Sport

»WM-Boykott? Nein!«

Marcel Reif Foto: IMAGO/Sven Simon

Sport

»WM-Boykott? Nein!«

Marcel Reif über die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, Kritik an Missständen und Hoffnung auf Wandel

von Lilly Wolter  13.11.2022 08:41 Uhr

Herr Reif, in wenigen Tagen beginnt die WM in Katar. Immer mehr Fans fordern einen Boykott. Kann man die Spiele noch guten Gewissens schauen?
Jeder, der sich die Spiele anschauen möchte, ist kein schlechterer Mensch und auch kein Befürworter dieser fürchterlichen Arbeitsbedingungen sowie aller anderen Menschenrechtsverletzungen in Katar. Ich mag es nicht, wenn mir jemand aus dem warmen Sessel heraus Vorschriften macht. Wenn Sie mir versichern können, dass es einem einzigen Arbeiter, einer Frau oder einem Homosexuellen durch einen Boykott besser geht, dann bin ich sofort dabei.

Sie glauben nicht, dass ein Boykott etwas verändert?
Nein. Wir müssen jetzt genau hinschauen. Es ist auch nicht ohne Risiko für Katar. Sie gehen an die Öffentlichkeit. Jetzt geht es darum, auch nach der WM ein Auge darauf zu haben. So kann man möglicherweise schrittweise Verbesserung schaffen. Ein Boykott schafft gar nichts. Katar würde sich keinen Millimeter bewegen.

Menschenrechte sind in Katar ein Fremdwort. Muss darauf nicht reagiert werden?
Israel hat beispielsweise auch diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgenommen. Aber nicht, weil man dort die gleichen Werte von der einen auf die andere Minute teilt. Ein gewisser Pragmatismus ist notwendig. Vielleicht funktioniert »Wandel durch Annäherung« ja doch einmal. Wenn sich durch diese WM irgendetwas Positives ergibt, dann, weil wir ein solches Gespräch gerade führen. Es lässt einen Spalt offen, in den wir hineinblicken können. Andernfalls wäre uns Katar doch total egal. Das liegt irgendwo am Golf, da ist es sehr warm, wir kaufen deren Gas, und das war’s.

Wie werden Sie die WM verfolgen?
Ich werde mich natürlich immer wieder fragen: Was stimmt da nicht, was passt da nicht? Was passiert drum herum? Und ich werde genau hinhören, auf jedes Wort von Journalisten. Wenn sie sich dort nicht frei bewegen dürfen, dann will ich das auch jeden Tag hören. Dann kann man Dinge nochmal neu diskutieren. Es ist keine unpolitische WM, und ich werde sie auch nicht gucken wie jede andere.

Auch das iranische Nationalteam ist in Katar mit dabei. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Ist der Iran ein Teilnehmer, den ich da sehen möchte? Nein. Ich frage mich, warum die noch teilnehmen dürfen, nach dem, was im Land im Moment passiert. Die Russen wurden mit gutem Grund ausgeschlossen, ich könnte auch sehr gut damit leben, wenn wir sagen würden: Der Iran hat bei der WM nichts verloren. Aber WM-Boykott? Nein. Ich lasse mir die Hoffnung nicht nehmen, dass sich durch das Turnier, das nie an Katar hätte vergeben werden dürfen, wenigstens ein paar Dinge zum Besseren wenden werden.

Mit dem Sportjournalisten sprach Lilly Wolter.

Analyse

Das Prinzip Trump

Der US-Präsident hat Israels sicherheitspolitische Lage gestärkt – zugleich spaltet er das eigene Land. Aber ein geschwächtes Amerika garantiert keinen stabilen Schutz

von Carsten Ovens  15.02.2026

Nahost

Italien nimmt als Beobachter an Trump-»Friedensrat« teil

Bislang sind in dem Gremium des US-Präsidenten nur zwei EU-Staaten dabei

 14.02.2026

Solidarität

Für Freiheit im Iran: 250.000 Demonstranten in München

Unter den Rednern war auch der Publizist Michel Friedman: »Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt«

 15.02.2026 Aktualisiert

USA/Iran

US-Präsident Trump: Machtwechsel im Iran wäre wohl das Beste

US-Präsident droht Teheran im Streit über das Atom- und Raketenprogramm mit einem Angriff. Er legt nach: Nur ein Deal könne dies verhindern

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlin

Brandenburger Tor leuchtet als Zeichen der Solidarität mit Iran-Protesten

»Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste ändert nichts daran, dass der Drang nach Freiheit bleibt«, sagt Kai Wegner (CD), der Regierende Bürgermeister

 13.02.2026

Augsburg

Gericht kippt Redeverbot für Höcke im Allgäu

Am Wochenende sollte Thüringens AfD-Landtagsfraktionschef in zwei Hallen in Bayern als Gastredner auftreten. Die Gemeinden wehren sich – aber vorerst nur in einem Fall mit Erfolg

 13.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026