Israel

Yehuda Bauer: Lawrow-Äußerung ist »klar antisemitisch«

Yehuda Bauer (hier 2021 bei einer Veranstaltung im schwedischen Malmö) hält einen Dialog über Russlands Geschichtspolitik aktuell nicht für möglich. Foto: imago images/TT

Der Ehrenvorsitzende der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und langjährige Chefhistoriker von Yad Vashem, Yehuda Bauer, hat Aussagen des russischen Außenministers Sergej Lawrow zurückgewiesen, der in einem Interview am Sonntag im italienischen Fernsehen behauptet hatte, Adolf Hitler habe jüdische Vorfahren. »Lawrows Aussagen wären kaum ernst zu nehmen, wäre er nicht Russlands Außenminister«, sagte Bauer der Jüdischen Allgemeinen.

FRANKENBERGER Historiker hätten längst festgestellt, dass »die Legende, Hitlers Großvater sei Jude gewesen, eine Erfindung ist«, so Bauer. Die Frankenberger-These, derzufolge ein jüdischer Mann aus Graz namens Leopold Frankenberger Hitlers Großvater väterlicherseits gewesen sein soll, geht auf den NS-Mann Hans Frank zurück, der diese Behauptung kurz vor seiner Hinrichtung 1946 in die Welt gesetzt hatte. Die meisten Historiker, darunter auch Bauer, halten sie für widerlegt: »Ein Mann namens Frankenberger ist unbekannt, und ob es überhaupt Juden in Graz zu jener Zeit gab, ist höchst unsicher.«

Yehuda Bauer verurteilte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen Lawrow für dessen Aussagen scharf. Der 96-Jährige sagte, Lawrows Worte seien seiner Meinung nach »klar antisemitisch«. In der heutigen Ukraine gebe es keine Nazis, »das ist eine Verdrehung der Geschichte«, so der israelische Historiker wörtlich.

»Solange das offizielle Russland solche Propaganda betreibt, ist mit ihm kein Dialog möglich.« Die unabhängige Geschichtswissenschaft sei dort in Gefahr, fügte er hinzu. Gefragt, was angesichts solcher Geschichtsklitterung unternommen werden könne, antwortete Bauer: »Man kann dagegen nur die Wahrheit verbreiten. Momentan ist intellektuell kaum etwas anderes möglich.«

Auch der Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Marian Turski, wies Lawrows Äußerungen zurück. Er erklärte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, Lawrow wolle »die Aggression gegen die Ukraine und die Kriegsverbrechen, die Tötung von Zivilisten und die Besetzung fremden Territoriums durch die russische Armee rechtfertigen«. Dies sei »ein neuer Beweis dafür, dass wir zu zwei verschiedenen Zivilisationen gehören. Die russische Kultur und Zivilisation ist Teil meiner Zivilisation, aber die neofaschistischen Aktivitäten und Taten des Teams von Herrn Lawrow stehen in völligem Gegensatz zur Zivilisation der Kämpfer für Freiheit und Demokratie, zu der ich, glaube ich, gehöre«, so der 95-Jährige.

MISSBRAUCH Auch die israelische Regierung hatte Lawrow am Montag scharf verurteilt. Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte, die Äußerungen seien unwahr und dienten »einem falschen Zweck«. Bennett weiter: »Es ist das Ziel solcher Lügen, den Juden selbst die Schuld an den schlimmsten Verbrechen der Geschichte zu geben, die gegen sie verübt wurden.« Der Missbrauch der Schoa des jüdischen Volkes als Instrument der politischen Auseinandersetzung müsse sofort aufhören.

Die Regierung in Jerusalem verlangte von Moskau eine Entschuldigung, das Außenministerium bestellte den russischen Botschafter Anatoli Wiktorow am Montag zum Gespräch ein.

Diplomatie

Prosor kritisiert israelischen Minister wegen Merz-Schelte

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte dem Bundeskanzler nach dessen Kritik an der Siedlungspolitik vorgeworfen, Juden vorschreiben zu wollen, wo sie leben sollen

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Jom Haschoa

»Die Bedrohung ist nicht mehr abstrakt«

Israelischer Botschafter Ron Prosor fordert bei einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen entschlossenes Handeln und den Schutz jüdischen Lebens

 14.04.2026

Düsseldorf

Studentenparlament fordert Boykott israelischer Hochschulen

Der Antrag stammt aus dem Umfeld der antisemitischen BDS-Kampagne. Jüdische Studenten und andere Demokraten üben heftige Kritik an dem Entschluss

 14.04.2026

Rom

Italien setzt Verteidigungsvereinbarung mit Israel aus

Italien unter Ministerpräsidentin Meloni gilt als enger Verbündeter Israels. Nun setzt ihre Regierung eine Vereinbarung mit dem jüdischen Staat aus. Konkrete Auswirkungen hat dies aber wohl nicht

 14.04.2026

Rechtsextremismus und Antisemitismus

Hetze und KI-Fakes belasten Arbeit in Gedenkstätten

Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll, beklagt eine besorgniserregende Entwicklung

 14.04.2026

Gedenkstätte KZ Ravensbrück

Hitlergruß im Krematorium: Schülerinnen sorgen für Entsetzen

Nach Angaben der Leitung ließen sich drei Mädchen dabei fotografieren

 14.04.2026

Washington D.C.

Trump löscht umstrittenes KI-Bild, das ihn als Jesus Christus zeigt

Die Abbildung rief scharfe Kritik hervor – auch aus dem konservativen Lager

 14.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  14.04.2026