Strafe

Amt und Anmaßung

Nicht jedes Feueropfer ist g'ttgewollt. Foto: Flash90

In der Flut negativer Nachrichten über Managergehälter und die Käuflichkeit von Politikern suchen wir oft vergeblich nach positiven Beispielen für Führungspersönlichkeiten. Beim Studieren der Tora erscheinen auch die jüdischen Anführer nicht immer ihren hohen moralischen Maßstäben gerecht. Häufig wird ein zweiter Blick des Kommentars gebraucht, um hinter den Personen und ihren Geschichten eine nachahmende würdige Gesinnung zu erkennen.

Im Wochenabschnitt Schemini werden wir mit dem Tod zweier Kronprinzen, Nadav und Avihu, konfrontiert. Während der 40‐jährigen Wüstenwanderung begleiten die Söhne Aharons treu das Volk Israel und verdienen damit die Ehre, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Jedoch werden sie am Tag ihrer Priesterweihe bei der Darbringung ihrer Feueropfer von einem göttlichen Feuer verzehrt.

selbstgefällig Die Tradition sucht nach Gründen für ihr angebliches Fehlverhalten und auch für die Höhe ihrer Strafe. Raschi bemerkt in seinem Kommentar, dass der Fehler offenbar nicht im Darbringen des Feueropfers selbst bestand. Denn am Anfang des 3. Buches Moses steht geschrieben: »Die Söhne Aharons, des Priesters, sollen Feuer auf den Altar tun« (1,7). Ihre Sünde resultierte vielmehr aus der Tatsache, dass die Opferung ohne Auftrag geschah (10,1). Sie handelten aus Selbstgefälligkeit und ohne Rücksicht. So eine Fehlentscheidung, die scheinbar eine Kleinigkeit ist, kann enorme Folgen nach sich ziehen. Arrogantes und selbstgerechtes Benehmen können fatale Konsequenzen sowohl für die Urheber als auch für ihre Gefolgsmänner haben.

Deswegen verurteilt auch der Midrasch das unverantwortliche Handeln, indem er darauf hinweist, dass Nadav und Avihu überflüssigerweise »jeder seine« Rauchpfanne nahmen (3. Buch Moses 10,1). Selbstherrlich und eigenständig entschied jeder der Brüder, das Feueropfer selbst darzubringen. Das Vergehen wäre wahrscheinlich vermeidbar gewesen, hätten sie die Ältesten oder einander um Rat gefragt. Sie waren nicht in der Lage, den eigenen Eifer zu zügeln und nüchtern eine Entscheidung zu treffen. Dies führte zur Katastrophe. Nicht ohne Grund wird in unserem Wochenabschnitt den Priestern verboten, berauscht im Tempel zu dienen.

machtstreben Für viele Gelehrte der mündlichen Tora liegen die Gründe für die hohe Strafe der Brüder ebenfalls in ihren negativen Charakterzügen. Die Helferrolle in der zweiten Reihe hinter Mosche und Aharon stellte sie nicht mehr zufrieden. Mit Ungeduld warteten sie darauf, dass die Altvorderen endlich abtreten, damit sie ihren Platz besetzen können. Das ungezügelte Streben nach Macht wurde den Brüdern zum Verhängnis. Deshalb schrieb auch Raschi in seinem Kommentar: »Sie starben, weil sie Herrschaft und eine hohe Stellung begehrten«.

Im Wochenabschnitt Schemini begegnen wir auch einer Episode, in der der Midrasch ausgerechnet Mosche und Aharon als Gegenbeispiel darstellt. Als Mosche am achten Tag der Priesterweihe seinem Bruder sagte: »Tritt hierzu an den Altar, und opfere dein Sühnopfer« (3. Buch Moses 9,7), zögerte Aharon. Als er den Altar erblickte, verließ ihn der Mut, weil die scharfen Altarecken ihn an die Hörner des goldenen Kalbes erinnerten. Tiefes Schamgefühl empfand er wegen der unfreiwilligen Teilnahme am Bau des goldenen Kalbes. Zweifel überwältigten ihn: Ob er des Priesteramtes würdig sei?

Doch Mosche beruhigte ihn, indem er ihm zu verdeutlichen versuchte, dass Irren menschlich sei. Doch Schuldbewusstsein ist notwendig auf dem Weg zur Vergebung. Die Gewissenhaftigkeit, die Aharon auszeichnet, ist eine wichtige Voraussetzung für seine Erwählung, das Volk Israel zu repräsentieren.

bescheidenheit Aus Aharons Lebensschicksal wollen wir die Bedeutung des Anstands und der Bescheidenheit hervorheben. Dreistigkeit und Überheblichkeit, die wir bei Nadav und Avihu beobachten können, werden im Judentum verpönt und verurteilt, wie es in den Pirkej Avot, den Sprüchen der Väter, steht: »Ein Frecher verdient die Hölle, ein Bescheidener das Paradies« (5,26).

Die Mäßigkeit sollte ein wichtiges Charaktermerkmal unserer Vorsteher werden. Dies würde sie nicht nur moralisch bereichern, sondern ihnen auch helfen, wichtige Entscheidungen besser zu treffen. Und uns wiederum würde die neue Genügsamkeit der Entscheidungsträger ermöglichen, sie wieder als Vorbilder zu sehen.

Der Autor unterrichtet Jüdische Religionslehre in Dortmund, Gelsenkirchen und Bielefeld.

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