Dialog

»Unsere Arbeit bleibt aktuell«

»Es ist wichtig, dass sich die Religionsgemeinschaften in Debatten einbringen, die alle bewegen: Corona, Klimawandel, Migration, Rassismus«: Ilona Klemens Foto: Steffen Giersch

Dialog

»Unsere Arbeit bleibt aktuell«

Pfarrerin Ilona Klemens über das christlich-jüdische Gespräch, Säkularisierung und Nachwuchsmangel

von Ayala Goldmann  21.07.2020 15:07 Uhr

Frau Klemens, Sie sind seit Dezember 2019 Generalsekretärin des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR). Ich vermute, Sie haben sich Ihr erstes halbes Jahr anders vorgestellt. Wie arbeitet der DKR in Zeiten von Corona?
Es war bis jetzt ein permanentes Krisenmanagement. Wir haben mit aller Energie die Woche der Brüderlichkeit im März mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbereitet, die im März in Dresden stattfinden sollte. Diese mussten wir dann zum ersten Mal in der Geschichte des DKR absagen. Auch die Arbeit unserer Gesellschaften vor Ort war und ist davon sehr betroffen. Wir haben uns der Situation angepasst und sind jetzt dabei, unsere Arbeit stärker zu digitalisieren. Aktuell normalisiert sich alles wieder ein Stück weit. Wir arbeiten weiter – natürlich immer unter Vorbehalt, denn das Virus ist ja nicht weg.

Wird die Preisverleihung an Angela Merkel nachgeholt?
Großveranstaltungen sind ja voraussichtlich mindestens bis Oktober nicht möglich. Deshalb holen wir sie in kleinerem Rahmen am 8. November nach. Wir planen eine digitale Beteiligung, damit auch Menschen zuschauen können, die nicht vor Ort sind.

Wo soll die Veranstaltung stattfinden?
Wie im März geplant in Dresden. Der Stadt war es sehr wichtig, dass die Woche der Brüderlichkeit dort stattfindet. Ich glaube, vielen ist gar nicht klar, was die Absage für alle Beteiligten bedeutet hat. Diese Woche ist der Gipfel unserer jährlichen Arbeit. Zum Schutz der Gesundheit war es aber absolut richtig, die großen Eröffnungsveranstaltungen abzusagen. Im Nachhinein haben wir von einer Person erfahren, dass sie erkrankt war.

Corona hat auch das religiöse Leben verändert. Wann waren Sie das letzte Mal in einer Kirche?
Das ist schon einige Monate her. Ich habe bisher nur an digitalen Gottesdiensten teilgenommen.

Es wird unter Rabbinern und unter christlichen Theologen gleichermaßen diskutiert, ob die Religionsvertreter in dieser Zeit ihren Aufgaben nachgekommen sind – ob sie wirklich für die Menschen da waren. Wie denken Sie darüber?
Das ist sehr vielschichtig. Ich habe sowohl in den Kirchen als auch in den jüdischen Gemeinden wahrgenommen, dass der Verlust deutlich spürbar war. Auch im christlich-jüdischen Dialog, der ja von der direkten Begegnung lebt. Gleichwohl hat es in beiden Gemeinschaften einen Digitalisierungsschub gegeben, der auch seine Chancen hat. Fernsehgottesdienste und digitale Gottesdienste wurden gut angenommen. Bei der Seelsorge, gerade auch bei der Begleitung von Sterbenden, kann die reale Anwesenheit eines Menschen jedoch nicht ersetzt werden. Es ist eine Ausnahmesituation, die wir alle noch nie erlebt haben. Und dafür sind die Kirchen und die jüdischen Gemeinden gut damit umgegangen – sie haben das Beste daraus gemacht. Es war zeitweise einfach notwendig, auf Gottesdienste zu verzichten, obwohl mir vor allem das Singen sehr gefehlt hat.

Es wird immer wieder bemängelt, die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit seien überaltert. Es gibt aber ein Forum für junge Erwachsene, das auch neue Generationen für den interreligiösen Dialog gewinnen will …
Das Forum hat sich im vergangenen Jahr neu formiert. Hier geht es auch darum, Menschen für die Leitungsebene des DKR zu gewinnen. Es hatte wegen Corona die gleichen schwierigen Bedingungen wie wir alle und nutzt jetzt digitale Kommunikationsformen. Ich höre diese Kritik der Überalterung, möchte aber auch deutlich sagen: Es gilt erst einmal anzuerkennen, dass die Gesellschaften seit 70 Jahren das Bewusstsein für Antisemitismus wachgehalten haben – auch in Zeiten, in denen man nichts davon hören wollte. Sie haben mit Ausdauer, Beharrlichkeit und Herzblut dazu beigetragen, dass die Beziehungen zwischen Juden und Christen auf eine neue Basis gestellt wurden. Wir möchten neue Leute gewinnen, dafür gibt es jedoch kein Patentrezept. Sicher wird wichtig sein, das Erscheinungsbild und die Arbeit so zu verändern, dass auch jüngere Menschen angesprochen werden. Dazu gehört auch eine mögliche Namensänderung für die Woche der Brüderlichkeit.

An welchen Namen denken Sie denn?
Für einen solch gewichtigen Schritt braucht es Zeit. Den dafür notwendigen Prozess leiten wir demnächst ein. Unsere Arbeit ist thematisch nach wie vor aktuell. Die Art der Kommunikation nach außen wie nach innen braucht jedoch neue Wege.

