Pessach

Unsere Freiheit

DPs bei einem Nachkriegs-Seder im bayerischen Mittenwald Foto: Yad Vashem Archives

In diesem Jahr liegt das Pessachfest in der Nähe sehr vieler historischer Daten: Am 11. April vor 70 Jahren wurde das KZ Buchenwald befreit. Am 15. April 1945 öffneten sich die Tore von Bergen-Belsen. Am 29. April 1945 hatte das Leiden in Dachau endlich ein Ende – um nur einige der Daten zu nennen. In Gedenkfeiern in vielen Ländern Europas wird an die Befreiung und an die Schoa erinnert.

Dieses Zurückschauen ist für uns alle nicht leicht. In die Freude über den Sieg über Nazi-Deutschland mischt sich tiefe Trauer um unsere Angehörigen, die wir verloren haben. Auch Trauer um Menschen, die zwar die Schoa überlebten, aber gebrochen waren und nie mehr wirklich ins Leben zurückfanden. Abertausende hatten ihre Heimat verloren. Displaced Persons – ein unübersetzbarer Begriff für all jene Menschen, die entwurzelt waren. Und die sich mit bewundernswerter Energie eine neue Existenz aufbauten.

leitmotiv Pessach ist das Fest der Befreiung. Wir erinnern uns an den Auszug unseres Volkes aus Ägypten. In allen Texten des Seders findet sich das Leitmotiv der Freiheit wieder. Und gerade in diesem Jahr werden wir an die Zeit vor 70 Jahren zurückdenken.

Es sind erst 70 Jahre. Es waren nicht ferne Vorfahren, sondern unsere Großeltern oder Urgroßeltern, die in der Schoa ermordet wurden. Es waren unsere Väter oder Großväter, die in der Roten Armee oder in den Armeen der anderen Alliierten kämpften und Deutschland mit befreiten. Es sind wenige Generationen, die uns vom Abgrund des Zweiten Weltkriegs trennen.

Dennoch – so scheint es mir gerade in den vergangenen Monaten – ist die Sehnsucht nach Normalität in Deutschland ungeheuer hoch. Normalität, so mein Eindruck, bedeutet für manche nichtjüdische Deutsche offenbar Freude über neues jüdisches Leben, aber bitte keine Probleme im Zusammenleben. Sie möchten, dass Juden gerne in Deutschland leben. Sie wollen nicht hören, dass wir Grund zur Sorge haben oder uns manchmal lieber nicht als Juden zu erkennen geben.

normalität Und dann gibt es noch jene, die den berühmten Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit für längst überfällig halten, die gerne den Spieß einmal umdrehen wollen und deshalb Israel in Bausch und Bogen verdammen. Das ist diese »Man-wird-doch-noch-mal-sagen-dürfen«-Normalität. Das sind Menschen, die den Gazastreifen gerne als Ghetto bezeichnen und Israel einen Völkermord an den Palästinensern vorwerfen. Vielleicht sollten sie sich nicht nur abends zusammenfassende Berichte in der »Tagesschau« ansehen, sondern selbst einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Und danach am besten erst einmal schweigen und nachdenken.

Diese Stimmung in der Bevölkerung erklärt, warum vergleichsweise wenige Bürger im vergangenen Sommer von den antisemitischen Parolen bei den Demonstrationen gegen Israel aufgerüttelt wurden. Auch die zunehmende antisemitisch motivierte Gewalt von Muslimen in Frankreich wurde in Deutschland nicht wirklich wahrgenommen.

Erst als der islamistische Terror die französische Hauptstadt und eine Zeitschrift erreichte, begann das Erwachen. Erst im zweiten Schritt wurde registriert, dass die Geiselnahme nicht in irgendeinem Supermarkt, sondern in einem koscheren Lebensmittelmarkt stattfand. Dass dort Menschen starben, weil sie Juden waren.

auswanderung
Als diese bittere Tatsache endlich ins Bewusstsein der Massenmedien eingedrungen war, wurde plötzlich auch die Auswanderung französischer Juden nach Israel wahrgenommen. Und erst dann begann die Debatte, wie sicher sich eigentlich Juden in Deutschland fühlen – eine Debatte, die durch den Anschlag in Kopenhagen zusätzlich Auftrieb erhielt.

Diese Diskussion wurde uns von außen aufgedrückt. Und für die meisten von uns ist eine Auswanderung wegen der terroristischen Bedrohung kein Thema. Dennoch ist auch klar: Wir werden nicht Vogel Strauß spielen. Wir werden die Entwicklungen aufmerksam beobachten. Wir fordern einen höheren Schutz für unsere Einrichtungen, vor allem unserer Kindergärten und Schulen, gerade auch in kleineren Städten. Wir sind in Deutschland zu Hause und erwarten Solidarität.

Vor allem aber erwarten wir, dass auch unsere Umgebung nicht den Kopf in den Sand steckt und so tut, als sei alles wie immer. Es ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft, die Demokratie und die Werte der Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten und zu leben. Eine Diskriminierung und Stigmatisierung von Muslimen ist ebenso fehl am Platz wie die Verharmlosung des verbreiteten Judenhasses und der zunehmenden Radikalisierung unter Muslimen.

Denn letztlich geht es um unsere Freiheit. Nur in Freiheit können die Religionen friedlich nebeneinander existieren. Nur in Freiheit wird uns ein gutes Miteinander gelingen. Diese Freiheit ist kostbar, und wir müssen sie verteidigen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Juden weltweit und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ein frohes Pessachfest!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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