Berlin

»Wer es jetzt nicht verstanden hat, dem ist nicht zu helfen«

Jasmin aus Israel trauert um vier Freunde ihres Neffen, die von Terroristen auf einem Festival ermordet wurden. Foto: Imanuel Marcus

Über 2000 Menschen kamen zum Brandenburger Tor im Berliner Bezirk Mitte, um zu zeigen: Sie stehen hinter Israel. Mit dabei waren auch Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft und Politiker diverser demokratischer Parteien. Einige Teilnehmer hielten Schilder, auf denen ein Ende deutscher Zahlungen an die Palästinensische Autonomiebehörde gefordert wurde. Auf einem Transparent stand das »F-Word« über dem Wort Hamas.

Was alle Teilnehmer der Kundgebung vereinte: tiefe Betroffenheit über die Morde an Hunderten Israelis durch palästinensische Terroristen. Verzweiflung, Wut und Trauer zeigten zwei Israelinnen, die vergrößerte Fotos verletzter Opfer dabei hatten. Eine von ihnen, Jasmin, erklärte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, ein junger Mann in einem Krankenhausbett auf einer der Aufnahmen sei ihr Neffe.

<em>Mehr als 2000 Menschen nahmen an der Solidaritätskundgebung für Israel in Berlin teil. (Foto: Imanuel Marcus) </em>Foto: Imanuel Marcus

Dieser sei mit Freunden zu einem Festival an der Grenze zu Gaza gefahren. Nun sei er der einzige Überlebende dieser fünfköpfigen Gruppe. Jasmin konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, während sie auf dem Pariser Platz darüber sprach. Palästinensische Terroristen griffen das Festival, diesen Ort der Kultur und der Heiterkeit, am Samstagnacht an und ermordeten zahlreiche Teilnehmer.

»Gaza muss befreit werden«

»Mit den Fotos, die wir dabei haben, wollen wir der Welt zeigen, was in Israel los ist, da dies offenbar nicht verstanden wird«, sagt Jasmin. Was ihrer Meinung nach passieren sollte: »Israel muss zunächst die Terroristen bekämpfen, die sich weiterhin im Land befinden. Dann müssen wir in Verhandlungen erreichen, dass die Geiseln nach Hause kommen. Und so schnell wie möglich muss Gaza befreit werden, bis keine Hamas-Mitglieder mehr übrig sind.«

Weit vorne stand die SPD-Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering, die gleichzeitig Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) ist, neben ihrem Mann Franz Müntefering, dem früheren Vorsitzenden der Partei. »In der Politik wird es nächste Woche sicher eine große Debatte darüber geben, was Solidarität auch politisch heißt«, erklärt sie. Es folgen weitere druckreife Sätze. »Klar ist: Die Sicherheit Israels ist Staatsräson und ist mit der Sicherheit Deutschlands eng verbunden. Dies müssen wir politisch deutlich machen.«

<em>Botschafter Ron Prosor am Brandenburger Tor (Foto: Picture Alliance)</em>Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ein weiterer Demonstrant sagt, er sei kein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft, wolle aber Solidarität zeigen, vor allem mit der israelischen Zivilbevölkerung. »Die Politik von Netanjahu gefällt mir überhaupt nicht, aber dafür kann die israelische Bevölkerung nichts«, fährt er fort. »Natürlich haben die Israelis nun das Recht, sich zu wehren, mit allen Mitteln. Das ist gar keine Frage.«

»Stärker als jemals zuvor«

»Die Hamas muss bekämpft werden, leider stärker als jemals zuvor«, sagt eine Frau im mittleren Alter, die allein zur Kundgebung gekommen ist. Deutschland müsse endlich davon absehen, Terrororganisationen zu finanzieren.

An diesem sonnigen Sonntagnachmittag in Berlin wird Sicherheit großgeschrieben. Selbst auf der Bühne stehen zwei bewaffnete Polizeibeamte, als die von der WerteInitiative zügig organisierte Kundgebung beginnt. Deren Sprecherin Anna Staroselski begrüßt als erste Rednerin Paula Ranft vom Jungen Forum der DIG, die erklärt, viele freuten sich insgeheim darüber, was gerade in Israel passiere. »Sie geben Israel die Schuld am Terror«, so Paula Ranft. »Mit einer Mischung aus Arroganz und Unwissenheit tun sie so, als könnten sie über die Lage richten und geben Israel den Ratschlag, die Lage jetzt nicht zu eskalieren.«

Ideologie des Terrors

»Doch für uns ist klar: Israel hat die Pflicht, sich mit voller Härte zur Wehr zu setzen. Diesen islamistischen Barbaren muss ein Riegel vorgeschoben werden - egal, ob im Gaza-Streifen oder hier in Berlin«, fordert sie unter dem Applaus ihrer Zuhörer.

<em>Die Demonstranten forderten ein hartes Vorgehen gegen die Terrororganisation Hamas. (Foto: Imanuel Marcus)</em>Foto: Imanuel Marcus

Hanna Veiler, die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), spricht eine Frage an, die viele deutsche Juden beschäftigt: »Während wir um unsere Liebsten in Israel bangen, müssen wir uns auch fragen, wie sicher Jüdinnen und Juden in Deutschland sind. Denn wir wissen genau, dass alles was in Israel passiert Auswirkungen auf uns hat.«

Die Ideologie des Terrors werde auch in der Bundesrepublik von zahlreichen Organisationen verbreitet, darunter auch Samidoun. Diese Gruppe verteilte am Samstag Süßigkeiten in Berlin-Neukölln, auf der Sonnenallee, um den Mord an Hunderten Juden in Israel zu feiern. Hanna Veiler erwähnte auch das Islamische Zentrum Hamburg, das die Ideologie der Mullahs predige, die wiederum die wichtigsten Unterstützer der Hamas seien.

