Bundestag

Nicht mit Links

Mit dem gelben Band der Sympathie wirbt ein Mädchen für die Freilassung Schalits. Foto: Flash 90

Bundestag

Nicht mit Links

Alle Parteien fordern die Freilassung von Gilad Schalit. Aber es wird keinen gemeinsamen Antrag geben

von Martin Krauss  02.11.2010 12:59 Uhr

Philipp Mißfelder verfolgt die parlamentarische Konkurrenz durchaus mit Sympathie. »Ich habe mich gefreut«, sagt der CDU-Politiker, »als ich hörte, dass die Linkspartei sich überraschend für Gilad Schalit einsetzt.« Der israelische Soldat, der seit viereinhalb Jahren von der Hamas gefangen gehalten wird, soll endlich freikommen. Das fordert die Linkspartei im Bundestag. Doch für ihren Antrag möchte Mißfelder nicht stimmen. Die Linie der CDU/CSU, an der auch der Vorsitzende der Jungen Union und Obmann der Partei im Auswärtigen Ausschuss nicht rüttelt, lautet: keine gemeinsamen Anträge mit der Linkspartei!

Außerdem, so heißt es bei der Union, habe gar nicht die Linkspartei und ihr außenpolitischer Sprecher Wolfgang Gehrcke die Idee zu einer solchen Entschließung gehabt. »Niemand kann das alleinige Urheberrecht an diesem Antrag für sich reklamieren«, betont Mißfelder. Doch Gregor Gysi, Fraktionschef der Linkspartei, sieht das anders. Er schimpft über den »Ideenklau«. Gehrcke hebt hervor, er habe den Wortlaut seines Entschließungsantrags bei einem Abendessen vorgetragen, zu dem Außenminister Westerwelle (FDP) eingeladen hatte. »Ich bin wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass das von allen Parteien getragen wird.«

Ganz falsch liegt er da wohl nicht: In der nächsten Woche wird der Bundestag in einer Entschließung die Hamas dazu auffordern, Gilad Schalit freizulassen. Aber Union, FDP, SPD und Grüne tun dies in einem Entwurf der CDU/CSU – die Linke mit einem eigenen Antrag.

Mißfelder weist den Vorwurf des »Ideenklaus« zurück: »Überlegungen gab es bereits im Sommer in allen Fraktionen, gerade auch nach Gesprächen mit jüdischen Organisationen.« Gehrcke hingegen betont: Der Vorschlag sei bei einem Gespräch zwischen Gregor Gysi und dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, aufgekommen. Er habe sie dann nur für einen Antrag entsprechend ausformuliert.

sturheit Grünen-Politiker Jerzy Montag, der die deutsch-israelische Parlamentariergruppe leitet, versteht die Aufregung nicht. Es sei ja nichts Ungewöhnliches, dass Ideen anderer Parteien übernommen würden. »Ob man da unbedingt von ›Ideenklau‹ sprechen muss, weiß ich nicht.« Aber Montag kritisiert auch die CDU/CSU: »Es geht darum, die Linke auszugrenzen. Schuld daran ist die Sturheit der Union.« Gerade bei einer Frage wie der Solidarität mit Gilad Schalit hat Montag kein Verständnis für derartiges Verhalten. »Das sage ich, obwohl ich überhaupt keine Sympathien für die Linken habe.« Auch Gehrcke zeigt sich empört. »Bei solch einem humanitären Akt muss man Gemeinsamkeit zeigen.« Und: »Auch Israel sollte palästinensische Gefangene freilassen.« Derartige Formulierungen, die Hamas und Israel zumindest als gleich zu behandelnde Kombattanten erscheinen lassen, haben Gehrcke in der Vergangenheit zum Teil heftige Kritik eingebracht.

»Dass der Antrag der Linken von Wolfgang Gehrcke formuliert wurde, hat mich überrascht«, sagt denn auch Philipp Mißfelder. »Aber der Lackmustest ist nicht die Freilassung von Schalit«, das sei vielmehr die Haltung der Linkspartei zur Hamas. Dieser Vorwurf ärgert wiederum Gehrcke. »Die CDU hat viel mehr Kontakte zur Hamas als die Linke. Wir haben politisch mit denen nichts am Hut, das ist eine reaktionäre Organisation.« Nur reden müsse man halt mit ihr.

Gehrcke gilt, anders etwa als Gregor Gysi oder die Vizepräsidentin des Bundestags Petra Pau, in der Linkspartei als einer derjenigen, die sich gerne als »israelkritisch« bezeichnen. Manche vermuten, er sei vielleicht ein wenig gemäßigter oder auch nur taktisch versierter als offene Hamas-Freunde wie etwa Norman Paech, Ulla Jelpke und Sahra Wagenknecht. Dieser sich antiimperialistisch gebende Rand der Partei kreidet allerdings Gehrcke seinerseits an, vor »Israel-Lobbyisten« den Kotau gemacht zu haben.

Kriegspolitik Schon vor zwei Jahren, zum 9. November 2008, verhinderte die CDU/CSU, dass die Linke sich an einem Entschließungsantrag beteiligte, mit dem an den 70. Jahrestag der Pogromnacht erinnert werden sollte. Diese kopierte daraufhin den Entwurf von Union-SPD-Grüne-FDP in einem eigenen Antrag und stimmte so indirekt dem gleichen Text zu. Elf Linke-Abgeordnete nahmen damals nicht an der Abstimmung teil. Hier werde »versucht, diejenigen als antisemitisch und antiamerikanisch zu diskreditieren, die Kritik an der Kriegspolitik von NATO, USA und Israel äußern«, empörten sie sich. Zu den Abweichlern gehörte damals auch Wolfgang Gehrcke.

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026