Dokumentation

»Richter Renesse hat Empathie gezeigt«

Offener Brief an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

 29.08.2016 18:41 Uhr

Angeklagt: Sozialrichter Jan-Robert von Renesse Foto: ddp

Offener Brief an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

 29.08.2016 18:41 Uhr

Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, sind tief besorgt über das Disziplinarverfahren gegen Jan-Robert von Renesse im Zusammenhang mit seinem Engagement für Holocaust-Überlebende.

In der jüdischen Welt – insbesondere in Israel – genießt Richter von Renesse höchste Anerkennung und Wertschätzung. Zu einer Zeit, als rund 95 Prozent der ZRBG-Antragsteller abgewiesen wurden und beim Sozialgericht Widerspruch einlegten, reiste Richter von Renesse nach Israel, um ehemalige Ghettoarbeiter in persönlichen Gesprächen anzuhören und ihre Schilderungen in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen. Das haben die Holocaust-Überlebenden mit großer Dankbarkeit wahrgenommen.

respekt Für die Überlebenden zählte vor allem, dass ein Vertreter der deutschen Justiz zu ihnen kam und ihnen Respekt und Empathie entgegenbrachte. Herr von Renesse hat bei seinen richterlichen Entscheidungen den historischen Kontext nicht aus den Augen verloren und den Leidensweg der Überlebenden gewürdigt. Er zeigte Verständnis und Zuwendung, wo die Antragsteller nur Bürokratie und Ablehnung erfahren hatten.

Ihre Regierung, sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, ist im Kontext des ZRBG selbst erfolgreich mit einer Initiative im Bundesrat aktiv geworden und hat die Rückwirkung der Rentenzahlungen bis 1997 erreicht.

einsatz Nach Jahren der Versäumnisse und des Unverständnisses bei der Durchführung des ZRBG, ist es doch noch gelungen, zu akzeptablen Ergebnissen zu kommen. Dazu hat auch der große Einsatz von Herrn von Renesse beigetragen.

Was die Bundesrepublik Deutschland letztlich in einem vorteilhaften Licht erscheinen lässt, sollte Herrn von Renesse nicht zum Nachteil gereichen. In Anbetracht seiner besonderen Verdienste bitte ich Sie, sich in geeigneter Weise für Herrn von Renesse zu verwenden und Schaden von ihm abzuwenden.

Für Ihr Entgegenkommen sagen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner Ihnen aufrichtigen Dank.

Colette Avital, Centre of Organizations of Holocaust Survivors in Israel
Volker Beck, Deutsch-Israelische Parlamentariergruppe
Deidre Berger, American Jewish Committee
Christoph Heubner, Internationales Auschwitz Komitee
Dr. Oded Horowitz, Landesverband Jüdischer Gemeinden in Nordrhein
Roman Kent, American Gathering of Jewish Holocaust Survivors
Beate und Serge Klarsfeld, Fils et filles de déportés juifs de France
Prof. Dr. Werner Konitzer, Fritz Bauer Institut
Claudia Korenke, Deutsch-Israelische Gesellschaft
Rüdiger Mahlo, Conference on Jewish Material Claims Against Germany
Dr. Jost Rebentisch, Bundesverband Beratung und Information für NS-Verfolgte
Prof. Dr. Julius Schoeps, Moses Mendelssohn Zentrum
Dr. Josef Schuster, Zentralrat der Juden in Deutschland
Stefanie Seltzer, World Federation of Jewish Child Survivors of the Holocaust
Lukas Welz, AMCHA Deutschland

___

Bis 2010 war der Sozialrichter Jan-Robert von Renesse für Ghettorenten zuständig. Dazu befragte er Überlebende. 2014 wurde Renesse von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty wegen Rufschädigung der Sozialgerichte angeklagt. Am 13. September entscheidet das Landgericht Düsseldorf.

Essay

Kein Held

Das Hitler-Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg jährt sich zum 80. Mal. Eine Einordnung

von Julien Reitzenstein  19.07.2024

Essay

Was hat dich bloß so ruiniert?

Die Autorin Elke Wittich denkt noch einmal über den Compact-Chef Jürgen Elsässer nach, der einst ihr Kollege war

von Elke Wittich  19.07.2024

Universität

Let’s talk!

Der Israeli Shay Dashevsky sucht auf dem Campus von Berliner Hochschulen das Gespräch

von Joshua Schultheis  19.07.2024

Kommentar

Irgendwelche Konsequenzen?

Der Terrorangriff der Huthis auf Tel Aviv sollte für Deutschland Anlass sein, seine Iran-Politik endlich zu überdenken

von Constantin Ganß  19.07.2024

Debatte

Antisemitismus-Vorwürfe: Stoppt Adidas Bella-Hadid-Kampagne?

Adidas bringt einen beliebten Schuh aus den 70er-Jahren neu heraus und bewirbt ihn mit Topmodel Bella Hadid. Doch die Marketing-Aktion löst einen Shitstorm aus. Jetzt reagiert der Konzern

von Alexander Pitz  19.07.2024

20. Juli 1944

Historiker: Rechte haben »krude« Sicht auf Hitler-Attentat

Das Erinnern an das Stauffenberg-Attentat war schon immer ideologisch gefärbt. Ein Historiker warnt vor neuer Instrumentalisierung

von Stefan Hantzschmann  19.07.2024

Besuch

Weißes Haus: Treffen von Biden und Netanjahu erwartet

Die Spitzen beider Parteien im US-Parlament haben Netanjahu zu einer Rede nach Washington eingeladen

 19.07.2024

Russland

Russland verurteilt US-Reporter zu 16 Jahren Haft 

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit macht Russland dem jüdischen US-Korrespondenten vom »Wall Street Journal« wegen angeblicher Spionage den Prozess. Trotz des Urteils könnte sich sein Schicksal bald wenden

von Friedemann Kohler  19.07.2024 Aktualisiert

Zürich

FIFA: Entscheidung über Sanktionen gegen Israel vertagt

Damit steht fest, dass Israel am olympischen Fußballturnier der Männer teilnehmen darf

 19.07.2024