Luther-Tagung

»Nicht zu akzeptieren«

Zentralratspräsident Josef Schuster hofft zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 auf ein deutliches Zeichen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in der Auseinandersetzung mit den antijüdischen Schriften Martin Luthers. Zum Auftakt der Tagung »Reformator, Ketzer, Judenfeind – Jüdische Perspektiven auf Martin Luther« am Mittwoch vergangener Woche im Französischen Dom in Berlin sagte Schuster, er wünsche sich, bei dieser Gelegenheit würden auch – etwa in einer Erklärung – jene Seiten Luthers benannt, »die in keiner Weise zu akzeptieren sind«.

Die Äußerungen Schusters fielen in einem längeren Gespräch des Zentralratspräsidenten mit Nikolaus Schneider, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, das von der TV-Journalistin Anke Plättner moderiert wurde.

Polemik Während Martin Luther 1523 und danach mehrere judenfreundliche Schriften verfasst hatte, waren seine Aussagen über Juden in den Spätschriften ab 1538 ausgesprochen polemisch und feindselig. In seiner Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 hatte der Kirchenreformator sogar dazu aufgerufen, Synagogen anzuzünden und Juden aus ihren Häusern zu vertreiben.

Nikolaus Schneider erklärte: »Zu den judenfeindlichen Thesen von Luther kann man nur Nein sagen. Sie widersprechen dem Evangelium.« In der Auseinandersetzung mit Luthers Antijudaismus gebe es in der Kirche bereits »einiges an Vorarbeit«, betonte der Protestant. Er gehe davon aus, dass der Rat der EKD für 2017 eine Erklärung oder eine Form findet, »in der wir sehr deutlich sagen, dass das, was Luther in diesen Schriften von 1538 bis 1543 gesagt hat, wirklich ein Irrtum ist, dass das fatale Folgen hat, dass wir uns davon distanzieren«.

Weiter sagte Schneider: »Ich würde mir fast wünschen, dass wir das in Abstimmung mit dem Zentralrat machen.« Josef Schuster wiederum brachte sein Verständnis dafür zum Ausdruck, dass bei dem Jubiläum das positive Wirken Luthers im Vordergrund stehen werde – und dafür, dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland erst jetzt so intensiv mit Luthers Judenfeindschaft auseinandersetzt: »Manchmal bedarf es eines historischen Anlasses«, so der Zentralratspräsident.

antisemit Unterschiedliche Akzente setzten beide Gesprächspartner in der Frage, ob Luther als Antijudaist oder als Antisemit einzustufen sei. Schneider erklärte, Martin Luther habe Juden mit einer theologischen, nicht einer rassistischen Begründung abgelehnt: »Ich persönlich nutze daher lieber den Begriff des Antijudaismus, weil ich Luther auch nicht so einfach kampflos preisgeben will an die Nazis.« Schuster hingegen sagte, bestimmte Äußerungen Luthers bezeichne er »klipp und klar als antisemitisch«.

Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat, unterstrich in seiner Begrüßung zur Tagungseröffnung, für Juden gebe es nicht »einen guten oder einen schlechten Luther, es gibt keinen jungen oder alten Luther. Für uns gibt es nur den Luther, dessen Aufforderung, Synagogen abzufackeln und Juden zu vertreiben, in das Bewusstsein jüdischer Existenz eingedrungen ist«.

Weiter merkte Kiesel an, es stelle sich die Frage, ob nicht Luthers Gedankengut in seiner Kontinuität »eventuell in den Gaskammern von Auschwitz endete«. Solche Fragen müsse man zulassen, wenn man sich mit einer »derart schillernden Persönlichkeit« auseinandersetze. Zentralratspräsident Schuster sagte später in dem Gespräch mit Schneider, der kirchliche Antisemitismus sowohl von protestantischer als auch von katholischer Seite habe es den Nationalsozialisten sicherlich leichter gemacht. Es sei aber eine »sehr gewagte Theorie« zu behaupten, Luthers antijüdische Äußerungen seien Grund oder Auslöser für die Schoa gewesen.

Der Studienleiter der Evangelischen Akademie zu Berlin, Christian Staffa, erklärte in Abwandlung eines Zitats von Heinrich Heine, es zieme sich wohl, ein »herbes Urteil« über Martin Luther zu sprechen. Protestanten müssten sich über die Ursachen von Gewalt gegen Juden klarwerden. In einer immer wieder von antisemitischen Gedanken und Äußerungen geprägten Gegenwart sei er »mehr als dankbar für diese Kooperation«, betonte Staffa. Die dreitägige Tagung zu jüdischen Perspektiven auf Martin Luther wurde von der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie zu Berlin organisiert.

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