Engagement

Zedaka mit Skalpell

»Jemand braucht Hilfe. Ich gebe Hilfe. Das ist Arztsein.«: Roberto Spierer Foto: Sabeth Stickforth

Er könne eine jüdische Antwort geben: »Warum nicht?«, sagt Roberto Spierer, 53. Die Frage lautete: Warum behandelt ein plastischer Chirurg aus Berlin Kinder aus dem Irak oder Afghanistan – kostenlos?

»Die Wahrheit ist: In diesem Beruf gehört Helfen dazu. Jemand braucht Hilfe. Ich gebe Hilfe, das ist sehr direkt, das ist Arztsein.« Spierer lächelt über seinem Kaffee, und man merkt dem ehemaligen Judoka die Drahtigkeit noch unter dem Jackett an.

brandwunden Hamda Kawia: Die 17-Jährige aus dem kurdischen Teil des Irak wurde von ihrem Onkel mit Benzin übergossen und angezündet, weil sie den Mann nicht heiraten wollte, den er für sie vorsah. Entstellt im Gesicht, an Armen, Händen und Brust, gelangte sie irgendwann auf einem Lastwagen nach Deutschland – das Land ihrer letzten Hoffnung.

Hilfe fand sie bei der Berliner Organisation »Placet«, einem gemeinnützigen Verein plastischer Chirurgen. Roberto Spierer und seine Kollegen behandeln Hamda jetzt in mehreren Schritten. Zunächst die Hände. Brandnarben können sich zusammenziehen und verhärten. Deshalb war das Mädchen nicht mehr fähig, die Hände zu öffnen und zu gebrauchen. Es sind komplizierte Gewebetransplantationen nötig. Die Narben werden aufgeschnitten und in die Lücken hinein Haut und Unterhaut vom Unterarm mitsamt einem Stück Schlagader verpflanzt. Das verlangt viel Präzision und chirurgische Erfahrung.

Hamda Kawia wird bald 23 Jahre alt und lebt derzeit in Mainz. Es wird noch eine Vielzahl von Operationen vonnöten sein, bis sie wieder ein normales Leben führen kann. »Ein Verbrennungsopfer ist wie eine gotische Kathedrale, wie der Kölner Dom: Es gibt immer was zu tun, und Sie werden nie fertig«, sagt Roberto Spierer.

spenden Finanziert werden diese und andere Operationen ausschließlich durch Spenden. Placet wurde 2001 von dem Berliner plastischen Chirurgen Frank Peter gegründet. »Die Idee ist, Kriegs- und Terroropfer, die vor Ort nicht angemessen versorgt sind, hier zu behandeln.« Sechs Chirurgen operieren so jährlich vier bis sechs Kinder. Manche mehr als sechs Monate lang in bis zu zehn OPs. Roberto Spierer ist seit 2002 dabei.

Eine seiner Patientinnen ist die siebenjährige Sawita. Sie stammt aus der nordafghanischen Provinz Takhar. 2009 hat sie schlimme Verbrennungen erlitten. Narbenkontrakturen an Augen, Oberlippe und der rechten Hand sowie flächige Entstellungen im Gesicht wurden seitdem nicht behandelt. Im September 2012 brachte ein Transport vom Friedensdorf International Sawita zur Behandlung nach Berlin und zu Placet. Mitte Oktober erhielt sie die erste Operation. Das verzogene rechte Unterlid und die rechte Oberlippe wurden korrigiert.

Eine Woche später die zweite OP: Die narbigen Kontrakuren in der rechten Hohlhand und zwischen den Fingern konnten durch Vollhaut aus der Leiste aufgelöst werden. Im November bereits kehrte Sawita in das Friedensdorf nach Oberhausen zurück. Anfang Januar mussten die Hand und das Gesicht in zwei weiteren Eingriffen fertig operiert werden. In Oberhausen wird die Hand weiter beübt, und Sawita muss noch Schiene und einen Kompressionshandschuh tragen, die von einer Manufaktur gespendet wurden. Im Februar kehrt sie zu ihren Eltern zurück.

