andere Geschichte berichtet uns von Mosche Rabbenus Aufstieg in die göttliche Sphäre, um die Tora abzuholen. Da sprangen die Engel sofort dazwischen und wollten Gott davon abbringen, die heilige Tora einem Volk aus Fleisch und Blut zu überlassen.

Gott forderte unseren Lehrer Mosche daraufhin auf, den Engeln ein Argument vorzulegen, warum ausgerechnet er und Israel die Tora bekommen sollten. Da sprach Mosche, zu Gott gewandt: »Herr der Welt, was steht denn in dieser Tora, die Du mir geben willst? Heißt es dort nicht: ›Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus der Sklaverei geführt habe‹? Und ihr Engel, wart ihr denn in Ägypten? Wart ihr etwa des Pharaos Sklaven?« (Talmud Schabbat 88b).

Mosche Rabbenu führt noch weitere Beispiele wie den Schabbat und das Gebot, die Eltern zu ehren, an, die alle nur für Menschen von Bedeutung sind, nicht aber für himmlische Wesen, die nicht arbeiten und keine Eltern haben. Somit bewies er den Engeln, dass die Tora mit all ihren Geboten von vornherein für Israel bestimmt war und nicht bei Gott verbleiben sollte.

Aramäisch Gott ist in diesen Midraschim immer auf Seite der Menschen und unterstützt sie. Dennoch bemühen wir uns, den Engeln versöhnlich und offen gegenüberzustehen oder zumindest Konflikten auszuweichen. Auch dazu ein Beispiel: Unsere Weisen berichten, dass die Engel die aramäische Sprache nicht verstehen, da sie in ihrer hohen Heiligkeit nur die hebräische Sprache, also des Himmels eigene, beherrschen und keine irdische (Talmud Sota 33a).

Nun halten wir aber viele Gebete in aramäischer Sprache, wie etwa auch das Kaddisch, das häufigste Gebet des Tages. Die Engel verstehen das Kaddisch also gar nicht! Wieso aber beten wir es dann nicht auf Hebräisch?

Die Tosafisten, die wichtigsten Talmudkommentatoren nach Raschi, zitieren im Traktat Berachot 3a eine Meinung, wonach der Grund für die aramäische Fassung des Kaddisch vielleicht der sei, dass der Text so schön und rhetorisch ausgefeilt ist, dass er den Neid der Engel hervorrufen würde, die ja laut Midrasch ebenfalls täglich Gottespreisungen aussprechen. Obgleich die Tosafisten diese Argumentation letztlich ablehnen, zeigt doch der Denkansatz, dass wir immer bemüht sind, dem schlechten Einfluss der Engel auszuweichen, auf dass sie uns nicht vor Gott anschwärzen.

Von hier wird auch die Stellung des Slicha-Gebets »Machnissei Rachamim« verständlich. Der Monat Elul, und überhaupt die Zeit um Rosch Haschana und Jom Kippur, steht im Zeichen der Versöhnung und der Gottesnähe. Wir Menschen suchen den Ausgleich mit allen Geschöpfen, auch den himmlischen Wesen. Jeglicher Streit soll geschlichtet werden, sogar wenn er nur in den metaphorischen Spielereien des Midrasch existiert und nicht in Wirklichkeit. Daher möge man auch dieses Slicha-Gebet so auffassen, dass wir die Engel als Freunde und Unterstützer anrufen und sie bitten, sie mögen unser Flehen und Bitten, das in reiner Absicht zum Guten ausgesprochen wird, mitwirkend vor Gott tragen und zu wahren Boten Seiner Herrlichkeit werden. Ketzerei im Sinne einer Engelverehrung ist hier nicht zu entdecken.

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