Interview

»Ressentiments bei Bildungsbürgern«

Herr Öktem, Sie haben die Auswirkungen der deutschen Beschneidungsdebatte auf die jüdische Gemeinschaft untersucht. Welche Erkenntnisse liefert Ihre Studie?
Für viele Juden in Deutschland ist die Beschneidungsdebatte im vergangenen Jahr ein historischer Wendepunkt gewesen. Der Tenor unter den Befragten ist: Einen solch fundamentalen Angriff auf das deutsche Judentum hat es nach 1945 nicht gegeben. Und das, obwohl es in der Bundesrepublik nicht eben wenige antisemitische Skandale wie etwa Martin Walsers Paulskirchenrede über Auschwitz als angebliche »Moralkeule« gegeben hat.

Welche Spuren hat die Diskussion bei Juden hinterlassen?
Der Schock sitzt immer noch tief. Wir haben zum Beispiel einen älteren Rabbiner interviewt, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden. Für ihn war es zutiefst verletzend, dass gut meinende Deutsche das Judentum nach ihren Vorstellungen »veredeln« und zurechtschneidern wollen. Ein anderer Befragter, der vor der Debatte sehr patriotisch war, fragt sich nun: Bin ich in Deutschland wirklich am richtigen Ort, wenn breite Teile der Gesellschaft mir meine Jüdischkeit verbieten wollen?

Ein weiteres Ergebnis Ihrer Studie ist, dass der Antisemitismus in Deutschland auch bei Bildungsbürgern weit verbreitet ist.
Das machte der Verlauf der Beschneidungsdebatte deutlich, ja. Es ist bemerkenswert, in welchem Maße hier judenfeindliche Ressentiments bei Bildungsbürgern wie Ärzten, Pädagogen und Journalisten zutage getreten sind. Da wurden Brücken zwischen Juden und der Mehrheitsgesellschaft teilweise regelrecht zerstört, was ich vorher für unmöglich gehalten hätte. Ein Beispiel ist die viel zitierte Karikatur im »Berliner Kurier«. Die hätte genau so auch im »Stürmer« stehen können.

Sie haben sich auch mit der Reaktion von Muslimen in der Beschneidungsdebatte befasst. Mit welchem Ergebnis?
Für die meisten Muslime war die Diskussion um die Beschneidung nur ein Angriff von vielen. Sie haben sich im Laufe der Jahre an die Anfeindungen gewöhnt und in gewisser Weise resigniert. Zuvor gab es ja auch schon die Sarrazin-Debatte und etliche andere. Deshalb waren die Muslime beim Thema Beschneidung vergleichsweise zurückhaltend. So erklärt sich für mich auch der Umstand, dass nicht wenige von ihnen den Juden dankbar waren.

Wie meinen Sie das?
Die Vertreter des deutschen Judentums haben den Stellenwert der Beschneidung für sie klar und deutlich artikuliert. Die Islamverbände in Deutschland hingegen waren viel defensiver und haben entsprechend auch nicht so stark Gehör gefunden. Es gibt ja leider nicht immer nur Harmonie zwischen Muslimen und Juden. Umso eindrucksvoller fand ich es, dass in meiner Studie mehrere muslimische Befragte gesagt haben: »Gott sei Dank, gibt es die Juden in Deutschland. Ohne sie wäre die Beschneidung schon längst verboten.«

Mit dem Politikwissenschaftler an der Universität Oxford sprach Philipp Peyman Engel.

Antibes

Frankreich und Italien streben neue Libanon-Mission an

Wie könnte die internationale Unterstützung für den Libanon nach dem Abzug der UN-Blauhelme aussehen? Frankreich und Italien wollen eine neue Koalition anführen

 26.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Hamburg

Spionageprozess: Juden für Iran ausgespäht?

Laut Anklage soll der Mann hochrangige Vertreter jüdischer Organisationen in Deutschland für mögliche Anschläge ausgekundschaftet haben

 26.06.2026

Magdeburg

Höchststrafe für Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt

Bei dem Anschlag 2024 kamen sechs Personen ums Leben; Hunderte wurden verletzt. Jetzt steht das Urteil fest

 26.06.2026 Aktualisiert

Berlin

Thüringens Innenminister fordert AfD-Verbotsverfahren

In einem Gutachten begründen Juristen ihre Einschätzung besonders mit Verstößen gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürdegarantie

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026

Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy ist Jude, Perser und Hamburger. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran glaubt er nicht an echten Frieden. Warum er jedes Abkommen mit dem Mullah-Regime ablehnt

von Christiane Tauer  25.06.2026

Berlin-Neukölln

Martin Hikel rügt Bildungsstadträtin

Janine Wolter hatte auf Instagram die Story eines israelfeindlichen Aktivisten gepostet

 25.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026