IHRA-Delegation

»Mittel des Rechtsstaates anwenden«

Sonderbeauftragte Michaela Küchler Foto: Thomas Koehler/photothek.net

Frau Küchler, wie blicken Sie auf das erste Halbjahr des deutschen IHRA-Vorsitzes inmitten der Corona-Pandemie?
Wir sind hoffnungsvoll mit unserer Eröffnungsveranstaltung am 3. März im Berliner Abgeordnetenhaus gestartet. Sie stand damals schon im Zeichen von Corona. Die Pandemie hat unsere Aktivitäten beeinträchtigt, und wir haben versucht, das Beste daraus zu machen und online präsent zu sein. Die 34 IHRA-Mitglieder haben uns gut unterstützt. Manches hätten wir leichter vor Ort machen können, etwa beim Thema Gedenkstätten. Unsere erste Plenarversammlung, die vom 29. Juni bis zum 2. Juli in Berlin geplant war, haben wir mit 140 Delegierten in verschiedenen Zeitzonen ins Internet verlegt.

Was ist seit März bisher konkret erreicht worden?
Wir haben eine Definition zu Antiziganismus vorgelegt und dafür eine breite Zustimmung von den meisten IHRA-Mitgliedern erhalten. Einige fehlen noch. Ich bin guter Hoffnung, dass wir die Definition spätestens im Dezember verabschieden können. Die Roma sind die größte Minderheit in Europa. In der Corona-Pandemie sind sie von Vorurteilen und Verschwörungsmythen betroffen: Angeblich hätten sie das Virus verbreitet. Dabei sind sie oft die ersten, die wegen Corona aus oft unsicheren Arbeitsverhältnissen entlassen werden. Roma heute leiden noch immer an den Folgen des NS-Völkermords an ihren Vorfahren. Während unserer ersten Plenarversammlung wurden online zwei Kammeropern aufgeführt, die den hundertausendfachen Mord an Sinti und Roma zum Thema hatten. Ich bin sehr froh, dass sowohl die Komponisten als auch die meisten Ausführenden Angehörige der Roma-Gemeinschaft waren.

Inwiefern kann die erarbeitete Definition helfen?
Der Genozid ist ein sehr schweres Schicksal. Und Staaten und Gesellschaft stehen noch am Anfang der Aufarbeitung. Dazu möchten wir einen Beitrag leisten. Jetzt finden weitere Gespräche zum aktuell dritten Entwurf der Definition statt, und wir arbeiten an der weiteren Zustimmung.

Geplant war unter dem deutschen Vorsitz auch die Bildung einer »Globalen Task-Force gegen Holocaustverfälschung«, für die das Auswärtige Amt eine Million Euro zur Verfügung stellen wollte.
Das ist geschehen. Anders als bei Holocaustleugnung ist eine Verfälschung mitunter schwierig zu erkennen. Wir wollen mit der »Task-Force« Menschen Unterstützung und Hilfen an die Hand geben, um Antiziganismus zu erkennen und entschieden darauf zu reagieren. Bis Dezember wollen unsere Experten Empfehlungen dafür erarbeiten. Ergänzend wollen wir eine Online-Anwendung entwickeln, die eine leicht verständliche Anweisung sein wird.

Können Sie bitte Beispiele für Holocaust-Verfälschung nennen?
Bei Corona-Demonstrationen haben wir Menschen gesehen, die einen gelben Stern – den von den Nationalsozialisten so genannten Judenstern – trugen mit der Aufschrift »ungeimpft«. Oder die Transparente bei sich trugen, die das Tor des früheren KZ Auschwitz zeigten. Statt der Inschrift »Arbeit macht frei« stand dort »Impfen macht frei«.

Die IHRA hat in der Vergangenheit auch eine Definition zu Antisemitismus entwickelt. Sie ist rechtlich nicht bindend, aber wenn ein Staat sie annimmt, könne es mit dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden eine »zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung« geben, haben Sie einmal gesagt. Zum Zeitpunkt der Übernahme des deutschen Vorsitzes Anfang März hatten 19 Staaten diese Definition angenommen. Sind welche dazu gekommen?
Mittlerweile sind es 22 Staaten. Hinzu kommen Institutionen, die nicht-staatlich sind, die ebenfalls dazu beitragen wollen, in die Gesellschaft entsprechend hineinzuwirken. Bei unserer geplanten zweiten Plenarversammlung vom 30. November bis zum 3. Dezember in Leipzig wollen wir über die weitere Verbreitung der Definition beraten.

Was ist darüber hinaus noch in den ersten sechs Monaten passiert?
Wir haben den Vorsitz von Luxemburg übernommen. Schon damals war ein Papier erarbeitet worden zum Lehren und Lernen über den Holocaust. Die deutsche Übersetzung ist jetzt als Printversion erhältlich und auf der Webseite der IHRA abrufbar.

