Meinung

Wir sollten Tel Aviv sein

Es ist schon seltsam: Nach dem Massenmord an der Seine galt nicht nur auf Facebook »Je suis Paris«. Eine vergleichbare Solidarität hat es mit Tel Aviv nicht gegeben. Dabei waren, zynisch gesprochen, doch auch hier alle Ingredienzen für einen urban medialen Aufschrei vorhanden: Eine ebenso als linksliberal-libertär gerühmte Metropole, die Ermordeten und Verletzten junge Cafébesucher und als letztes Todesopfer (Stichwort Multikulturalität) ein israelisch-beduinischer Taxifahrer.

Weshalb gab es dennoch kaum »Ich bin Tel Aviv«-Aktionen, die in ihrer Hilflosigkeit immerhin eine Empathie »für unsere Werte« offenbart hätten?

massstäbe Die erste Antwort ist niederschmetternd: Weil selbst für die doch stets als »progressiv« wahrgenommene Stadt letztlich andere Maßstäbe zu gelten scheinen. Weil für viele Auswärtige die »Märtyrer«-Lobpreisung für den arabischstämmigen Terroristen – nachzulesen auf der Website der Fatah von Palästinenserpräsident Abbas – offenbar eben keinen Skandal darstellt.

Andererseits, und das ist trotz des Entsetzlichen die selbstbewusste Konklusion, der man weltweite Verbreitung wünscht: Tel Aviv ist Israel. Mochte die dortige Ultrarechte auch regelmäßig Spott über die vermeintlich naiven Bewohner von »Lalaland« ausgegossen haben und die aus europäischen Hauptstädten für ein Wochenende anreisenden Party People die Stadt als eine einzige Fun-Blase missverstehen – die Ereignisse seit dem 1. Januar lehren das Gegenteil.

achtsamkeit Das säkulare Tel Aviv zieht den gleichen (und womöglich noch stärkeren) Hass auf sich wie andere Teile des Landes, aber die städtische Reaktion darauf ist Israel at it’s best. Die konkrete Solidarität mit den Opfern wurde sofort – und dies ohne jene verschwitzten Relativierungen, die man aus deutschen Debatten kennt – zur Achtsamkeit geweitet gegenüber der friedlichen Mehrheit der israelischen Araber. Noch einmal verbesserte Terrorabwehr plus eine 3,5 Milliarden-Euro schwere Investition in die vernachlässigten israelisch-arabischen Gebiete.

Derweil antwortete das Stadtmagazin »Time Out« dem auf Bürgerkrieg spekulierenden Mörder mit einem hunderttausendfach angeklickten Video, das sieben jüdisch-arabische Paare beim Küssen zeigt. Zärtlichkeit und Stärke, Gemeinsinn und die Verteidigung des Individuums – welches Signal könnte kraftvoller sein? Möge es auch außerhalb Israels wahrgenommen werden: Ani Tel Aviv / Je suis Tel Aviv.

Der Autor ist Schriftsteller in Berlin. Sein Buch »Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt« erscheint im Februar.

Diplomatie

Frankreich verbietet Bezalel Smotrich die Einreise

Wegen der Siedlungspolitik im Westjordanland verhängt Frankreich Sanktionen gegen extremistische Siedler – und untersagt Israels Finanzminister Smotrich die Einreise

 09.06.2026

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026

Erfurt

AfD streitet über Höcke-These »echten« Deutschen

Thüringens AfD-Chef behauptet, in Westdeutschland gebe es nur noch »deutsch sprechende Amerikaner«, im Osten seien die Deutschen jedoch deutsch geblieben

 09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026

Berlin

Rechtsextreme Straftaten: Neuer Höchststand in Deutschland

Auch die Zahl antisemitisch motivierter Übergriffe stellt einen Rekord dar

 09.06.2026

USAID

US-Behörde erhebt Terrorvorwürfe gegen UNRWA-Mitarbeiter

Erneut werden Vorwürfe gegen 101 weitere Mitarbeiter des UN-Hilfswerks für die Palästinenser in Gaza erhoben. Sie sollen militante Hamas-Mitglieder sein, sagt USAID. UNRWA hatte entsprechende Vorwürfe in der Vergangenheit dementiert

von Andrea Krogmann  09.06.2026

Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

Berlin

Kommission gegen Antisemitismus beendet ihre Arbeit

Der Abschlussbericht soll nun ans Landesparlament gehen und dort im Plenum beraten werden

 09.06.2026