Wenn es jemanden gibt, der keinen Wert legt auf große Worte und öffentliche Gratulationen, dann ist er es. Getöse in eigener Sache, das widerspricht nicht nur seinem Charakter, sondern auch seinem Job. Maram Stern ist Diplomat. Aber nicht irgendeiner. Er wirbt für jüdische Interessen, dort, wo es am schwierigsten ist, und dort, wo es aussichtslos scheint.
In den 1990er Jahren rang er gemeinsam mit Kardinal Walter Kasper um die Öffnung der vatikanischen Akten aus der Zeit Papst Pius XII. Es ging um die Frage, was der Vatikan über die Schoa gewusst hatte. Als die Geheimarchive endlich aufgingen, im Jahr 2020, auf Geheiß von Papst Franziskus und noch immer gegen heftige Widerstände in der Kurie, stellte sich heraus: alles. Pius XII. und seine Leute wussten einfach alles, sie waren über die nationalsozialistischen Judenverfolgungen von Anfang an genauestens unterrichtet worden, vor allem durch die Verfolgten selbst, die in zahllosen flehentlichen Briefen aus ganz Europa ihre Lage schilderten.
Es ist eine erschütternde Lektüre, und wer heute meint, das Wesentliche über die Grausamkeiten von damals zu wissen, auch über das Ausmaß des schweigenden Opportunismus, der wird eines Schlechteren belehrt.
Sohn zweier Auschwitz-Überlebender
Maram Stern ist der Sohn zweier Auschwitz-Überlebender, geboren 1955 in Berlin. Dass er sich trotz allem um ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen bemüht hat, dass er auch heute im Vatikan noch das Gute vermutet und vertrauenswürdige Partner sucht, sagt eigentlich alles über ihn.
Ausgerechnet im Oktober 2023 eröffnete dank seiner Bemühungen nahe dem Petersdom ein Büro des Jüdischen Weltkongresses. Dessen Präsident Ronald Lauder und Maram Stern als geschäftsführender Vizepräsident traten gemeinsam mit dem Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin vor die Gäste. Da wusste man noch nicht, wie wenig die Kirchen den überfallenen Israelis helfen würden, und dass Papst Franziskus sich wochenlang weigern würde, auch nur die Angehörigen von Geiseln zu empfangen.
Maram Stern ahnte da längst, dass es schwer werden würde, nach dem 7. Oktober Unterstützung für Israel zu bekommen – nicht nur bei der Kirchenspitze in Rom, auch bei den mächtigen muslimischen Partnern. Sehr schwer.
Als ich am 9. Oktober 2023 mit ihm telefonierte, da war Maram Stern bereits auf dem Weg in die Golfstaaten. In Israel kämpften sie sich gerade erst aus dem Schock heraus, sicherten ihre Grenze zu Gaza und bargen die Toten. Noch war unklar, wer ermordet worden war und wer alles entführt. Maram Stern, der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, hatte selber mehrere tote Mitarbeiter zu beklagen.
Er hat sich das Unmögliche zur Aufgabe gemacht: den Geiseln zu helfen
Doch Zeit zum Trauern blieb ihm nicht. Er begann sofort, für jene zu kämpfen, die es besonders schlimm getroffen hatte: die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln. Schon am Tag des Massakers meldeten sich hilfesuchende jüdische Familien bei ihm aus aller Welt, die Angehörige vermissten. Bis heute ist Maram Stern einer der wichtigsten Adressaten für die Not jener, die weiter aushalten müssen, dass ihre Kinder, ihre Liebsten in den Tunneln von Gaza gefoltert werden. Denn er hat sich das Unmögliche zur Aufgabe gemacht: den Geiseln zu helfen, indem er bei den politisch Einflussreichen vorstellig wird, auch bei Unterstützerstaaten der Hamas, und überhaupt in der arabischen Welt.
Maram Stern ist neben den ganz wenigen direkten Geiselverhandlern Israels, der USA und Großbritanniens der wohl wichtigste Verhandler des Westens. Er selbst, wenn man mit ihm darüber spricht, wiegelt ab. Er sei kein Verhandler im klassischen Sinne, denn er habe nichts anzubieten, er habe auch keine Druckmittel, er könne nur bitten.
Ja, das tut er. Er hat Prinzen, Emire und Staatschefs gesprochen, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, die Außenminister der mächtigsten Länder der Welt. Persönlich und immer wieder. Er war in Katar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Frankreich und Polen, er pendelt zwischen Brüssel, Berlin und New York.
Ohne ihn wären noch weniger Geiseln frei
Wie hält er das aus? Höflich zu bitten und sich zugleich rechtfertigen zu müssen für einen Krieg, den die Hamas erzwungen hat? Freundlich zu bleiben im Angesicht der Grausamen und Gleichgültigen? Zu erleben, was schon damals geschah: dass jüdischen Opfern keiner hilft?
Wenn man Maram Stern fragt, wie es ihm geht, sagt er nur: Es schmerzt. Und wenn man mit ihm über die aktuelle Lage der Geiseln spricht, behauptet er zuweilen: Ich habe nichts erreicht. Er sagt das ganz sachlich, als Feststellung. Trotzdem stimmt es nicht. Er mag zwar nicht alles erreicht haben für die in Gaza Verschollenen, was er erhoffte. Aber er hat alles Menschenmögliche und mehr getan. Ohne ihn wären noch weniger Geiseln frei – ob er das zugibt oder nicht.
Ich kenne Maram Stern durch meine journalistische Arbeit, habe ihn auch bei den letzten Sicherheitskonferenzen in München erlebt. Es gibt wohl nichts Schwierigeres, als ein gemeinsames Abendessen zu organisieren für Geiselfamilien und für Politiker, die vielleicht helfen könnten. Vielleicht. Wie muss das sein, die Mächtigen um Beistand zu bitten und zu fürchten: Die wollen gar nichts tun? Und am Ende hängt ja alles an den Geiselnehmern, an den Judenhassern der Hamas.
Ein Menschenfreund, aber nie rührselig
Wir haben über solche Befindlichkeiten nicht miteinander gesprochen, sondern stets über das, was noch zu tun bleibt. So ist Maram Stern: ein Menschenfreund, aber nie rührselig; ein Kämpfer, aber nie aggressiv. Auch unter größtem Druck angenehm im Umgang. Und doch die Lage nicht beschönigend. Tapfer, klar, integer.
Zu seinem 70. Geburtstag wünsche ich ihm, dass er gerade jetzt Mitstreiter hat, die ein bisschen so sind wie er selbst. Er mag übrigens, das hat er im Interview preisgegeben, die Oper. Und gute Schokolade. Lieber Maram Stern, Glückwunsch! Danke, dass es Sie gibt.
Die Autorin ist Ressortleiterin bei der Wochenzeitung »Die Zeit«.