Berlin

Trauer um Sylke Tempel

Sylke Tempel (1963–2017) Foto: dpa

Am Donnerstagabend vergangener Woche, als der Sturm »Xavier« über Berlin wütete, fuhr Sylke Tempel gerade mit zwei Begleiterinnen von einer Veranstaltung mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) in der Villa Borsig nach Hause, als an der Kreuzung Heiligenseestraße in Tegel ein umgefallener Baum die Weiterfahrt blockierte.

Sylke Tempel und eine ihrer Begleiterinnen stiegen aus, um die Straße freizuräumen, da stürzte ein weiterer Baum um, traf das Auto und die Frauen. Die beiden Mitfahrerinnen wurden verletzt, Sylke Tempel jedoch war sofort tot. Sie wurde nur 54 Jahre alt.

Schwerer Verlust
Außenminister Gabriel äußerte sich, nachdem er von der Nachricht hörte: »Wir trauern um eine gute Freundin und leidenschaftliche Außenpolitikerin. Ihr Tod ist ein schwerer Verlust für uns in Deutschland und weit darüber hinaus. Wer Dr. Sylke Tempels Weg, ihre Analysen und Diskus-
sionsbeiträge über die Jahre verfolgt hat, der konnte nicht anders, als ihren klugen und warmen Blick, ihre Fein- und Scharfsinnigkeit auf das Höchste zu schätzen.«

Sylke Tempel wurde 1963 in Bayreuth geboren. Sie studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Politikwissenschaft und Judaistik. An der Universität der Bundeswehr München wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Historikers Michael Wolffsohn, bei dem sie auch promovierte. »Die Beziehungen der amerikanisch-jüdischen Organisationen zur Bundesrepublik Deutschland nach 1945« waren das Thema ihrer Doktorarbeit.

Danach ging sie als Nahostkorrespondentin für die inzwischen eingestellte Wochenzeitung »Die Woche« für mehrere Jahre nach Israel. Der Oslo-Prozess, die erste und zweite Intifada sowie die Ermordung von Yitzhak Rabin fielen in ihre Zeit als Berichterstatterin. Anders als so viele andere Nahostkorrespondenten deutscher und internationaler Medien war ihr an einer fairen und ausgewogenen Berichterstattung über Israel gelegen. Sie schrieb voller Sympathie und Empathie über den jüdischen Staat und seine Bewohner, ohne je einseitig zu sein.

Seit Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit schrieb Sylke Tempel auch regelmäßig für die Jüdische Allgemeine über Israel sowie über die oft verzerrte Wahrnehmung des kleinen Landes in der deutschen Öffentlichkeit und die häufige Besserwisserei vom sicheren Europa aus.

»Wer gern starke Meinungen vertritt, sollte Israel-Experte werden. Flugs in den Zettelkasten der Nahost-Plattitüden gegriffen (Spirale der Gewalt! Auge um Auge! Pulverfass!), und jeder Regionalzeitungskommentator an seinem bombensicheren Schreibtisch weiß, was der jüdische Staat zu tun hat, um den Konflikt mit den Palästinensern zu lösen: in erster Linie, auch nach wiederholten Selbstmordattentaten, Ruhe bewahren und den Gegner nicht reizen. Gewalt führt nur zu Gewalt. Und keine Mauern bauen. ›Wir Deutsche‹ wissen, wie viel Leid so etwas verursacht«, schrieb sie 2010 in der Jüdischen Allgemeinen.

Frieden Und sie fuhr fort: »Das Tolle an Ratschlägen: Sie sind so schön billig. Wissen jedoch ist nicht umsonst zu haben. In der ganzen Bundesrepublik gibt es nur eine einzige (!) Gastprofessur für Israelstudien. Außerdem führt echtes Wissen zu unerwünschten Nebenwirkungen. Plötzlich soll man lieb gewonnene Klischees wie ›der Stärkere gibt nach, und schon herrscht Frieden‹ über Bord werfen.«

Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, der mit Sylke Tempel persönlich eng befreundet war, schrieb im Berliner »Tagesspiegel« über sie: »Sylke war eine der wenigen deutschen Journalisten, die eine tiefe und fundierte Kenntnis von Israel und dem Nahost-Konflikt haben. Sie liebte das Land, hatte ein großes Verständnis für dessen stets gefährdete geografische Lage. Wenn es um Israel ging, scheute Sylke in der deutschen Öffentlichkeit keine Auseinandersetzung. Sie hatte auch keine Scheu, sich damit unbeliebt zu machen, sondern stand zu ihrer Meinung und zu ihren Überzeugungen.«

Sylke Tempel wusste, worüber sie schrieb. In ihrer Zeit in Israel recherchierte sie nie vom Schreibtisch aus, sondern ging immer dahin, wo es wehtat. Auch in den Gazastreifen, auch zur Hamas. In den Jahren 2006 und 2007 war sie Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen. Lange hielt sie es am Schreibtisch jedoch nicht aus, sie wollte wieder hinaus in die Welt, nach Israel, und brach erneut zu einer mehrmonatigen Reise auf.

Buch Das Ergebnis war ihr Buch Israel. Reise durch ein altes neues Land, erschienen 2008 bei Rowohlt Berlin – eines der schönsten Bücher eines deutschen Journalisten über Israel. Im selben Jahr wurde sie Chefredakteurin der Zeitschrift »Internationale Politik« (IP) der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), eine Position, die sie bis zum Schluss innehatte.

Zwar hatte sie nun weniger Zeit für Gastbeiträge, war aber immer gern gesehener Gast in der Redaktion. Ihre Freunde und Kollegen schätzten ihren oft sarkastischen Humor, ihr profundes Wissen und ihre Hilfsbereitschaft, lauschten ihren Anekdoten über die alten Jeckes wie Gad Granach oder Angelika Schrobsdorff, mit denen sie sich in Israel angefreundet hatte, ließen sich von ihr bekochen und plauderten mit ihr über Kino, Musik und Literatur. Ihre Kollegen werden sie nie vergessen.

Die Gedanken der Redaktion sind bei ihrer Frau, ihren Freunden und Angehörigen.

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