Es betrifft sie hier fast alle ganz unmittelbar: Zum Abschluss des Jugendkongresses 2026, auf dem über 400 junge Jüdinnen und Juden zusammenkamen, ging es um die Wehrpflicht. Denn nachdem der Bundestag im Dezember eine Reform des Wehrdienstes beschlossen hatte, kam eine alte Frage wieder auf, die unter dem Eindruck der politischen Umbrüche der letzten Jahre neu diskutiert wird: Sollten Juden in der deutschen Armee dienen?
Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion, stellte diese Frage als Moderator am Sonntag an eine hochkarätige Runde, in der ganz unterschiedliche Positionen vertreten waren. »Ich finde, wir müssen diese Debatte zuallererst hier führen, weil viel darüber gesprochen wurde, aber kaum mit uns«, eröffnete er das Panel.
Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, ordnete die Frage zunächst historisch ein: Bis 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, galt für Juden, deren Verwandte unter der NS-Verfolgung und Vernichtung gelitten hatten, eine Ausnahme: Sie mussten weder Wehrdienst noch Zivildienst leisten. Mit der Modernisierung der Wehrpflicht habe man sich auch im Zentralrat damit auseinandersetzen müssen, ob man diese Position aufgeben solle, sagte Botmann. Das sei eine emotionale Debatte gewesen, man habe es sich nicht einfach gemacht.
»Wenn wir immer wieder einfordern, dass wir diese Normalität haben wollen, dann müssen wir auch sagen: Ja, die Wehrpflicht soll auch für jüdische Männer gelten.«
Daniel Botmann
Botman machte klar: »Auch wir beim Zentralrat haben Kinder und Enkel, die das unmittelbar betrifft.« Doch man müsse auch anerkennen, dass Juden heute Teil der Gesellschaft seien. »Wenn wir immer wieder einfordern, dass wir diese Normalität haben wollen, dann müssen wir auch sagen: Ja, die Wehrpflicht soll auch für jüdische Männer gelten. Aber: Wer es nicht möchte, für den soll es ohne weitere Interventionen möglich sein, sich für den Ersatzdienst zu entscheiden.« Niemand werde gezwungen, an der Waffe zu dienen – weder jüdische noch andere Männer.
Positionspapier des Zentralrates zur Musterung
Der Zentralrat hatte zuletzt ein Positionspapier veröffentlicht, in dem er die Einführung einer verpflichtenden Musterung aller Männer unterstützt. Sollte der Wehrdienst ebenfalls verpflichtend werden, setzt er sich dafür ein, dass in diesem Fall eine vereinfachte, unbürokratische Lösung für wehrpflichtige Juden gefunden wird, den Dienst an der Waffe zu verweigern.
Letztlich haben sich die politischen Verhältnisse komplett verändert, betonte Botmann. Er hoffe zwar, dass es nie passiere, aber die Frage, ob man sich einmal gegen Russland verteidigen müsse, sei heute ganz real.
Militärbundesrabbiner Zsolt Balla stimmte dem zu: »Auch ich musste verstehen: Krieg ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Frieden ist die Ausnahme, zu der wir alle natürlich zurückwollen.« Fünfzehn Jahre habe es in Deutschland keine Strukturen für jüdische Soldaten gegeben, und das sei ein großer Mangel. »Wir als jüdische Gemeinschaft sind verpflichtet, bereit zu sein, unsere Demokratie zu verteidigen. Und dafür zu sorgen, dass Deutschland in Zukunft immer auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte steht.«
Bundeswehr oder IDF?
Das sieht David G. kritisch. Für ihn war klar, dass er zwar ins Militär, aber nicht in die Bundeswehr möchte. Er entschied sich als deutscher Jude für eine Laufbahn in der israelischen Armee.
G. beobachtet rechtsextreme und antisemitische Vorfälle in der Bundeswehr. »Es gibt Missstände, bei denen nur minimal nachgezogen wird«, findet der Reservist. Als Beispiel nannte er die Kaserne in Augustdorf, die weiterhin nach dem ehemaligen Generalfeldmarschall Rommel benannt ist, der für die Nationalsozialisten den Afrikafeldzug führte, bei dem auch nordafrikanische Juden verfolgt und in Lager gesteckt wurden. »Ich will nicht einer Armee dienen, die so eine Person als klassifikationswürdig erachtet«, stellt G. klar. Für ihn sei es wichtig, Verantwortung für die jüdische Gemeinschaft zu übernehmen – und das habe er nur in der israelischen Armee tun können.
Gleich neben ihm sitzt einer, der sich ganz anders entschieden hat: Johannes Baranski steht nach seiner Laufbahn bei der deutschen Armee nun dem Bund Jüdischer Soldaten in der Bundeswehr vor. Dieser befürwortet eine Musterung und einen Fragebogen für alle. Er sehe eine klare Notwendigkeit, dass Deutschland verteidigungsfähig sein müsse, sagt Baranski. Russischer Sabotage, Wegwerfagenten und Cyberattacken, gegen die man sich wehren müsse, begegne er schon jetzt.
Neue Realität seit 2022
Davon erzählt auch die Journalistin und Regisseurin Anna Zhukovets, die immer wieder in der Ukraine und auch bei der deutschen Bundeswehr recherchiert hat. Ihr ist wichtig zu betonen, dass Russland keine bloße Bedrohung darstelle, sondern sich bereits in einem hybriden Krieg mit Deutschland befindet. »Sind wir in Deutschland bereit, in dieser Realität aufzuwachen?«, fragt sie.
