Berlin

»Wir erwarten eine umfassende und zügige Aufklärung«

Susanne Stephan ist Co-Vorsitzende des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten. Foto: Privat

Berlin

»Wir erwarten eine umfassende und zügige Aufklärung«

Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 häufen sich Angriffe auf die Presse nicht nur bei Nahost-Demos. Die jüngsten Attacken gab es am Samstag in Kreuzberg. Betroffen waren zwei jüdische Journalisten und ein Gewerkschafter

 11.03.2025 15:06 Uhr

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten Union
(dju) hat die gewaltsamen Angriffe auf zwei jüdische Journalisten und einen ver.di-Gewerkschafter durch »pro-palästinensische Aktivisten« am Samstag in Berlin verurteilt.

»Diese Attacken sind ein Angriff auf die Pressefreiheit und die Meinungsvielfalt in unserem Land«, erklärte der Co-Vorsitzende im dju-Bundesvorstand, Lars Hansen, am Montag in Berlin: »Wer dies nicht uneingeschränkt anerkennt, missachtet die Prinzipien der Demokratie.«

Die zu ver.di gehörende dju und ihre Partner-Organisationen beobachten laut Hansen einen zunehmenden Antisemitismus. Die Co-Vorsitzende des Verbandes Jüdischer Journalistinnen und Journalisten, Susanne Stephan, erklärte, »wir erwarten eine umfassende und zügige Aufklärung der Vorfälle vom vergangenen Wochenende«.

Brutalität und Aggressivität

Am Samstag wurden am Rande von Demonstrationen unter anderem zum Frauentag in Berlin-Kreuzberg der Geschäftsführer der dju Berlin-Brandenburg, Jörg Reichel, sowie zwei Vertreter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) attackiert. Reichel und der JFDA-Videojournalist Yalcin Askin wurden in einem Café von anderen Gästen als Zionisten und Rassisten beschimpft und bedrängt. Askin wurde zudem vor die Brust geschlagen und niedergedrückt.

Lesen Sie auch

Später wurde sein JFDA-Kollege Levi Salomon, als er eine Rede filmen wollte, bewusst behindert und von einer Frau mit heißem Tee übergossen. Salomon sagte dem epd, eine solche Brutalität und Aggressivität gegen sich habe er auf einer Demo noch nicht erlebt.

Nach Zählungen des dju hat es bei Demonstrationen allgemein in Deutschland 2024 mehr als 100 Angriffe auf Pressevertreter gegeben.
Allein die Hälfte der Angriffe (50) fand laut Reichel bei sogenannten »pro-palästinensischen« Aufzügen in Berlin statt.

Beleidigungen und Beschimpfungen

Auf fast jeder Demonstration radikaler lslamisten und linker, militanter Splittergruppen gebe es mittlerweile Gewalt gegen die Presse, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Und wir reden hier nicht von Beleidigungen und Beschimpfungen, sondern von körperlichen Übergriffen und Attacken«, sagte Reichel. Neben Berlin seien München und das Ruhrgebiet die Hotspots der Szene.

Laut Reichel ist das Phänomen der Gewalt gegen Pressevertreter seit den Corona-Protesten bekannt. Seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, habe sich diese Entwicklung weiter verstärkt. Da nur noch eine Handvoll Kollegen über die Nahost-Demonstrationen regelmäßig berichteten, würde diese von militanten Aktivisten öffentlich markiert und verstärkt angegriffen. Das gehe bis zu »Fahndungsplakaten«, mit denen beispielsweise der »taz«-Autor Nicholas Potter im Januar diffamiert wurde.

Die Polizei ermittle zudem wegen einer von militanten Palästina-Aktivisten angelegten sogenannten Feindesliste mit Namen und Privatadressen von Journalisten. Einer der Betroffenen ist Reichel selbst. Bei der Berliner Polizei sieht er mittlerweile eine hohe Sensibilität beim Schutz der Presse bei Demonstrationen: »Das hat sich positiv entwickelt.« epd

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Kommentar

Die Linke sollte nicht den Berliner Bürgermeister stellen

Die Partei sollte sich erst einmal in der Opposition regenerieren und gegen Rassismus einsetzen

von Herbert Rubinstein  05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026