Sandbostel

Stumme Zeugen des Grauens

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident (M), seine Frau Elke Büdenbender, und Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel, stehen vor einer Wand mit Personalkarten verstorbener sowjetischer Kriegsgefangener. Foto: picture alliance/dpa

Die Zeit hat ihre Spuren auf der kleinen Glasspritze hinterlassen. Die Oberfläche ist angegraut, an beiden Enden sind Teile abgesplittert. Das Fundstück stammt aus dem Bereich für Häftlinge, die unter verschärften Bedingungen im ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlager im niedersächsischen Sandbostel interniert waren. Es ist nicht besonders groß, knapp sechs Zentimeter lang, ein Zentimeter im Durchmesser. Und doch ist die Spritze, bei archäologischen Grabungen gefunden, ein wichtiges Zeugnis für den Kampf um Menschenleben vor 80 Jahren, kurz vor der Befreiung des Lagers.

Am 29. April 1945 kam die britische Armee nach Sandbostel und sah dort unvorstellbare Zustände: Viele der Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge waren unterernährt und schwer krank. Im KZ-Bereich lagen nicht bestattete Leichen, überall Dreck und Gestank. Die Soldaten waren tief erschüttert und nannten Sandbostel »a Belsen in Miniatur« - ein kleines Belsen.

»A Belsen in Miniatur«

Wer sich wiederholt der Lagerordnung widersetzte, wurde von der Wehrmacht in ein Sonderlager überstellt und musste zur Strafe im Moor ackern. Schwerste körperliche Arbeit. »Ein Kriegsgefangenenkomitee, das kurz vor der Befreiung die Hoheit über das Lager bekam, nutzte die Baracken des Sonderlagers als Lazarett für typhuserkrankte KZ-Häftlinge«, berichtet Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann.

Unter den Häftlingen in Sandbostel, wo seit September 1939 mehr als 313.000 Gefangene aus der ganzen Welt interniert waren, gab es auch Ärzte, die sich nun für jedes Menschenleben aufrieben.

Stumme Zeugen: Spritzenreste, eine Skalpellklinge, eine Medizinampulle

Jahrzehnte später fanden Forscher des Hamburger Instituts für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie stumme Zeugen dieses Kampfes: die Reste der Spritze, eine Skalpellklinge, eine Medizinampulle. »Das zeigt uns, wie aufopfernd sich zuerst die Kriegsgefangenen selbst und dann auch die britische Armee bemüht haben, Menschen zu retten«, bekräftigt Ehresmann. Ein Kampf, der oft verloren ging.

Es ist verborgene NS-Geschichte, die Archäologen in Sandbostel zutage fördern, eine verschüttete Geschichte des Grauens. Und nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland. Vor rund 20 Jahren starteten in Sandbostel die ersten Arbeiten, damals noch eher laienhaft.

Das hat sich geändert. Längst werden die Fundstücke dokumentiert, konserviert und in einem Magazin eingelagert. Tausende Artefakte, die regalweise sorgfältig beschriftete Kartons füllen: Gefangenenmarken, Schuhe, Kämme, Essbestecke, Henkelmänner - diese und noch viel mehr Dinge erzählen vom Leben, Überleben und auch vom Sterben im Lager.

Vor rund 20 Jahren starteten in Sandbostel die ersten Arbeiten, damals noch eher laienhaft

»Jede Ausgrabung fördert ein kleines Denkmal für einen Menschen zutage«, verdeutlicht Ehresmann. Auch deshalb werden die Dinge respektvoll behandelt und archiviert. Sie helfen aber auch zu verstehen, was damals in Sandbostel passiert ist. So wurde ein Henkelmann ausgegraben, den ein Gefangener zu einem kleinen Ofen umgebaut hatte, ein selbstgemachtes Sieb, um Käse zu reiben, mehrfach geflickte Schuhe - Dinge, die von der Mangelwirtschaft im Lager zeugen. »Alles hatte für die Gefangenen Bedeutung, alles war wichtig«, betont Ehresmann.

Die Fundstücke liefern Indizien über die Lebensbedingungen im Lager: Hier die sowjetischen Gefangenen, denen in systematischer Missachtung des Kriegsvölkerrechts jegliche Unterstützung versagt blieb, dort beispielsweise französische Soldaten, die in einer Theaterbaracke regelmäßig Stücke aufführten und in einer Lagerkapelle musizierten. Ehresmann: »Funde wie eine Mundharmonika und Malutensilien zeigen uns, dass es im Lager zeitgleich verschiedene Realitäten gab, Zaun an Zaun.«

Ehrenamtliche Laienforscherinnen und -forscher, sogenannte Citizen Scientists, können sich mittlerweile beteiligen, um beispielsweise Funde in eine Datenbank aufzunehmen oder auch online dabei zu helfen, Objekte zu identifizieren. »Das alles«, betont der Historiker Ehresmann, »sind wichtige Erinnerungs- und Beweisstücke für das, was damals wirklich passiert ist. Und sie werden in einer Zeit, in der es immer weniger Überlebende der Lager gibt, immer wichtiger.«

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