Ex-Charedim

Auswege gesucht

Wer als Aussteiger aus der ultraorthodoxen Welt ausbricht, »kehrt zur Frage zurück« – und verlässt eine Welt, in der es nur Antworten gibt. Foto: Flash 90

Der Tod von Faigy Mayer quält mich immer noch. Neulich bin ich mitten in der Nacht aus seltsamen Träumen aufgewacht: Träume, in denen auch ich an einer physischen oder symbolischen Klippe stehe und den Impuls habe zu springen.

Es ist nicht wirklich mein eigenes Ich, das sich am Abgrund befindet, aber im Traum spüre ich, dass ich es irgendwie doch bin. Diese Träume sind Ausdruck eines Gefühls, dessen ich mir auch bei Tageslicht sehr wohl bewusst bin: Der Körper der Ex‐Charedim ist eine Art gemeinsamer Körper.

Suizid Faigy Mayer, eine Aussteigerin aus der Gemeinschaft der Belzer Chassidim in New York, sprang im Sommer von einem Hochhaus in Manhattan in den Tod. Sie war 29 Jahre alt. Ihr Schicksal ist auf seltsame und unerklärliche Weise auch mein eigenes. Und ich habe Angst davor, dass ich mein Schicksal nicht frei wählen kann, sondern dass es außerhalb meiner Kontrolle liegt. Mir graut vor dem nächsten schwachen Moment. Ich fürchte, dass auch ich von unsichtbaren Händen über die Kante ins Nichts geschoben werde.

Was muss ich fürchten? Um diese Frage zu beantworten, muss ich eine sehr komplexe Situation vor Ihnen ausbreiten. Ich spreche vom Problem der Dissidenten der ultraorthodoxen Gemeinschaft oder auf Hebräisch: »Jotzim bescheala«: Aussteiger, die »zur Frage zurückkehren«. Sie verlassen eine Welt, in der es nur Antworten gibt.

Einsam
Wenn wir diese Welt und ihre erdrückenden Kokons aufgeben, finden wir uns ganz allein wieder, ohne Freunde, ohne Familie, ohne wirkliche Unterstützung. Die Menschen aus unserer Vergangenheit schikanieren und belästigen uns, und diejenigen, die ein Teil von unserer Zukunft werden wollen, müssen darum kämpfen, uns überhaupt zu verstehen.

Für Menschen, die aus der chassidischen Gemeinschaft austreten, kennt Letztere leider nur eine einzige Lösung: Bringt sie auf allen Ebenen zum Scheitern! Nur so kann sich die oft wiederholte Warnung der Ultraorthodoxen im Nachhinein als richtig erweisen: Wer uns verlässt, scheitert zwangsläufig. Faigys Sprung in die Tiefe wird jungen Chassidim, die erste Anzeichen erkennen lassen, vom Weg abzuweichen, als mahnendes Beispiel vor Augen geführt werden. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit werden auf diese Weise missbraucht, um Unterordnung zu erzwingen.

Grausamkeit In der amerikanischen Presse wurde berichtet, Faigys Familie sei ihr gegenüber besonders grausam gewesen, was möglicherweise zu ihrem verzweifelten Sprung geführt habe. Für mich ist das gut nachvollziehbar. Ich habe immer noch die Briefe meiner Familie vor Augen, in denen ich dazu angestachelt werde, mich umzubringen. Mein Grab sei schon vorbereitet, und man könne es kaum erwarten, darauf zu tanzen.

Gelegentlich werden auch Gerüchte verbreitet, ich hätte bereits Suizid begangen. Je stärker mich dieser Gedanke in meinem Leben verfolgt, desto größer ist meine Angst, diesem Wunsch schließlich doch »gerecht« zu werden.

Wahrscheinlich war Faigy an einem Punkt angelangt, an dem für sie alle Hoffnung verloren schien. Wenn ich selbst einmal diesem Gefühl zu nahe gekommen bin, habe ich mich mit aller Kraft daran erinnert, dass ich mir selbst versprochen habe, stets dafür zu kämpfen, dass mein Sohn ein besseres Leben haben soll, als ich es hatte.

Bruch Ich entschied mich, nach Berlin zu ziehen, weil ich einen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit wollte und ich die jüdische Gemeinde in Berlin als relativ tolerant empfand. Hier, dachte ich, ist man frei genug, das eigene Judentum in seinem eigenen Tempo zu bestimmen. Für mich war das außerordentlich wertvoll.

Ich bin nicht die einzige Ex‐Charedi, die in die »alte Heimat«, also nach Europa zurückgekommen ist. Viele von uns sind sich der alten Ex‐Charedi‐Tradition, die sich über viele Generationen in der Diaspora erstreckt, bewusst, und wir fühlen uns mit diesem Erbe tief verbunden. Es ist unsere Chance, neue Wurzeln zu schlagen, um den Schmerz – verursacht dadurch, dass unser ursprüngliches Wurzelsystem so plötzlich aus dem Boden unter uns weggerissen wurde – zu lindern.

Identität Ich habe keinen Kontakt mehr zu den Menschen, die mich erzogen haben, aber ich habe ein Gefühl der jüdischen Identität auf der Grundlage einer besonderen spirituellen Beziehung. Ich bin von großen Ex‐Charedim, die vor mir geboren wurden, völlig begeistert: Spinoza, Chagall, Scholem Alejchem, um nur einige von vielen zu nennen.