»Nicht zu rechtfertigen«

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der die Bühne anschließend betrat, versprach, die Stadt stehe fest an der Seite Israels. Der Angriff auf Israel mache fassungslos und sei nicht zu rechtfertigen. Deshalb habe Israel »uneingeschränkt das Recht zur Selbstverteidigung«.

Frieden und Freiheit würden am Ende des Tages immer stärker sein als der Terror, stellte Wegner klar. Berlin sei die Stadt der Freiheit, aber darauf hätten die Bewohner lange warten müssen. Diese Stadt werde sich nicht spalten lassen. »Wir wollen zusammenstehen, mit allen Menschen, egal woher sie kommen, und friedlich zusammen leben. Was ich aber auch in aller Deutlichkeit sagen muss: Israelfeindlichkeit und Judenhass haben auf unseren Straßen keinen Platz.«

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) wurde von einigen Teilnehmern ausgebuht, als sie auf die Bühne kam, obgleich sie innerhalb ihrer Partei zu jenen zählt, die sich immer deutlich gegen Antisemitismus stark gemacht haben. In ihrer kurzen, emotionalen Rede sagte sie, die Terroristen visierten nicht wirklich Israel an. Der Name des Landes sei »für diese Menschenfeinde ein Synonym für Jüdinnen und Juden«.

»In ihren Häusern hingerichtet«

Israels Botschafter Ron Prosor, der mit viel Applaus begrüßt wurde, erklärte den Tausenden Zuhörern, dieser Krieg sei Israel von Hamas aufgezwungen worden. Die Bilder des Terrors seien »brutal und absolut erschütternd.« Zu sehen seien »Kinder, Frauen und ältere Menschen, die in ihren Häusern - es gibt kein anderes Wort, dies zu beschreiben - hingerichtet wurden.«

Prosor kritisierte indirekt die Israel-Berichterstattung einiger Medien in der Bundesrepublik. Die Angreifer »sind keine Kämpfer oder Militanten. Das sind Terroristen. Punkt. Wer es jetzt nicht verstanden hat, dem ist nicht zu helfen«, sagte der israelische Diplomat.

Die Hamas habe entschieden, diesen Krieg zu beginnen, betonte Prosor. »Sie interessiert sich nicht für das Wohlergehen ihrer eigenen Bevölkerung. Vielleicht sollten diejenigen, die Geld für humanitäre Zwecke - in Anführungszeichen - an die Palästinenser überwiesen haben, sich jetzt fragen, was damit wirklich geschehen ist.« Mit dieser Aussage erntete er erneut viel Applaus.

»Eindeutig an der Seite Israels«

Prosors amerikanische Kollegin Amy Gutmann versicherte, Präsident Joe Biden »und das gesamte amerikanische Volk« stünden eindeutig an der Seite Israels. Die USA forderten alle Menschen und Staaten, die ein Herz hätten, auf, die schreckliche Attacke der Hamas unmissverständlich zu verurteilen.

Eine der souveränsten Reden hielt DIG-Chef Volker Beck: »Wir sind an der Seite Israels, wenn sich das Land nun verteidigen muss. Und das darf nicht nur ein so dahin gesagter politischer Satz sein!«, so der frühere Grünen-Abgeordnete. »Das muss auch heißen: Wir treten jenen entgegen, die jetzt schon wieder sagen, die Spirale der Gewalt soll gestoppt werden - oder beide Seiten sollten von der Gewalt lassen. Nein, es gibt keine Spirale der Gewalt! Es gibt einen Angriff der Hamas-Terroristen gegen die israelische Zivilbevölkerung!«

Israel werde sich jetzt nicht nur wehren müssen, sondern die Sicherheit seiner Bevölkerung sicherstellen müssen - »so, dass die Hamas nicht mehr in der Lage ist, erneut solche Verbrechen zu begehen!« Beck forderte auch ein Ende der bedingungslosen Förderung der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Roncalliplatz und Römerberg

Nur selten sind Kundgebungen für Solidarität mit Israel so gut besucht wie am Sonntag in Berlin. Dies zeigt: Viele Berliner, eigens angereiste Hamburger und nicht zuletzt in der deutschen Hauptstadt lebende Israelis sind nicht nur geschockt, aufgrund des Umfangs des Terrorangriffs und der Brutalität der Morde an Hunderten Israelis, sondern auch fest entschlossen, für das Recht Israels auf Selbstverteidigung und sein Existenzrecht einzustehen.

Auch in anderen deutschen Städten wurde für Solidarität mit Israel demonstriert. Am Sonntagabend sollte in Frankfurt am Main eine entsprechende Kundgebung am Römerberg beginnen. Auf dem Roncalliplatz in Köln, in Bergisch Gladbach, auf dem Münchner Odeonsplatz, am Kieler Holstenfleet, auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig, auf der Landtagswiese in Düsseldorf, dem Tübinger Holzmarkt, dem Marktplatz in Halle und an anderen Orten fanden entsprechende Demonstrationen statt.

Zu Beginn der Woche soll es auch in Hamburg eine Solidaritätskundgebung geben - für den einzigen jüdischen Staat auf der Welt, der schwer getroffen wurde und sich nun mit aller Macht wehren will.

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