Wie zeitgemäß ist der christlich-jüdische Dialog in einer Zeit immer stärkerer Säkularisierung?
Fragen Sie doch Menschen, ob sie sich nicht gerade in der Corona-Krise auf ihre religiö-sen Traditionen zurückbesinnen. Wenn wir nächstes Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern, werden wir bei dieser Gelegenheit auch feststellen: So alt sind auch die Beziehungen zwischen Juden und Christen! Ich glaube, dass unsere Gesellschaft davon geprägt ist, ob es uns bewusst ist oder nicht. Und dieses Wissen weiterzugeben, ist wichtig. Begriffe wie »Würde des Menschen« sind religiös konnotiert. Aus den gemeinsamen Schriften von Juden und Christen geht hervor: Alle Menschen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen. Und es ist wichtig, dass sich die Religionsgemeinschaften in Debatten einbringen, die alle bewegen: Corona, Klimawandel, Migration, Rassismus.

Hat Sie die Entwicklung nach dem Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd durch die Gewalttat eines weißen Polizisten überrascht?
Überhaupt nicht. Das, was jetzt überall diskutiert wird, ist mir aus meiner Zeit in Südafrika und in den USA sehr vertraut. Rassismus gehört für die Betroffenen leider zum Alltag und begleitet uns im Grunde die ganze Geschichte der Menschheit hindurch. Was mich persönlich traurig macht, ist, dass sich global so wenig verändert hat seit der Zeit vor 20 Jahren, als ich in Südafrika war. Ich habe das Land damals in einer Aufbruchsstimmung erlebt nach dem Ende der Apartheid. Aber es reicht nicht, die Gesetze zu ändern. Man muss auch die Menschen in ihren Herzen erreichen.

Sie haben in Südafrika Antirassismus-Arbeit gemacht. Was heißt das konkret?
Ich habe eine christliche Antirassismus-Initiative mit aufgebaut. Zunächst habe ich ein ganzes Jahr lang selbst ein Antirassismus-Training absolviert und setzte mich mit anderen Südafrikanern mit dem eigenen Rassismus sowie mit dem Erbe der Apartheid auseinander. Das war eine wundervolle und gleichermaßen schmerzvolle Erfahrung. Und es war ein Privileg, weil ich die einzige Deutsche in diesen Workshops war. Menschen aus allen Gruppen waren vertreten, die während der Apartheid in verschiedene rassistische Schubladen gesteckt worden waren: »weiß«, »schwarz«, »coloured« und »Indian«. Das Ringen darum, wie man eine Gesellschaft aufbauen kann, in der alle wirklich die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben, hat mich unglaublich bewegt. Ebenso wurde mir klar: Das ist kein Prozess von heute auf morgen. Es wird Rückschläge geben. Ich habe die USA als Studentin in den 90er-Jahren erlebt. Damals gab es viel Hoffnung, etwas zu ändern. Aber die Dämonen der Vergangenheit sind wieder da, und in Krisenzeiten kommen sie verstärkt zum Vorschein.

Was halten Sie vom »Apartheidvorwurf« gegen die israelische Regierung, wenn es um die Palästinenser im Westjordanland geht?
Der Begriff setzt ein von Rassismus durchdrungenes politisches System voraus. Das sehe ich nicht. Wer so vergleicht, muss deutlich machen, was vergleichbar wäre und was nicht. Ich sehe allerdings die große Gefahr, die israelische Seite zum Alleinschuldigen im Nahostkonflikt zu erklären und den Staat zu delegitimieren. Das lehne ich ab, ebenso wie den Begriff der »Israelkritik«. Legitime Formen der Kritik an der konkreten Politik im Westjordanland gibt es gleichwohl, international und in Israel selbst. Darüber gilt es zu reden und sich gemeinsam für eine Lösung für alle dort lebenden Menschen einzusetzen.

Halten Sie den christlich-jüdischen Dialog in Deutschland noch für zeitgemäß? Sollte es in Richtung Trialog gehen und auch die Muslime miteinbeziehen?
Die Muslime sind mittlerweile die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland. Trialogische Formate sind mir sehr vertraut. Viele Gesellschaften vor Ort und auch der DKR engagieren sich selbstverständlich auch darin, wenn es sinnvoll erscheint. Ich denke aber nicht, dass wir grundsätzlich aus dem christlich-jüdischen Dialog, der seine eigene Geschichte und Berechtigung hat, einen Trialog machen werden.

Sie sind seit einigen Jahren Mitglied im Vorstand der Bildungsstätte Anne Frank. Was hören Sie von Ihren jüdischen Gesprächspartnern über Antisemitismus im Alltag?
Wer sich mit Antisemitismus beschäftigt, der weiß: Er war nie weg, er findet immer wieder neue Formen. Im Moment ist der Antisemitismus zudem in den sozia-len Medien in Zusammenhang mit der Corona-Krise sowie mit Verschwörungserzählungen wieder verstärkt wahrnehmbar. Gerade auch der christliche Antijudaismus, mit dem wir seit Jahrhunderten konfrontiert sind, hat dazu beigetragen. Denken Sie an den Mythos der Brunnenvergiftung, dass die Juden hinter allen Krankheiten stecken. Jeder, der bei uns engagiert ist, weiß: Das ist und bleibt leider ein Dauerthema. Und Halle hat uns in schrecklicher Weise gezeigt, wozu Antisemitismus führt.

Was wünschen Sie sich am meisten für die Zukunft?
Dass Jüdinnen und Juden überall ohne Angst leben können, dass jüdische Gemeinden keinen Polizeischutz mehr brauchen. Dass wir es schaffen, den Rassismus zu bekämpfen und in unserer Verschiedenheit gut miteinander zusammenzuleben. Für den DKR wünsche ich mir, dass wir gemeinsam die wichtige Arbeit der Gesellschaften erfolgreich an die nächste Generation weitergeben!

Mit der evangelischen Pfarrerin und Genereralsekretärin des Deutschen
Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) sprach Ayala Goldmann.

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