Interview

»Das Wissen in der Öffentlichkeit wach halten«

Kulturstaatsministerin Claudia Roth beim Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald (10. Dezember 2021) Foto: picture alliance / Alexander SCHUHMANN_aI

Die Frage nach dem Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus bleibt auch mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des »Dritten Reiches« aktuell. Im Interview blickt der Historiker Magnus Brechtken (57) auf Schlüsselmomente in der Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte. Brechtken ist stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München. Im September erschien das von ihm herausgegebene Kompendium »Aufarbeitung des Nationalsozialismus«.

Herr Professor Brechtken, ihr erster öffentlicher Termin führte die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth in die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Damit wollte sie nach eigenen Worten deutlich machen, »welche Bedeutung Erinnerungskultur hat«. Ist das Politprosa oder steckt mehr dahinter?
Wir haben seit einigen Jahren das Problem, dass es Menschen gibt, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. Das sieht man in der Corona-Debatte, aber auch bei der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen. Zugleich möchte etwa Björn Höcke die Erinnerungskultur um 180 Grad drehen. Wenn man ihn beim Wort nimmt, bedeutet das eine Umkehr zum Nationalsozialismus. Dagegen müssen wir uns wehren.

Was hat das mit dem Besuch von Claudia Roth in Buchenwald zu tun?
Wir müssen in Wissenschaft und demokratischer Öffentlichkeit jedem Versuch, die Geschichte umzuschreiben, entgegentreten. Und deswegen begrüße ich sehr, dass die neue Kulturstaatsministerin das zu ihrem Thema macht und an Orte wie Buchenwald geht, wo sich mein Kollege Jens-Christian Wagner genau mit diesem Problem auseinandersetzen muss, also mit Leuten, die die Grundlagen seiner Arbeit bestreiten.

Der 67-jährige Historiker Martin Sabrow hat unlängst in einem Interview gesagt, dass sich seit den 1980er-Jahren im Westen Deutschlands ein »der kritischen Aufklärung verpflichtetes Geschichtsdenken« durchgesetzt habe. Dies empfinde er als Leistung seiner Generation. Offenbar erodiert dieses Geschichtsdenken aber gerade.
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begann ja schon vor 1945. Vor allem in den USA und Großbritannien kam die Frage auf, warum von Deutschland in zwei Generation mehrere europäische Kriege ausgingen: Von den Reichsgründungskriegen 1864 bis 1871 über den ersten Weltkrieg bis zum zweiten. Unmittelbar nach 1945 war diese Frage in Deutschland unwillkommen, aber präsent. Die Auseinandersetzung wurde zunächst von außen in die deutsche Gesellschaft getragen, etwa über die Nürnberger Prozesse. Auch spätere wie der gegen Adolf Eichmann in Jerusalem oder in Deutschland der Auschwitz-Prozess haben dies gefördert. Der Massenmord an den europäischen Juden wurde nun öffentlicher diskutiert. Aber noch gab es keinen allgemein bekannten Begriff dafür. Holocaust als Wort für den Verbrechenskomplex etablierte sich erst in den 70er-Jahren.

Wie ging es in den 80er-Jahren weiter?
Wir sehen einerseits die Geschichtswerkstätten und viele lokale Initiativen. Andererseits entwickelte sich die Täterforschung. Ganz konkret ging es nun um die Frage, wer die Täter waren, was sie wo gemacht hatten, woher sie kamen. In den 90er-Jahren folgte die Frage nach der Volksgemeinschaft. Wie lebten die normalen Volksgenossen in der NS-Herrschaft? Was dachten sie? Wie verhielten sie sich? Wie trugen sie das Regime? In den vergangenen 15 Jahren fragte die Behördenforschung nach Kontinuitäten und Brüchen von den 1920ern bis in die 1960er Jahre, vor allem bei den sogenannten Funktionseliten in Ministerien, Verwaltung, Justiz, Medizin, Diplomatie, Parlamenten.

Was bleibt heute noch zu tun?
Seit den 1920er-Jahren bekämpften Nationalsozialisten und Bolschewisten mit ihren Ideologien die Demokratie. Wir sollten uns bewusst bleiben, was seinerzeit geschah und können aus diesen Auseinandersetzungen lernen. Wir wissen, was aus den damaligen Heilsversprechen folgte. Wir müssen dieses historisch gesicherte Wissen in der Öffentlichkeit wach halten - ohne in Floskeln und in Sprechblasen abzugleiten.

Können Denkmäler und Erinnerungsorte dabei helfen?
Ja. Orte, in denen über Geschichte diskutiert wird, sind zentral für jede Gesellschaft. Zumal wenn dort Personen arbeiten, die wissenschaftlich informiert und pädagogisch kundig sind. Wir brauchen aber auch Konzepte für jene Menschen, deren Eltern oder Großeltern gar nicht aus Deutschland kommen.

In Berlin wird seit längerem um einen neuen Gedenkort an die Opfer der NS-Vernichtungskriege gerungen. Derzeit sieht es so aus, also ob sich die Idee des sogenannten Polen-Denkmals durchsetzt. Was halten Sie davon?
Der polnischen Opfer zu gedenken ist ein legitimes Anliegen. Wir sollten aber die Opfergruppen des Krieges nicht gegeneinanderstellen, sondern über die NS-Kriegführung, ihre Ziele und Folgen insgesamt sprechen.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir beispielsweise die sowjetischen Kriegsgefangenen. Christian Streit hat über sie schon 1978 ein Buch geschrieben, »Keine Kameraden« - aber in der Öffentlichkeit ist ihr Schicksal kaum bekannt. NS-Führung und Wehrmacht wussten: Wenn wir das Land erobern, werden wir Millionen sowjetischer Soldaten gefangen nehmen. Für deren Versorgung gab es keine Vorbereitung, so dass klar war: Diese Leute sterben. Ein bewusster Massenmord. Ähnlich ist der Umgang mit anderen Gruppen. Das betrifft den gesamten Kriegsschauplatz.

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