Zhukovets wurde 1997 in Mariupol geboren und kam über die jüdische Linie ihres Vaters nach Deutschland. 2022, so erzählt sie, habe sich ihre Einstellung zum Krieg völlig verändert. »Bei meiner ersten Demonstration konnte ich noch nicht ‚Waffen für die Ukraine‘ schreien«, sagt sie. »Doch sobald deine eigene Familie, deine Identität zerstört wird, ist dir klar, dass man manche Regime nur mit Waffengewalt besiegen kann.« Ungefähr 1000 jüdische Soldaten kämpften in der Ukraine, weiß Zhukovets. In Deutschland ist sie für eine Wehrpflicht für alle, auch für Frauen.
»Das Integrationsversprechen täuscht – wir wissen alle, wohin das geführt hat.«
Maya Roisman
Maya Roisman ist politische Bildnerin und hat der Runde bisher mit skeptischem Blick gefolgt. »Ich möchte keinen Pazifismus propagieren«, sagt sie nun vorsichtig. »Ich verstehe die Situation, mein Vater hat in der Ukraine und in Israel gekämpft.« Dennoch erinnere sie das auf diesem Podium so oft hervorgebrachte Argument, man wolle eben zur Gesellschaft dazugehören, an ganz andere Zeiten.
»Dieser Integrationswille, der da ausgestrahlt werden will, hat Tradition: Juden haben schon in der Hoffnung auf Anerkennung für die Deutschen gegen Napoleon gekämpft, dann aber langfristig keine gleichen Rechte erhalten.« Auch im Ersten Weltkrieg habe es Juden in der Armee gegeben, denen gleichzeitig vorgeworfen wurde, sie würden sich drücken. »Das Integrationsversprechen täuscht, wir wissen alle, wohin das geführt hat«, sagt Roisman.
Rabbiner Balla scheint von ihrem Beitrag sichtlich bewegt. Auch er habe Verwandte in der Schoa verloren, sagt er. Doch seine Mutter war immer stolz, ihren Sohn als Militärbundesrabbiner in Deutschland zu sehen. »Es geht nicht um Integrationswillen, ich möchte sicherlich nicht beweisen, wie deutsch ich bin«, so Balla, der in Ungarn geboren ist. »Es geht vielmehr darum zu sagen: Wir haben eine jüdische Stimme, wir nutzen sie und wir beteiligen uns.« Auch die Kritik am Antisemitismus in der Bundeswehr weist er zurück: »Wenn es ein Segment der Gesellschaft gibt, in dem es nach dem 7. Oktober 2023 nicht schlimmer geworden ist, dann ist es die Bundeswehr«, beobachtet er.
AfD im Verteidigungsministerium?
Eine Frage bewegt auch viele junge Zuhörer im Publikum: Was geschieht, sollte die AfD eines Tages dieses Land führen – oder zumindest das Verteidigungsministerium? Genau für diesen Fall sei es wichtig, »dass wir die Dinge heute schon so gestalten und so aufbauen, dass wir bereits Fakten geschaffen haben«, sagt Daniel Botmann. Es sei im Grundgesetz verankert, dass jeder das Recht habe, auch einen Ersatzdienst zu leisten. »Das wird auch eine AfD-Regierung nicht kippen können.«
Die bisherige Verordnung zur Ausnahme der Juden vom Wehrdienst könne hingegen tatsächlich mit einer Unterschrift eines Ministers gestrichen werden. Es sei daher umso wichtiger, jetzt Strukturen für Juden im Wehr- und Ersatzdienst aufzubauen.
Wie diese Strukturen aussehen könnten, malt Aron Schuster aus, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Ihm ist wichtig zu betonen, wie viel Potenzial in dem gleichwertigen Ersatzdienst steckt, den jeder junge Mann wählen könnte. »In unseren Gemeinden hatten wir bis 2011 auch einige Zivildienstleistende«, erinnert sich Schuster. Nun könnte das wieder in größerer Form geschehen; auch Juden könnten ihren Ersatzdienst in jüdischen Strukturen leisten, wenn sie das wünschen. Lernen könne man so einiges, von Erster Hilfe bis zur Pflege.
Aron Schuster betont, dass man so gleichwertig seiner Verantwortung nachkomme, Deutschland zu schützen. Sollte Deutschland stärker angegriffen werden, müssten in den Gemeinden vulnerable Gruppen versorgt werden.
Eine junge Frau im Publikum seufzt: Ganz schön real wirke das alles plötzlich, wenn man so detailliert darüber spricht. »Diese Debatten wären für uns noch vor ein paar Jahren nicht denkbar gewesen«, fasst Moderator Ron Dekel zusammen. »Aber es ist wichtig, dass wir darüber sprechen – und nicht nur über uns gesprochen wird.« In den letzten Monaten hatte sich der Vorsitzende der jüdischen Studierenden klar gegen die Wehrpflicht positioniert – die nach Schätzungen von Aron Schuster etwa 8000 bis 10.000 Jüdinnen und Juden betreffen würde. Die JSUD aber hat dazu noch keine Beschlusslage. Wie die jungen Menschen sich letztlich zum Wehrdienst positionieren , ist noch völlig offen. Die Argumente dafür und dagegen liegen nun in jedem Fall auf dem Tisch.