Interview

»Russland ist eine Diktatur«

Wladimir Kaminer Foto: Malzkornfoto - Hamburg

Interview

»Russland ist eine Diktatur«

Wladimir Kaminer über den Prozess gegen Pussy Riot, Putins Taktik und den Freiheitswillen der Russen

von Philipp Peyman Engel  13.08.2012 19:35 Uhr

Herr Kaminer, an diesem Freitag soll im Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot das Urteil verkündet werden. Wie wird es Ihrer Ansicht nach ausfallen?
Die Musikerinnen werden eine Haftstrafe von rund drei Jahren erhalten – genau so, wie es Präsident Wladimir Putin kürzlich gefordert hat. Die Gerichte in Russland sind von den Weisungen des Kremls bekanntlich ganz und gar abhängig, der Prozess gegen die Mädchen ist ein Paradebeispiel für die fehlende Rechtsstaatlichkeit im Land.

Was hat Putin bewogen, sich in den Prozess einzuschalten?
Er hat sich im Vergleich zur Anklage für eine mildere Bestrafung der Musikerinnen ausgesprochen, um sich im Westen demokratisch zu geben. Das tut er, weil Russland schlicht und einfach das Geld des Westens braucht. Der Staat hat immense finanzielle Probleme. Putin will potenzielle Geschäftspartner nicht mit Skandalen wie den um die Verhaftung der Pussy Riot vollends verschrecken.

Was sagt das Verfahren über Russlands Politik und Gesellschaft aus?
Dass Putins ganzes Gerede von Freiheit und Demokratie eine große Farce ist. Da treten ein paar junge hübsche Musikerinnen in einer Kirche auf und sprechen ein satirisches Gebet – und schon werden sie verhaftet wie Schwerverbrecher. Wenn irgendjemand noch Zweifel hatte, wie kaputt dieses Land ist, der weiß es spätestens jetzt.

Wie frei sind Kunst und Kultur in Russland generell?
Russland ist keine Demokratie, sondern eine Diktatur, ein rechtsfreier Raum. Die Künstler dort sind also gerade mal frei genug, den Staat und die Kirche herauszufordern, um dann umgehend ins Gefängnis abtransportiert zu werden. Das einzig Gute zurzeit ist, dass die Kunst in Russland nach Jahren der Versenkung wieder das tut, wofür sie da ist: Sie ist politisch, rüttelt auf und ist, wie nun die Pussys, ein Tritt in die Eier für Putin und seinen Machtapparat.

Welche Rolle spielt die russisch-orthodoxe Kirche im Machtgefüge des Kremls?
Eine ganz zentrale. Während der Staat für das Brot sorgt, nämlich sein eigenes, beackert die Kirche das geistige Feld. Patriarch Kirill ist gewissermaßen Putins Minister für besondere Aufgaben, um den Russen zu erklären, warum sie nicht so gut leben können wie die Menschen im Westen. Statt sich wirklich für die Menschen einzusetzen, fungiert die russisch-orthodoxe Kirche als Opium fürs Volk. Langfristig wird diese Rechnung jedoch nicht aufgehen.

Inwiefern?
Je restriktiver der Kreml gegen die Opposition vorgeht, desto mehr verlieren die jungen Menschen in Russland die Furcht vor dem Staat. Ich glaube, Putin und Co. haben mit ihrem Kampf gegen Pussy Riot eine Grenze überschritten. Der Geist ist aus der Flasche. Ihren Drang nach Freiheit werden die jungen Russen nicht länger unterdrücken.

Mit dem Schriftsteller sprach Philipp Peyman Engel.

Analyse

Das Prinzip Trump

Der US-Präsident hat Israels sicherheitspolitische Lage gestärkt – zugleich spaltet er das eigene Land. Aber ein geschwächtes Amerika garantiert keinen stabilen Schutz

von Carsten Ovens  15.02.2026

Nahost

Italien nimmt als Beobachter an Trump-»Friedensrat« teil

Bislang sind in dem Gremium des US-Präsidenten nur zwei EU-Staaten dabei

 14.02.2026

Solidarität

Für Freiheit im Iran: 250.000 Demonstranten in München

Unter den Rednern war auch der Publizist Michel Friedman: »Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt«

 15.02.2026 Aktualisiert

USA/Iran

US-Präsident Trump: Machtwechsel im Iran wäre wohl das Beste

US-Präsident droht Teheran im Streit über das Atom- und Raketenprogramm mit einem Angriff. Er legt nach: Nur ein Deal könne dies verhindern

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlin

Brandenburger Tor leuchtet als Zeichen der Solidarität mit Iran-Protesten

»Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste ändert nichts daran, dass der Drang nach Freiheit bleibt«, sagt Kai Wegner (CD), der Regierende Bürgermeister

 13.02.2026

Augsburg

Gericht kippt Redeverbot für Höcke im Allgäu

Am Wochenende sollte Thüringens AfD-Landtagsfraktionschef in zwei Hallen in Bayern als Gastredner auftreten. Die Gemeinden wehren sich – aber vorerst nur in einem Fall mit Erfolg

 13.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026