Talmudisches

Aller guten Dinge sind drei

»Drei Dinge wurden der Welt geschenkt, die Tora, die Himmelskörper und der Regen« (Be­reschit Rabba 6,5). Foto: Getty Images / istock

Im Talmud (Schabbat 88a) lesen wir von einem »gewissen Galiläer«, der vor Rabbi Chisda, einem Amoräer der dritten Generation in Babylonien, Folgendes vortrug: »Gesegnet sei der Barmherzige, der ein Dreifaches schenkte: nämlich die Tora, die Bücher der Propheten und die Schriften. All dies gab er Seinem Volk: den Kohanim, den Leviten und den Israeliten. Und er gab es durch Mosche, das dritte Kind seiner Eltern Amram und Jochewed.«

Konzept Bei der Idee der Trinität werden alle Theologen sofort für den »christlichen« Ursprung plädieren, doch dieses Konzept ist bereits vorchristlich. Im Folgenden sollen weitere Beispiele aus dem reichen Fundus der »Jüdischen Trinitäten« gegeben werden.

So sagte Rabbi Jonathan: »Drei Dinge wurden der Welt geschenkt, die Tora, die Himmelskörper und der Regen« (Be­reschit Rabba 6,5). Und Rabbi Levi sagte: »Die Stimme dreier Dinge wandert von einem Ende der Welt zum anderen, doch kein Geschöpf hat sie je gehört: der Tag – das heißt die Sonne –, der Regen sowie die Seele, wenn sie den Körper verlässt« (6,7).

Rabbi Nechemia sagte: »In sechs Tagen schuf der Ewige Himmel und Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist (2. Buch Mose 20,11). Diese drei bilden die Grund­elemente der Schöpfung. Sie warteten jeweils drei Tage und brachten dann drei Dinge hervor. Die Erde wurde am ersten Tag erschaffen.

Hillel Laut der Schule von Hillel hat die Erde drei Tage gewartet – den ersten, zweiten und dritten Tag – und brachte dann drei Generationen hervor: Bäume, Kräuter und den Garten Eden. Das Firmament wurde am zweiten Tag erschaffen, zögerte drei Tage – den zweiten, dritten und vierten Tag – und brachte drei Generationen hervor: die Sonne, den Mond und die Sternbilder. Die Meere wurden am dritten Tag erschaffen, verweilten drei Tage – den dritten, vierten und fünften Tag – und brachten drei Generationen hervor: Vögel, Fische und sogar den Leviathan« (Bereschit Rabba 12,5).

Rabbi Schimon bar Jochai sagte: »Drei Dinge sind gleich wichtig: die Erde, der Mensch und der Regen.« Und Rabbi Levi ben Hijata sagte: »Diese drei Begriffe bestehen aus jeweils drei Buchstaben, um folgende drei Dinge zu lehren: Ohne Erde gibt es keinen Regen, ohne Regen kann die Erde nicht bestehen, und ohne beides kann der Mensch nicht existieren« (13,3).

Rabbi Jehuda sagte im Namen von Rabbi Elazar: »Drei Dinge heben das Dekret des Bösen auf: das Gebet, die Gerechtigkeit und die Reue« (Bereschit Rabba 46,12).

Sommerzeit Gerade jetzt zur Sommerzeit lesen wir an den langen Schabbatnachmittagen häufig aus den sogenannten Sprüchen der Väter, den Pirkej Awot: »Akawja ben Mahalalel sagte: Beachte folgende drei Dinge, und du wirst nicht dem Frevel verfallen: Sei dir dessen bewusst, woher du kommst und wohin du gehst und vor wem du einst Rechenschaft ablegen wirst« (3,1).

Wenn eine religiös motivierte Handlung dreimal wiederholt wird, gilt sie nach talmudischem Recht als fest verankert und verbindlich. Die dreifache Wiederholung steht also auch für Beständigkeit.

Kol Nidre Deshalb tun wir vieles dreifach, denn dies bestärkt unsere Tat. Zum Beispiel werden viele Gebete, wie die Amida, dreimal am Tag wiederholt, und mindestens drei Personen werden in der Synagoge zur Schriftlesung aufgerufen. Und am Vorabend von Jom Kippur wird das Kol Nidre als Auflösung oder Rücknahme der erzwungenen Gelübde als Formel dreimal wiederholt. Damit erlangt diese Formel Gültigkeit für die ganze Gemeinschaft.

Gerne zitiert man in unseren Kreisen bei verschiedenen Gelegenheiten aus Kohelet, dem Predigerbuch des weisen Königs Salomon: »Eine dreifache Schnur zerreißt nicht so bald« (4,12). Die Dreiheit ist also keine christliche Erfindung, sondern dem Judentum seit uralten Zeiten vertraut.

Standpunkt

In der Tradition verwurzelt, der Welt zugewandt

Rabbiner Bradley Shavit Artson plädiert für ein selbstbewusstes, offenes und traditionsverbundenes Judentum, das sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt

von Rabbiner Bradley Shavit Artson  05.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Aleeza Ben Shalom

»Wir suchen nach Körper und Seele«

Als Star der Netflix-Serie »Jewish Matchmaking« ist sie international bekannt und kommt auch nach Deutschland. Funktioniert die jüdische Liebe hierzulande anders?

von Mascha Malburg  02.11.2026

Wajera

Lots Töchter

Wie in der Tora über Inzest und sexuelle Gewalt gesprochen wird

von Paige Harouse  30.10.2026

Talmudisches

Sonnenanbeter

Was unsere Weisen über die Macht lehren, die wir dem Zufall zuschreiben

von Vyacheslav Dobrovych  30.10.2026

Mobilität

Scootern am Schabbes?

Was Rabbiner über Fahrräder, Roller und die Belohnung für jeden Schritt lehren

von Rabbiner Dovid Gernetz  29.10.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  26.10.2026

Lech Lecha

Mut zur Veränderung

Unsicherheit ist Teil jedes neuen Anfangs – doch manche Wege öffnen sich erst, wenn wir sie betreten

von Rabbiner Boris Ronis  23.10.2026

Talmudisches

Das Gebet am Ende der Mahlzeit

Tischgebete kennen alle Weltreligionen. Doch während sich beispielsweise Christen vor dem Essen für das »tägliche Brot« bedanken, steht in der jüdischen Tradition der Dank am Ende der Mahlzeit. Aus einem ganz besonderen Grund

von Detlef David Kauschke  23.10.2026