Interview

»Zehn Jahre zu spät«

Berndt Georg Thamm Foto: dpa

Herr Thamm, was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens gehört haben?
Mein erster Gedanke? Zehn Jahre zu spät!

Welche Bedeutung hatte die Person Osama bin Laden überhaupt noch?
Er ist vom militärischen Führer einer islamistischen Terrororganisation letztendlich zum spirituellen Lenker einer Bewegung geworden. Als Begründer des modernen Dschihad und vor allem durch seine Vita hat er sich schon zu Lebzeiten für einige zu einer Legende, zu einer Art arabischem Che Guevara gewandelt.

Ist mit seinem Tod Al Qaida empfindlich geschwächt?
Nein. In den vergangenen Jahren haben sich Strukturen entwickelt, die völlig autonom sind, regional wirken und als gemeinsame Klammer letztlich nur noch das Gedankengut haben, das finale Ziel. Aber ansonsten machen die Jemaah Islamiyah im indonesischen Raum ihr Ding, die Zentralasiaten oder Maghrebiner das ihre, im subsaharischen Afrika läuft es genauso. Es gibt einen Riesenstrauß an unterschiedlichen terroristischen Möglichkeiten, die sich unabhängig von der Rumpf-Qaida weiterentwickeln.

Was ändert sich denn nun – global gesehen – sicherheitspolitisch?
Überhaupt nichts. Allenfalls eine temporär noch etwas höhere Gefahrenlage für US-Einrichtungen im Ausland. Dem tragen die Amerikaner ja durch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen Rechnung. Das betrifft natürlich auch Europa und Deutschland. Aber diese Gefahr von Racheanschlägen wird temporärer Natur sein und uns nicht über Legislaturperioden begleiten. Ansonsten sind die USA ohnehin, wie es Ayatollah Chomeini 1979 formuliert hat, »der große Satan« und, gemeinsam mit dem »kleinen Satan« Israel und deren Verbündeten, Ziel des Dschihad. Daran hat sich durch den Tod bin Ladens überhaupt nichts geändert.
Wird sich für Israel die Sicherheitslage verschärfen? Die Hamas hat ja den »Mord« an bin Laden schon verurteilt.
Es mag den einen oder anderen Einzeltäter geben. Vielleicht nutzt die Hamas die Situation temporär für ihre psychologische Kriegsführung. Für Israel sehe ich weniger durch den Abgang von bin Laden als eher durch die nicht immer ganz vorhersehbaren Entwicklungen der arabischen Revolutionen – etwa in Syrien – ein Gefahrenpotenzial.

Aber Al Qaida hat doch immer wieder den Nahostkonflikt propagandistisch ausgeschlachtet.
Das ist eine andere Geschichte. Wenn es den Nahostkonflikt nicht gäbe, würde Al Qaida den Kaschmir- oder Kaukasus-Konflikt oder welchen auch immer aufs Tableau heben, um diesen dann zu instrumentalisieren. Es hat immer wieder Hinweise gegeben, dass die Terrorgruppe versucht hat, über das Thema Gaza zu punkten. Deswegen glaube ich nicht, dass die Geschehnisse in Pakistan besondere Folgen für Israel haben werden. Höchstens indirekt, als Bündnispartner der Amerikaner.

Wie bedroht sind jüdische Einrichtungen derzeit?
Die sind nach wie vor auf höchster Gefährdungsstufe. Aber nicht verstärkt wegen bin Ladens Tod.

Mit dem Berliner Publizisten und Terrorexperten sprach Ingo Way.

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und Europas Handlungsfähigkeit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären.«

 02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Auschwitz-Birkenau

Romani Rose: Gewalt gegen Sinti und Roma nimmt zu

Zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma warnt der Vorsitzende deren Dachorganisation, Mitglieder der Minderheit seien wieder mehr Anfeindung ausgesetzt

 02.08.2026

Berlin

Nach CSD-Anschlag: Union will Tempo machen für schärfere Gesetze

Der Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days in der Hauptstadt löste eine Debatte darüber aus, ob bestehende Gesetze ausreichen. Eine Umfrage ergibt: Das Sicherheitsgefühl ist bei vielen Bürgern gesunken

 02.08.2026

Brandenburg

Gedenkführungen zu NS-Verbrechen gegen Sinti und Roma

Hunderttausende Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zwei KZ-Gedenkstätten wollen heute mit Führungen an die Opfer erinnern

 02.08.2026

Washington D.C.

Trump: Angriffe auf Iran abgesagt - »Umrisse einer Einigung«

Das US-Militär stand Berichten zufolge kurz vor einer massiven Angriffswelle auf Ziele im Iran. Nun will der US-Präsident anscheinend darauf verzichten

 02.08.2026 Aktualisiert

Nahost

Nach Berichten über US-Angriffspläne: Teheran droht Nachbarländern, greift Ziele in Kuwait an

Irans Außenminister Abbas Araghtschi droht, die schlagkräftigen Streitkräfte seines Landes würden auf jeden »Akt der Aggression« entschlossen reagieren

 02.08.2026

Ankaras Machtfantasien

Wie die türkische Führung von der Eroberung Jerusalems träumt

von Eren Güvercin  01.08.2026