Meinung

Syrienhilfe: Gut gemeint ist nicht gut

Der Berliner Aktionskünstler Philipp Ruch möchte auf die katastrophale Situation der Menschen in Syrien hinweisen. Er will, dass mithilfe der Bundesregierung 55.000 syrische Kinder an deutsche Pflegefamilien vermittelt werden.

Zu diesem Zweck haben Ruch und die von ihm initiierte Künstlergruppe »Zentrum für Politische Schönheit« eine Website namens »Kindertransporthilfe des Bundes« ins Leben gerufen, die ganz offiziös daherkommt: Dort wird ein angebliches »Soforthilfeprogramm des Bundes« vorgestellt, und in einem Werbefilm tritt auch ein Schoa-Überlebender auf.

Fehler Bewusst – bis hin zum Namen »Kindertransporthilfe« – wird Bezug auf die Rettungsaktion aus den Jahren 1938/39 genommen. Doch was gut gemeint ist, offenbart bei genauem Hinsehen ganz wesentliche Fehler. Und bei allem guten Willen: Hier wird gleichgesetzt, was nicht gleichgesetzt werden darf.

Die Initiative vermittelt den gefährlichen Eindruck, man brauche nur ein paar gute Vorsätze, und schon seien die Probleme der Flüchtlinge gelöst. Aber die Rettungsaktion 1938/39 war sehr gefährlich und kompliziert: Etliche Organisationen und Einzelpersonen waren damit beschäftigt, Reisedokumente und Geld für die Kinder zu beschaffen. Mit der britischen Regierung und dem Unterhaus musste über die Lockerung der Einreisebestimmungen verhandelt werden, damit eine unbegrenzte Anzahl von Kindern ins Land kommen konnte.

kosten Zudem brauchte jedes Kind jemanden, der es mit einer Garantiesumme von 50 Pfund – das wären heute umgerechnet 1200 Euro! – unterstützte. 12.500 Kinder konnten auf diese Weise gerettet werden; von zehn Zielländern nahm Großbritannien mit etwa 10.000 Flüchtlingen den größten Anteil auf.

Die damalige Hilfsaktion verlangte von allen Beteiligten weit mehr als das bloße Erstellen einer Webseite. Und, wie es die gut meinenden Kunstaktivisten der »Kindertransporthilfe des Bundes« getan haben, mit der Aussicht auf 1000 Euro Unterstützungsgeld pro Flüchtlingskind ungerechtfertigte Hoffnung zu wecken, wäre den damaligen Organisatoren auch nicht in den Sinn gekommen.

Unumstritten, die syrischen Kinder brauchen unsere Hilfe. Doch dies in einem Atemzug mit den Kindertransporten zu tun, die Kinder vor dem sicheren Tod in der Schoa bewahrten, hilft ihnen nicht, und es gehört sich einfach nicht.

Die Autorin ist Initiatorin der »Kindertransport Organisation Deutschland«.

Analyse

Die Wahl bringt keinen klaren Sieger hervor - was nun?

Die Wahlbeteiligung war mit 77,7 Prozent die höchste seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Doch die richtungsweisende Wahl in Israel ergab zunächst kein klares Ergebnis. Wie geht es jetzt weiter?

von Sara Lemel  27.10.2026

Debatte

Linke vertagt Entscheidung um Vanessa Emde

Die Berliner Linke ringt seit Wochen um den richtigen Umgang mit einer israelfeindlichen Abgeordneten. Nach einer Fraktionssitzung wurde wieder keine Lösung präsentiert

 27.10.2026

Berlin

Volker Beck zur Wahl: Regierungswechsel wäre gut für Israel

Der Urnengang entscheidet über die politische Zukunft von Benjamin Netanjahu. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft argumentiert, der Regierungschef habe viel Vertrauen verspielt

 27.10.2026

Beate Zschäpe im Jahr 2021 in ihrem Prozess

Rechtsextremismus

Gericht: NSU-Terroristin Zschäpe soll bis mindestens 2035 in Haft bleiben

Beate Zschäpe wollte vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das Gericht sagt Nein. Doch die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig

von Christoph Trost  27.10.2026

Berlin

Medienberichte über Israel auf dem Prüfstand

Wie weit klaffen Berichterstattung und Realität auseinander? Darüber ist am Freitag ist ein ganztägiger »Fachaustausch« an der Technischen Universität geplant

 27.10.2026

Ron Prosor

Interview

Ron Prosor: »Der linke Antisemitismus ist der gefährlichste«

Israels Botschafter in Deutschland über Brandmauern gegen Antisemitismus, die Regierungsbildung in Berlin und die Wahlen in Israel

von Bernward Loheide  27.10.2026

Teheran

Irans Generation Z kämpft um ihre Zukunft

Sie sind 17, sprechen über Krieg und denken ans Auswandern. Darja und Negin gehören zu einer Generation, die den Iran verändert, aber an der eigenen Zukunft dort zweifelt

von Arne Bänsch  27.10.2026

Dementi

Trump bestreitet Gespräche über weitere Wahlempfehlung für Netanjahu

Hat Israels Ministerpräsident den amerikanischen Präsidenten um mehr Unterstützung im Wahlkampf gebeten oder nicht?

 27.10.2026

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt heute über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  27.10.2026 Aktualisiert