Ägypten

Unter Brüdern

Junge Unterstützer zeigen das Porträt von Khairat al-Shater in Kairo. Foto: ddp

Vergessen sind die heiligen Schwüre, es mit dem Drang zur Macht im postrevolutionären Ägypten nicht zu übertreiben. In den ersten zehn Monaten nach dem Sturz von Hosni Mubarak schienen die gut organisierten Muslimbrüder tatsächlich gemäßigt zu sein: Die Sprecher redeten überlegt und moderat, ihre politischen Äußerungen klangen wie aus einem Guss. Das Ausland sollte nicht verschreckt, Investoren nicht vertrieben und das eigene Land nicht überfordert werden.

Doch je näher in Ägypten der für Ende Juni geplante Übergang von der Militärherrschaft zu einer zivilen Führung rückt, desto mehr lässt die Muslimbruderschaft ihre Muskeln spielen. Im Januar zog sie als stärkste Fraktion in das erste demokratisch gewählte Parlament Ägyptens ein und bildet zusammen mit den radikalen Salafisten eine satte 70-Prozent-Mehrheit, die vor allem im Frauen-, Ehe- und Scheidungsrecht die Uhren zurückdrehen will. Vor zwei Wochen nun drückte sie ihre Kandidatenliste für die 100-köpfige verfassungsgebende Versammlung durch und sicherte dem Lager der Islamisten eine Zweidrittelmehrheit. Zwischendurch ließ sie dem Militärrat (SCAF) ausrichten, das neue Grundgesetz werde der Armee keine privilegierte Stellung mehr garantieren.

kandidat Am Wochenende nun schickten die Muslimbrüder mit ihrem Vizechef Khairat al-Shater einen eigenen Kandidaten ins Rennen um die Präsidentschaft, obwohl sie solche Pläne in der Vergangenheit stets abgestritten hatten. Der Multimillionär, dem ein Imperium aus Textil-, Bus- und Möbelfirmen gehört, zählt zu den mächtigen Figuren. Zwölf Jahre saß er hinter Gittern und kam erst im März letzten Jahres frei. Von der Zelle aus steuerte er seine Geschäfte, regelte die Finanzströme der Muslimbrüder und wirkte als Verbindungsmann zu Mubaraks Regime.

Al-Shaters Denken ist religiös konservativ, er ist ein autoritärer Patriarch mit dröhnender Stimme. Gleichzeitig gilt er als Pragmatiker. Auf sein Drängen legte sich die Bruderschaft erstmals öffentlich darauf fest, den Friedensvertrag mit Israel einzuhalten – ein Schritt, der in Washington und Jerusalem aufmerksam registriert wurde. Trotzdem löste seine Kandidatur im Nachbarland Besorgnis aus. »Das sind keine guten Nachrichten«, zitierte die New York Times einen israelischen Regierungsvertreter. »Die Muslimbrüder sind keine Freunde Israels. Sie sind uns nicht wohlgesonnen«, erklärte er. »Die Frage ist, wie pragmatisch sie sind, wenn sie an die Macht kommen – das kann in beide Richtungen gehen.«

Bei der Wahl am 23. Mai jedenfalls hat der 61-Jährige beste Chancen, neuer Staatspräsident zu werden. Mit al-Shaters Nominierung ist der Kampf zwischen den drei Machtpolen des Landes, den Islamisten, den säkularen und zivilen Kräften sowie dem Militär, nun offen ausgebrochen.

Das säkulare Lager fühlt sich an die Wand gedrückt, der Militärrat stößt Drohungen aus, bei den koptischen Christen geht die Angst um, und die Aktien rutschen in den Keller. »Genug ist genug«, polterte kürzlich Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Vorsitzender des SCAF und faktischer Staatschef. Ausdrücklich empfahl er den Muslimbrüdern, »sich der Lehren der Geschichte bewusst zu bleiben, um Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen«.

scharia Die verfassungsgebende Versammlung steckt bereits nach ihrer ersten Sitzung in der Krise. Alle 24 Vertreter der säkularen Parteien, der Kopten zusammen mit den Delegierten des Obersten Gerichtshofes sowie der Al-Azhar-Universität haben sich zurückgezogen – und dem Plenum damit die notwendige gesellschaftliche Legitimität entzogen. Doch die Muslimbrüder legten in der nun rein islamistischen Rumpfversammlung einen ersten Verfassungsentwurf vor, der einen islamischen Staat auf der Basis der Scharia festschreibt.

Entnervt twitterte daraufhin Friedensnobelpreisträger Mohamed el-Baradei, der selbst nicht bei der Präsidentschaftswahl antritt: »Ägypter haben ihr Leben geopfert für Freiheit und Würde, nicht aber für militärischen oder religiösen Autoritarismus. Und schon gar nicht für die Tyrannei einer einzelnen Mehrheit.«

Gespräch

»Ich fühle mich alleingelassen«

Sonja Bohl-Dencker über die Ermordung ihrer Tochter durch die Hamas, den Umgang Deutschlands mit dem 7. Oktober und ihren Wunsch, dass Carolin nicht vergessen wird

von Mirko Freitag  15.01.2026

Selin Gören

Solidarität mit Israel ist links

Das Bekenntnis zum jüdischen Staat ist die Voraussetzung glaubwürdiger progressiver Politik. Doch in der Linkspartei werden Genossen für diese Haltung immer öfter angefeindet

von Selin Gören  15.01.2026

Debatte

Dobrindt will keinen Abschiebestopp für Iran verhängen

Menschenrechtler und Flüchtlingsorganisationen fordern einen Abschiebestopp für den Iran. Der Bundesinnenminister will einen solchen nicht bundesweit verhängen

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Washington D.C.

Trump will »schnellen und entschlossenen Schlag« gegen Iran

Der amerikanische Präsident will offenbar verhindern, dass die USA in einen langwierigen Krieg verwickelt werden, der sich über Wochen oder Monate hinziehen könnte

 15.01.2026

Sicherheitslage

USA und Großbritannien raten Bürgern vor Reisen nach Israel ab

Amerikanische Bürger werden zu erhöhter Aufmerksamkeit und einer »Vorbereitung auf mögliche Entwicklungen« aufgerufen

 15.01.2026

Kommentar

Ein freier Iran wäre kein Risiko für Israel, sondern ein Partner  

Die Zeit für moralische Distanz oder falsche Neutralität ist längst vorbei. Jetzt ist die Zeit, hinzusehen, zuzuhören - und Partei zu ergreifen

von Vida Funke  15.01.2026

Washington D.C./Teheran

US-Angriff auf Iran könnte noch heute erfolgen

In Israel heißt es, Präsident Donald Trump habe sich offenbar grundsätzlich für eine Intervention entschieden. Auch europäische Diplomaten halten einen Angriff für möglich

 15.01.2026

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-Jähriger setzte vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand und zeigte den Hitlergruß. Er wurde von der Haftrichterin in die Psychiatrie eingewiesen

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026