Inzwischen hat sich in Berlin ein Spender gefunden, der eine Wohnung zur Verfügung stellt, in der Kinder, die eine längere Behandlung benötigen, auch mit ihren Müttern leben und sich so gut wie möglich erholen können. Mal werden die Reisekosten von Hilfsorganisationen übernommen, mal von Placet.

mischkalkulation Roberto Spierer bezeichnet sich, vielleicht nicht ganz im Ernst, als »das schwarze Schaf der Familie. Alle anderen sind Künstler«. Spierers Großeltern waren vor Hitler aus Berlin nach Argentinien geflohen. Seine Eltern lernten sich in Buenos Aires kennen. Die Mutter war Malerin, der Vater Musiker. Er spielte in England, Schweden und schließlich bei den Berliner Philharmonikern. 30 Jahre blieb er dem Ensemble treu.

Geboren in Stockholm, wuchs Roberto Spierer in Schöneberg auf, besuchte dort eine schwedische Zwergschule, ging nach dem Abitur zwei Jahre in die USA und studierte schließlich Medizin an der Freien Universität. An Europas größter Klinik für plastische Chirurgie in Ludwigshafen wurde er zum Facharzt ausgebildet. Seit 2001 leitet er die Abteilung für Plastische und Handchirurgie des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in Schöneberg, wo er auch wieder wohnt. Er ist gern im Kiez. Er ist zurückgekehrt.

»In Berlin gibt es vielleicht 40 plastische Chirurgen. Man trifft sich, man tauscht sich aus.« Im Kreise der Kollegen erzählte Spierer irgendwann, dass er etwas pro bono tun wolle – und traf auf Peter Frank, den Placet-Gründer. Wann immer Roberto Spierer kann, kümmert er sich seitdem um entstellte Kinder, stemmt Marathonoperationen, ohne Honorar zu fordern. Dabei ist er kein Gutmensch. Mit einem Kollegen aus dem Placet-Team betreibt er eine private Praxis am Tauentzien. Dort behandelt er auch wohlhabende Schönheits-Suchende.

Brustlifting, Terroropfer, Tagesjob: Vielleicht ist diese moderne Mischkalkulation ja ein Modell der Zukunft. Charity wie in den USA? »Placet lebt vom Engagement vieler, die im Verborgenen bleiben«, sagt Spierer. Die Vielen: Das sind die Spender, aber auch Schwestern, Orthopäden, Radiologen oder die Leitung des Westend-Krankenhauses, wo die Placet-Chirurgen »zu mehr als generösen Bedingungen« operieren können.

Roberto Spierer kann sich – »ohne Sozialist zu sein« – engagiert über die Auswüchse eines wild gewordenen Budgetdrucks im Gesundheitswesen auslassen, nur um das deutsche System dann gleich wieder zu verteidigen: »Es ist härter geworden, aber jeder bekommt hier immer noch eine erstklassige Versorgung.«

paraguay Spierer spricht aufgrund seiner Familiengeschichte fließend Spanisch. So gelangte er an eine zweite humanitäre Chirurgen-Organisation, für die er ehrenamtlich arbeitet: »Interplast Germany ist so etwas wie ein deutsches Ärzte ohne Grenzen der Plastischen Chirurgen.« Spierer operiert als Teil eines Ärzte- und Schwesternteams für Interplast einige Wochen im Jahr in Paraguay. Dort behandelt er Kinder, die Verbrennungen oder Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten haben. »Verbrennungen kommen bei Kindern, die in einfachen Hütten mit offenen Feuerstellen aufwachsen, sehr häufig vor.

Auch die Missbildungen sind überdurchschnittlich hoch, und nur zehn Prozent der Bevölkerung sind krankenversichert.« Die Bedingungen in den paraguayischen Krankenhäusern sind ärmlich. Standard-OPs wie die plastische Korrektur der Lippenspaltung in drei Schritten – im Kleinkindalter, in der Jugend und als junger Erwachsener – sind deshalb dort kaum durchführbar. Ohne die deutschen Ärzte blieben diese Kinder ein Leben lang entstellt oder behindert.

Aus Paraguay kommt Spierer oft nachdenklich zurück: »Man lernt, was wichtig ist im Leben und was nicht. Gesundheit und Familie zum Beispiel. Mich hat das Leben reich beschenkt, und ich möchte etwas zurückgeben.«

Wirklich stolz sei er, sagt Roberto Spierer, aber vor allem auf eines: »Ich glaube, ich bin der einzige Deutsche, der je bei einer Makkabiade eine Goldmedaille gewonnen hat – 1985, im Judo.«

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