Palästina

Schulden und Sprüche

Kurzes Vergnügen: Nach den Freudenkundgebungen der vergangenen Woche droht in Ramallah nun bald der Konkurs. Foto: Flash 90

Palästina heißt es jetzt, wo bislang nur von der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah die Rede war. Das ist der augenfälligste Erfolg, den Präsident Mahmud Abbas bei den UN erzielte, als sein Land zum »Beobachterstaat« avancierte. Ansonsten hat die Regierung in Ramallah ein neues Problem zu bewältigen.

Weil Israel den UN-Beschluss als Verstoß gegen die Osloer Verträge wertet, hat Finanzminister Yuval Steinitz als erste Sanktion ein Einbehalten der für die Autonomiebehörde eingezogenen Importsteuern und -zölle verkündet. Da Palästina über keine Außengrenzen verfügt, sammelt Israel die Abgaben ein. So wurde es in den Pariser Wirtschaftsverträgen vereinbart. Das System funktionierte bisher einwandfrei – solange Israel die eingetriebenen Gelder monatlich nach Ramallah überwies.

kredite Es handelt sich um etwa 90 Millionen Euro pro Monat, die wichtigste und vor allem sicherste Einnahmequelle der Behörde. Ohne dieses Geld wird sich die Regierung von Abbas schwer tun, ihren aufgeblähten Beamtenapparat entlohnen zu können. Sollte Israel diese Strafmaßnahme aufrechterhalten, droht der palästinensischen Regierung schon bald der Konkurs, denn arabische und palästinensische Banken verweigern Abbas jetzt schon weitere Kredite.

Neben den Geldern aus Israel erhält Palästina noch Spenden aus Geberländern. Die europäischen Länder haben in der Vergangenheit Milliardensummen in die Autonomiebehörde investiert – als Aufbauhilfe für den künftigen Staat. Doch diese Zahlungen wurden schon vor Jahren gekürzt, als das Ausmaß der Korruption offenkundig geworden war. Die Europäer wollten die Behörde zwingen, den Wasserkopf des aufgeblähten Verwaltungsapparats zu reduzieren.

Geberländer Inzwischen kommen noch wirtschaftliche Engpässe in Europa hinzu, was der Spendierfreudigkeit einen zusätzlichen Dämpfer aufgesetzt hat. Die arabischen Staaten haben bei Konferenzen der Geberländer zwar Milliardenbeträge versprochen, aber ihre Versprechen kaum oder gar nicht eingelöst. So kommt es, dass nach Expertenschätzungen der Anteil der von Israel überwiesenen Gelder ungefähr der Hälfte der Gesamteinnahmen der Regierung in Ramallah entspricht.

Der aktuelle palästinensische Staatshaushalt wird auf 2,25 Milliarden Dollar geschätzt, die Ausgaben jedoch um ein Drittel höher auf 3,45 Milliarden Dollar. Nach Angaben der Deutsch-Arabischen Wirtschaftskammer belaufen sich palästinensische Exporte auf fast 600 Millionen US-Dollar (die Zahl stammt aus dem Jahr 2008), wobei Israel 86 Prozent der Waren abnimmt, während die Palästinenser (2010) für fast vier Milliarden Dollar importieren, überwiegend aus Israel.

Die Einnahmeseite müsste verbessert werden, aber das geschieht nicht. Die Palästinenser zahlen beispielsweise weder für Strom noch Wasser, »weil sie nicht daran gewöhnt sind«, wie ein EU-Beamter eingestand, als die Europäer 2006 einsprangen, die Beschaffung des Schweröls zu finanzieren, mit dem das Kraftwerk im Gazastreifen für die Erzeugung von etwa zehn Prozent des Strombedarfs betrieben wird. Der restliche Strom wird bis heute aus Israel geliefert, kostenlos, mit Steuern der israelischen Bürger vorfinanziert. Die palästinensischen Schulden allein für Strom und Wasser häuften sich an. Nun will Steinitz die einbehaltenen Gelder der Palästinenser zum Abtragen des riesigen Schuldenbergs verwenden.

ausgaben Mangelnden eigenen Einnahmen stehen bei der Autonomiebehörde auch politisch motivierte Ausgaben gegenüber. So erhält das Heer der Fatah-treuen Bediensteten im Gazastreifen weiterhin vollen Lohn, obwohl diese Gehaltsempfänger seit dem Putsch der Hamas 2007 zur Untätigkeit verurteilt sind.

Nach ihrem großen diplomatischen Erfolg in New York vermag die palästinensische Seite auf die jüngste Finanzattacke aus Jerusalem kaum zu reagieren. Chefunterhändler Saeb Erekat bezichtigt Israel der »finanziellen Piraterie« und droht mit einem Boykott israelischer Waren. Doch angesichts der fast vollständigen palästinensischen Abhängigkeit vom israelischen Markt dürfte diese Drohung nur geringen Eindruck machen. Zumal für Israel der Handel mit den palästinensischen Gebieten weniger als zehn Prozent ausmacht.

Staatsbesuch

Kanzler Merz reist am nächsten Wochenende nach Israel

Das Datum steht: Bundeskanzler Merz reist in gut einer Woche zum Antrittsbesuch nach Israel. Der Gaza-Krieg hatte die Reise verzögert, durch die Waffenruhe wird sie jetzt möglich

 28.11.2025

Berlin

Anschlag auf israelische Botschaft geplant? Prozess beginnt

Ein mutmaßlicher IS-Unterstützer kommt vor Gericht. Der Prozess gegen den inzwischen 19-Jährigen beginnt am Montag

 28.11.2025

Brüssel

Weimer warnt vor Antisemitismus und Ausgrenzung beim ESC

Der Kulturstaatsminister will darüber mit seinen europäischen Kollegen sprechen

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

USA

Mehrheit der Juden blickt nach Mamdani-Sieg mit Sorge nach New York

Eine Umfrage zeigt: Fast zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, Mamdani sei sowohl antiisraelisch als auch antisemitisch

 28.11.2025

Berlin

Israel, der Krieg gegen die Hamas und die Völkermord-Legende

Der israelische Militärhistoriker Danny Orbach stellte im Bundestag eine Studie und aktuelle Erkenntnisse zum angeblichen Genozid im Gazastreifen vor – und beklagt eine einseitige Positionierung von UN-Organisationen, Wissenschaft und Medien

 27.11.2025

USA

Staatsanwaltschaft rollt den Fall Etan Patz neu auf

Der jüdische Junge Etan Patz verschwindet am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule. Jahre später wird er für tot erklärt

 27.11.2025

Debatte

Neue Leitlinie zum Umgang mit NS-Raubgut für Museen und Bibliotheken

In Ausstellungshäusern, Archiven und Bibliotheken, aber auch in deutschen Haushalten finden sich unzählige im Nationalsozialismus entzogene Kulturgüter. Eine neue Handreichung soll beim Umgang damit helfen

von Anne Mertens  27.11.2025

Düsseldorf

Breite Mehrheit im Landtag wirbt für Holocaust-Zentrum in NRW

Große Mehrheit im NRW-Landtag: Fast alle Fraktionen werben für NRW als Standort eines vom Bund geplanten Holocaust-Bildungszentrums. Bayern und Sachsen sind ebenfalls im Rennen

von Andreas Otto  27.11.2025