Meinung

Schoa ist Gegenwart und Geschichte

Rüdiger Mahlo Foto: Claims Conference

An Jom Haschoa hält das Leben in Israel inne, um der sechs Millionen im Holocaust ermordeten jüdischen Männer, Frauen und Kinder zu gedenken. Neben dem kollektiven Erinnern, das für unsere jüdische Kultur und Geschichte prägend ist, steht auch die Erinnerung an den Einzelnen. Das Zusammentreffen beider Aspekte machte der verstorbene Mossad-Chef Meir Dagan deutlich. In seinem Büro hing nur ein Bild. Es zeigte seinen Großvater in einen Tallit gehüllt vor Nazis kniend, kurz vor seiner Exekution.

pflegebedarf Schoa ist Gegenwart und Geschichte. Sie ist insbesondere Gegenwart für die Überlebenden, die heute noch unter uns sind. Das Gedenken gilt auch ihnen. Dabei ist eine wirksame Form des Gedenkens, Sorge dafür zu tragen, dass die Überlebenden einen Lebensabend in Würde verbringen können. Sie haben die Grauen der Schoa in Lagern, in Ghettos, im Versteck, in der Illegalität durchlitten oder sind vor den Nazi-Schergen geflohen, haben ihre Liebsten verloren.

Sie wurden ausgegrenzt, ausgeraubt, vertrieben, versklavt und haben überlebt, fast immer mit lebenslangen Folgen für Gesundheit, Psyche und wirtschaftliche Lage. Heute sind die Holocaust-Überlebenden alle hochbetagt, im Durchschnitt 85 Jahre alt. Geschätzte 50 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele sind gebrechlich und pflegebedürftig.

Im Rahmen ihrer Betreuungsprogramme kann die Claims Conference mit eigenen Mitteln und mit Unterstützung der Bundesregierung Hilfe leisten. Gerade in Ländern, in denen es keine funktionierenden Sozialsysteme gibt, sind die Angebote, die von der Claims Conference in den Bereichen häusliche Betreuung, medizinische Versorgung, Lebensmittel, Winterhilfe et cetera finanziert werden, oft lebenserhaltend. In anderen Staaten, die nur über basale Sozialsysteme verfügen, können Versorgungslücken geschlossen werden.

versorgungslücke Obwohl die Claims Conference allein im vergangenen Jahr insgesamt 330 Millionen Euro an Sozialagenturen verteilt hat, ist der tatsächliche Bedarf insbesondere bei der sachgerechten Betreuung von Schwerstpflegebedürftigen bei Weitem nicht gedeckt. Trotz hoher Mortalität unter den Schoa-Überlebenden steigt der Betreuungsbedarf in den kommenden Jahren.

Diese Versorgungslücke bei schwerstpflegebedürftigen Überlebenden zu schließen, sollte Teil des neuen Selbstverständnisses der Bundesrepublik sein und würde den Überlebenden zeigen, dass sie in ihrer Hilflosigkeit nicht allein gelassen werden – so wie es vor über 70 Jahren geschah.

Der Autor ist Deutschland-Repräsentant der Claims Conference.

Shelly Meyer

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