Bücher

Plädoyer fürs Lesen

Wozu lesen? Weil wir Menschen sind. Foto: Thinkstock

Ein Buch, heißt es bei Kafka, ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. Und wie immer bei Kafka ist diese Beschreibung richtig und falsch zugleich. Richtig, weil wirklich bedeutende Literatur uns von den Füßen auf den Kopf stellt, durchrüttelt, in ihren Bann zieht, manchmal verstört, aber in jedem Fall verändert. Nichts ist so intensiv und fundamental, wie aus Buchstaben Bilder und Geschehnisse im Kopf zu erzeugen. Wer einmal Isaak B. Singers Roman Feinde, die Geschichte einer Liebe gelesen hat, ist danach nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor.

Unrecht hat Kafka deshalb, weil Literatur auch ein Akt des Glaubens ist. Sie kann nur funktionieren, wenn der Leser bereit ist, seine Seele zu öffnen und dem Schriftsteller in einem unglaublich hohen Maß zu vertrauen. Ein Buch ist nichts ohne seinen Leser, es ist bloß die Stimulanz, ohne die Literatur nicht existieren kann. Die Literatur »an sich« bewirkt nichts – zum Leben erweckt wird sie erst durch den Leser, der dadurch wiederum in vollkommen neue Welten katapultiert wird.

holocaust Ich habe es selbst so zum ersten Mal als Kind erlebt. Damals, in den 50er- und 60er-Jahren, wollte ich überall sein, nur nicht zu Hause. Meine Eltern waren die einzigen aus ihrer Familie, die den Holocaust überlebt hatten. Der Schatten der Trauer war jederzeit greifbar. Meine Mutter erzählte viel von ihrem Schicksal während des Nationalsozialismus. Mein Vater, ein Altmaterialienhändler, schwieg über die Kriegsjahre. Durch die Literatur jedoch konnte ich in andere Sphären eintauchen. Fieberhaft verschlang ich jedes Buch, das mir in die Hände fiel. Von Karl May über Mark Twain bis zu Jonathan Swift: Alles war besser als dieses Gefühl der Trauer und des Schmerzes zu Hause.

In meinem neuen Roman Geronimo habe ich versucht, diesen Zauber zu beschreiben. Durch außergewöhnliche Umstände begegnen sich darin auf einem US-Stützpunkt ein afghanisches Mädchen namens Apana und der amerikanische CIA-Agent Tom Johnson. Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein: Sie ist Muslimin, gerade mal 13 Jahre alt und kommt aus einfachen Verhältnissen.

Er ist Jude, Angehöriger der in Afghanistan so verhassten US-Spezialkräfte und Sohn eines russischen Musikerpaares. Doch es gibt etwas, das beide unauflöslich miteinander verbindet – die Liebe zur Musik. Durch Tom Johnson entdeckt Apana Glenn Goulds Interpretation der Goldberg-Variationen; ein Werk, das die Welt neu erschafft und wie vielleicht kein zweites Musikstück auf Menschen wirkt.

interpretation Als Apana in Toms Container zum ersten Mal die Klänge der Goldberg-Variationen hört, erscheint in ihren Augen ein Leuchten, ein so helles Leuchten, dass danach nur noch tiefe Finsternis sein kann. Denn Gould holt in seiner Interpretation etwas hervor, was immer da gewesen ist, was aber keiner zuvor gefunden hatte, weil man nicht wusste, wo man suchen sollte. Gould schon. Er rührt etwas an, was ewig ist und zugleich vergänglich. Zeitlos, aber zeitlich begrenzt – das ist das Herzzerreißende an den Variationen.

Nach den ersten Klängen jedenfalls bleibt Apana, mit offenem Mund, die großen blauen Augen weit aufgerissen, minutenlang regungslos stehen, als sträubte sie sich gegen etwas, was sie mitreißt. Schutzlos steht das kleine afghanische Mädchen in Bachs Universum, in dem sich eine Note wunderbar natürlich zur anderen fügt und einen harmonischen Fluss bewirkt, der über die Natur hinausragt. Sie erfährt inmitten der Unvollkommenheit des Krieges zwischen Islamisten und den USA das Vollkommene. Sie weiß von dem Moment an, dass Schönheit schmerzt, weil ihre Erfahrung endlich ist.

Was das Ganze mit Literatur zu tun hat? Apanas Erfahrung lässt sich meiner Meinung nach eins zu eins auf die Faszination des Lesens übertragen. Es mag sein, dass die Musik besonders intensiv auf uns wirkt, weil sie gewissermaßen am Gehirn vorbei unmittelbar in unser Herz trifft, wie Schopenhauer schrieb. Doch wenn die Literatur unsere Welt auch nur einen Bruchteil in der Weise verändern kann, wie es die Musik zu tun vermag, handelt es sich auch bei der Literatur um nichts Geringeres als um Magie.

zufluchtsort Und doch sind wir dabei, den Zufluchtsort Literatur – jenen reizvollen Ort, an dem anders als in der Wirklichkeit keine Langeweile existiert – nach und nach zu verlassen. Meine These ist: Nie hatte es die Literatur schwerer als heute. Um in eine neue, einzigartige, individuelle Welt einzutauchen und unterhalten zu werden, greifen immer mehr Menschen nicht mehr zu Büchern. Das neue Erzählfernsehen ist dabei, das Erbe der Literatur anzutreten. Früher waren es Anna Karenina oder Schuld und Sühne, die uns den Schlaf raubten. Heute sind es – zugegebenermaßen geniale – Serien wie The Wire, The Walking Dead oder Sopranos.

Wozu also lesen? Weil wir Menschen sind. Weil wir wissen wollen, weshalb wir so handeln, wie wir handeln. Weil kein anderes Medium uns so mitreißt wie die Literatur. Weil ein wirklich guter Schriftsteller unser Bewusstsein unvergleichlich erweitert, unser Mitgefühl für andere Menschen und unser Wissen über die Welt. Weil die Literatur das wichtigste und vor allem nachhaltigste Mittel ist, die Welt zu verstehen. Weil zwar wir es sind, die ein Buch öffnen, tatsächlich aber die Bücher uns öffnen.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in den USA und den Niederlanden. Sein aktuelles Buch »Geronimo« ist im Diogenes-
Verlag erschienen.

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