Heute ist das mein Judentum. Aber ich muss einräumen, dass ich nicht aus der charedischen Gemeinschaft entlaufen bin, weil ich meinen Glauben verlor. Ich erinnere mich noch an die Tage, als ich ganz klein war und die Vorstellung hatte, das Gott seine Hand über mich hält, wie ein netter, schützender Freund.

Dann hat man mir erklärt, dass Gott allmächtig und fürchterlich ist und ich vor ihm zittern und mich selbst bestrafen muss. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Gott aufgegeben hatte, als ich die charedische Gemeinschaft verließ, aber ich musste unbedingt diese Welt verlassen, die meine Beziehung zum Göttlichen verdrehen und verzerren wollte.

Erst viel später war ich in der Lage, mich von Gott zu lösen, und das fühlte sich an wie das Loslassen einer Krücke. Es war eine Erleichterung, mir keine Sorgen mehr darüber machen zu müssen, ob er existiert oder nicht und was für einen Charakter er wirklich hat.

Verrat Vielleicht ist der eigentliche Machtmissbrauch, der in der ultraorthodoxen Gemeinschaft auftritt, die Zerstörung der eigenen Beziehung zur Vorstellung von Gott. Alle weiteren Misshandlungen können auf diesen ersten Verrat zurückgeführt werden.

Du musst Gott fürchten, sagen sie, oder er wird dich bestrafen, so wie er alle Juden bestraft hat, mit dem Holocaust und davor mit den Pogromen, und davor mit der Inquisition. Gottes Strafe ist daher nicht nur eine Tracht Prügel, sondern die totale und apokalyptische Zerstörung.

Man muss alle Regeln befolgen, auch wenn man allein ist, weil man das bedrohliche Auge Gottes bis in die intimsten Sphären fühlt. Man bereut jeden sündigen Gedanken, und man tut alles, was man kann, um sich Gottes Wohlwollen zu verdienen. Es fühlt sich wohl ähnlich an wie eine dem Untergang geweihte Beziehung zu einem emotional abwesenden Vater.

Letztendlich muss man lernen, diese Beziehung zu kappen, weil man weiß, dass der Vater sich nicht ändern wird. In Wirklichkeit ist der Vater nicht Gott, sondern die charedische Gemeinschaft.

Glaubenssystem Und es gibt wenig, was die jüdische Gemeinschaft tun kann, um die sich auftuende Kluft zu schließen, weil jede oberflächliche Veränderung in der Haltung oder im Verhalten eine komplette Überholung des Glaubenssystems erfordern würde. Dieses Glaubenssystem wurde durch den Holocaust begründet. Mich schaudert es, daran zu denken, was es bedeuten würde, wenn es wieder zerbricht.

Doch eines ist sicher: Die Situation verschlechtert sich weiter, und sie bedroht uns alle, nicht nur die Mitglieder extremistischer Gemeinschaften. Der ultraorthodoxe Mann, der im Juli bei der Gay Pride Parade in Jerusalem ein 16‐jähriges Mädchen niedergestochen und tödlich verletzt hat, ist leider keine Anomalie, sondern, konsequent gedacht, ein »sinnvolles« Produkt einer Umgebung, in der die Verurteilung Andersdenkender und -fühlender in den primitivsten und gewalttätigsten Formen ausgedrückt wird.

frustration Die Sprache, die verwendet wird, um diejenigen, die nicht den Charedi‐Normen entsprechen, zu verdammen, wird immer brachialer und die Haltung ihnen gegenüber mehr und mehr von Hass geprägt. Dieser Hass aber wird von der Gemeinschaft für »spirituell akzeptabel«, für bewundernswert gehalten, und genau darin liegt die Gefahr. Die Gefühle der Frustration müssen in jedem Bereich des Lebens verdrängt werden. Wo sonst sollten sie
entweichen, wenn nicht auf diesem unmenschlichen Weg, der von der Führung gebilligt wird.

Bisher gab es in der weltweiten jüdischen Gemeinschaft eine allgemeine Abneigung gegen eine Einmischung in ultraorthodoxe Kreise. Das muss sich ändern. Wenn ihr jemandem aus einer Charedi‐Gemeinschaft begegnet, denkt daran: Bevor ihr diese Person und ihre Entscheidungen, ihr Verhalten oder ihren Hintergrund beurteilt oder verurteilt, betrachtet die Umstände, unter denen dieser Mensch leben muss.

Sensibilität
Es ist wichtig, dass wir als Individuen eine größere Sensibilität und mehr Verständnis für die wenigen Menschen entwickeln, die es schaffen, die ultraorthodoxe Gemeinschaft zu verlassen – egal, wie unterschiedlich unsere Hintergründe oder die Art unserer Religionsausübung sein mögen. Glaubt mir, wenn ich dies sage: Wir haben alle die gleichen Seelen.

Sobald wir das verstehen, sobald wir als Juden einander erkennen und die gemeinsamen Bande fühlen anstatt die trennenden Unterschiede, können wir beginnen zusammenzuarbeiten, um einen frischen und progressiven Geist in die jüdische Welt einziehen zu lassen.

Die Autorin wuchs in der chassidischen Gemeinschaft Satmar in den USA auf. Sie lebt in Berlin. Ihr US‐Bestseller »Unorthodox« erscheint im Februar 2016 auf Deutsch.

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