Der deutsche IHRA-Vorsitz fällt seit Juli mit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zusammen. Auch dabei hat man sich den Kampf gegen Antisemitismus auf die Fahnen geschrieben. Gibt es auf diesem Feld eine Zusammenarbeit?
Am 10. September ist die Online-Konferenz »Gemeinsam gegen Antisemitismus in Europa – Strukturen und Strategien für eine ganzheitliche Bekämpfung« geplant. Dabei wird auch die IHRA vertreten sein. Und am 12. Oktober wird es den EU-Roma-Gipfel geben, ebenfalls digital. Bei dieser Veranstaltung erhoffen wir uns auch neue Impulse für den Kampf gegen Antiziganismus.

Juden in Europa äußern sich immer wieder besorgt über vermehrten Antisemitismus. Vor einigen Tagen sorgte der mutmaßlich islamistisch motivierte Angriff auf Rabbiner Elie Rosen in Graz für Empörung. Wie kann man gegen solche Taten vorgehen?
Zuerst einmal: Diese Angriff ist vollkommen inakzeptabel. Um so etwas zu verhindern, ist natürlich Bildung ganz wichtig, aber auch nach Beendigung der Schule muss es Mittel und Wege geben. Es ist zu begrüßen, wenn der Mord an den europäischen Juden Thema innerhalb der Justiz, der Polizei und der Staatsanwaltschaften ist, etwa in der Ausbildung und bei Fortbildungen. Und wir müssen die Mittel des Rechtsstaates anwenden, um gegen Straftaten vorzugehen und sie vor Gericht zu bringen.

Das Interview mit der Sonderbeauftragten für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Holocaust-Erinnerung, Antisemitismus-Bekämpfung und internationale Angelegenheiten der Sinti und Roma führte Leticia Witte.

Anfang März übernahm Deutschland für ein Jahr den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Die Institution möchte Bildung, Erinnerung und Forschung zum Holocaust sowie zum Völkermord an den Sinti und Roma fördern.

Meinung

Francesca Albanese neben Hamas-Funktionär und Mullah-Minister

Die UN-Sonderberichterstatterin teilte sich bei »Al Jazeera« ein Podium mit Repräsentanten einer Terrororganisation und eines Mörderregimes. Wann hat dieses Verhalten endlich Konsequenzen für sie?

von Sacha Stawski  08.02.2026

Washington

Berichte: Trumps »Friedensrat« tagt am 19. Februar zu Gaza

Der von US-Präsident Trump ins Leben gerufene »Friedensrat« soll erstmals über die weitere Entwicklung im Gazastreifen beraten. Dabei geht es auch ums Geld

 08.02.2026

Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen äußert sich die Expertin Ofra Bengio skeptisch zur Chance eines kurdisch-israelischen Bündnisses in Nahost. Eine Replik des Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland

von Ali Ertan Toprak  07.02.2026

Libanon

Kreise: Hochrangiger Hisbollah-Funktionär tritt zurück

Die Hisbollah im Libanon steht unter Druck: Sie soll sich entmilitarisieren. Nun tritt ein prominenter Funktionär zurück

 07.02.2026

Nahost

Trump: Anfang nächster Woche wieder Gespräche mit Iran

Nach den wiederaufgenommenen Verhandlungen mit dem Iran erhöht der US-Präsident mit einer Zoll-Drohung den Druck auf Teheran. Kurz darauf erzählt er, wie die Gespräche aus seiner Sicht liefen

 07.02.2026

Protest

Tausende demonstrieren in Berlin für Freiheit im Iran

Sie wollen den Menschen im Iran eine Stimme verleihen. Zahlreiche Organisationen und politische Persönlichkeiten versammeln sich am Brandenburger Tor. Etliche bangen um Angehörige in der Heimat

 07.02.2026 Aktualisiert

Extremismus

AfD: Björn Höcke zitiert abermals Nazi-Parole

Der AfD-Politiker Höcke ist wegen einer verbotenen Nazi-Parole bereits verurteilt worden. Jetzt prüft die Polizei einen neuen Vorfall. Doch Abgeordnete stehen unter besonderem Schutz

 06.02.2026

München

Jüdische Gemeinde erhält Drohbrief mit Patrone

Der Staatsschutz der bayerischen Polizei ermittelt

von Imanuel Marcus  06.02.2026

Berlin/Gießen

Nach Rede im Hitler-Stil: AfD will Mitglied rauswerfen

Mit seiner Rede, die an Adolf Hitler erinnerte, sorgte Alexander Eichwald beim AfD-Jugendkongress für Aufregung. Jetzt droht ihm der Parteiausschluss

 06.02.2026