Jerusalem

Schutz der Religionen

Sicherheitsschleusen: Auch Beter und Besucher auf dem Weg zur Kotel müssen Metalldetektoren passieren. Foto: Ullstein

Wir befinden uns in den »drei Wochen«, einer ganz besonderen Zeit im jüdischen Kalender. Sie erreicht ihren Höhepunkt mit Tischa beAw, dem Tag, an dem Juden in aller Welt verschiedener Tragödien der jüdischen Geschichte gedenken. Das dabei entscheidendste Ereignis liegt rund 2000 Jahre zurück: die Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels.

Und in genau dieser Zeit stand und steht nun wieder einmal der Tempelberg im Fokus weltweiter Berichterstattung und internationaler politischer Diskussionen. Dabei war stets wieder die Rede von der »Veränderung des Status quo« und von der »Verletzung religiöser Gefühle«. Entsprechende Vorwürfe wurden im Zusammenhang mit den umstrittenen Metalldetektoren am Eingang zum Tempelberg gegen Israel erhoben – es wird sicherlich nicht der letzte Vorwurf dieser Art gewesen sein.

status quo Dabei lohnt es, einmal daran zu erinnern, wie der Status quo vor 1967 aussah, als sich der Tempelberg und die Altstadt Jerusalems – mit dem jüdischen Viertel – unter jordanischer Herrschaft befanden. Damals hatten Juden keinen Zugang zur Kotel oder dem Tempelberg. Jordanische Truppen hatten die berühmte Hurva-Synagoge in die Luft gesprengt, mehr als 50 Synagogen in der Altstadt waren entweder komplett zerstört oder entweiht.

Auf dem Jerusalemer Ölberg waren Gräber verwüstet, Tausende Grabsteine zerstört und teils als Baumaterial verwendet worden. David Suissa hat dieser Tage im »Jewish Journal« auf den Widerspruch aufmerksam gemacht, dass nun ausgerechnet die jordanische Regierung Israel dazu ermahnte, sich für den Schutz der freien Religionsausübung und der heiligen Stätten einzusetzen.

Wenn etwas heilig sein sollte, dann doch zuallererst das menschliche Leben. Israel hat mit der pragmatischen Entscheidung, die umstrittenen Metalldetektoren wieder abzubauen, bewiesen, dass ihm der Schutz des Lebens über jegliche Prinzipienreiterei geht – und das, obwohl der aktuelle Streit mit der Ermordung zweier israelischer Grenzpolizisten begann. Das aber wird gern vergessen – zumindest oft nicht erwähnt.

sicherheitsmassnahmen Wie steht es nun um die Verletzung religiöser Gefühle am Tempelberg? Diese wurde von muslimischer Seite im Zusammenhang mit den Sicherheitsmaßnahmen beklagt. Doch werden religiöse Gefühle etwa nicht verletzt, wenn man Waffen an einen heiligen Ort schmuggelt, von dort zwei unschuldige Menschen ermordet und sich dann wieder an die Stätte des Gebets flüchten will?

An dieser Stelle sei der modern-orthodoxe Jerusalemer Rabbiner Francis Nataf zitiert. Er schrieb kürzlich in einem Blog, er habe viel zu viel Respekt vor dem Islam, um wirklich glauben zu können, dass es eine religiöse Rechtfertigung für die Ermordung von Menschen während eines Gebetes gibt – also während des Augenblicks, an dem man sich an den einen und universellen Gott wendet.

Er, Nataf, nehme zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Muslime eine Pseudo-Theologie wie die des »Islamischen Staates« ablehne. Und wenn das Massaker vom vergangenen Freitag in Halamisch ein Einzelfall wäre, die Tat eines in der palästinensischen Gesellschaft isolierten Individuums – es wäre erschütternd und tragisch. Aber es wäre weniger beunruhigend. Allerdings müsse man feststellen, so Rabbi Nataf, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Juden beim Studium ihrer heiligen Bücher in einer Jeschiwa, mitten im Synagogengebet, von Terroristen kaltblütig ermordet wurden.

metalldetektoren Und nun der grausame Mord an Yosef, Chaya und Elad Salomon. Sie wurden Freitagabend am heimischen Schabbattisch von einem Palästinenser erstochen. Der Vater des Täters brachte das mit den Vorgängen auf dem Tempelberg in Verbindung, sprach von verletzter Ehre der Muslime. Diese Worte nutzten zuvor palästinensische Offizielle und muslimische Würdenträger. Anlass war der Streit um Metalldetektoren. Doch waren sie wirklich der Grund für die Tat?

Vergleichbare Sicherheitsvorkehrungen gibt es inzwischen auch im Vatikan, in den heiligen Tempeln Indiens und den Pilgerstätten in Mekka, die mit Tausenden Überwachungskameras ausgestattet sind. Einer der Gründe dafür: die Angst vor islamistischem Terror. Übrigens muss auch, wer zum Gebet an die Kotel will, Sicherheitsschleusen passieren.

Tausende werden sich dort am kommenden Montagabend, wenn Tischa beAw beginnt, versammeln und die Klagelieder anstimmen. Sie werden an die Zerstörung des Tempels durch die Römer erinnern, an den Verlust des jüdischen Heiligtums. Gleichgültig, ob die Palästinenserbehörde oder die UNESCO die jahrtausendealte jüdische Vergangenheit an diesem Ort anerkennen. Wir kennen die Geschichte, erleben die Gegenwart und hoffen auf eine bessere Zukunft an diesem Ort.

Aber dazu gehört auf jeden Fall, dass die Palästinenser als »Status quo« endlich gegenseitige Akzeptanz und Respekt anerkennen und dass ihre »religiösen Gefühle« zuallererst vom Schutz des Lebens – und erst dann der heiligen Stätten – bestimmt werden. Es muss endlich Schluss sein mit der Aufstachelung zu Hass und Gewalt, der wie in Halamisch und Petach Tikwa in tödlichem Terror endet.

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