Nahost

Mit innerer Kraft

Taube von links, Falke von rechts. Wer Frieden in Nahost schafft, ist nicht ausgemacht. Auch die Diaspora weiß es nicht so recht. Foto: imago, (Illu.) Frank Albinus

Schon wieder gehen Gespenster um: JCall heißt es in Europa, J-Street in den USA. Was kommt manch einem an diesen neuen jüdischen Lobbygruppen gespenstisch vor? Die Tatsache, dass eher linksliberale, zum Teil prominente Diasporajuden – in enger Zusammenarbeit mit den verbliebenen Miniresten der israelischen Friedensbewegung – öffentlich und heftig Israels Regierungspolitik kritisieren. Sie befürworten zudem amerikanischen und europäischen Druck auf Jerusalem.

Demokratie Ihr Ziel ist die Zwei-Staaten-Lösung, arabisch »Palästina« neben einem jüdischen Israel, das sich aus fast allen besetzten Gebieten zurückziehen und dort die Siedlungen aufgeben solle. Ungefähr das ist die Basis-Botschaft von J-Street und JCall: »Wir sind wahrlich nicht gegen Israel. Wir sind für ein jüdisches Israel. Wir sind gegen die harte und, jüdisch betrachtet, kontraproduktive Politik der meisten israelischen Regierungen seit den Gebietseroberungen von 1967. Wir sind vor allem gegen die nationalistisch-religiöse Falkenregierung Netanjahu (Likud) – Lieberman («Russische Juden») – Ischai (Schas-Orthodoxie). Deren Strategie führt zwangsläufig dazu, dass Israel auf Dauer nicht mehr jüdisch und demokratisch bleibt, sondern jüdisch oder demokratisch, wenn es weiter Millionen von Palästinensern beherrscht.«

Unterstützer Doch auch JCall und J-Street bekommen Gegenwind. Nicht nur aus Israel. Worauf aber bezieht sich die Kritik an den euro-amerikanischen Lobbygruppen, deren Promi-Bataillone (Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Lévy und Daniel Cohn-Bendit) auf Politik und Öffentlichkeit ihrer Bekanntheit wegen so stark einwirken? Folgendes wird vorgebracht: Der jüdischen Diaspora stehe keine Kritik an Israel zu. Weder grundsätzlich noch tages-, religions-, koalitions- oder gar sicherheitspolitisch. Die Bürger wählen ihre Regierung. Allein sie tragen daher die Verantwortung, Last und Gefahren ihrer demokratischen Entscheidungen. Angesichts der weltweit massiven Israelkritik sollten nicht ausgerechnet Juden das Ansehen des jüdischen Staates weiter beschädigen. Damit spiele man nur dessen Feinden in die Hände. Ich finde die Ziele von JCall und J-Street sympathisch, aber blauäugig, weil sie Ursache und Wirkung verwechseln. Falken haben in Israel Konjunktur, weil Hisbollah- und Hamas-Terror die Tauben strategisch schwächte.

Doch darum geht es nur scheinbar. Denn es wird etwas Wichtiges übersehen: Wer Kritik verhindert, denkt und handelt undemokratisch. Deshalb gehört Tadel (und Lob) an den Verantwortlichen in Jerusalem zum Alltag der einzigen Demokratie im Nahen Osten. Wenn die Diaspora auf Kritik verzichtet, hält sie die Ihren davon ab, weiter Juden und – unabhängig von den jeweiligen Regierungen – Israel an sich verbunden zu bleiben. Das ist für alle Beteiligten die schlechteste Lösung.

Mitbestimmung Sämtliche politischen Gruppierungen Israels haben seit jeher mit diasporajüdischen Partnern zusammengearbeitet. Und die haben die Politik des »Heiligen Landes« stets aktiv beeinflusst, mitbestimmt und mitfinanziert. Wer das Gegenteil behauptet, verbreitet Legenden. Drei beispielhafte Tatsachen: Seit den 80er-Jahren steht vor allem das amerikanisch-jüdische Establishment Israels Falkenlager deutlich näher als den Tauben des Landes. Das führte dazu, dass Premier Yitzhak Rabin 1992 amerikanischen Spitzenvertretern kurz und bündig (wenngleich nicht ganz wörtlich) zu verstehen gab, sie mögen bezüglich seiner Friedenspolitik »die Klappe halten«. Im Wahlkampf 2001 wiederum hat der heutige Präsident des Jüdischen Weltkongresses, der Multimillionär und Reagan-Anhänger Ronald Lauder, den Likud-Kandidaten Ariel Scharon materiell und ideell massiv unterstützt. Der gewann auch deshalb haushoch. Weil Israels Taubenlager (nicht zuletzt durch Hamas- und Hisbollah-Raketen) auf seinen harten Kern geschmolzen ist, sucht es in der Diaspora einen jüdischen Rettungsring für eine andere, seine Politik.

Aus Umfragen und anderen Indikatoren wissen wir seit rund 20 Jahren: Die diasporajüdische Basis ist – anders als das diasporajüdische »Establishment« – eher den Tauben als den Falken Israels zugewandt. In ihren jeweiligen Heimatländern stehen sie mehrheitlich links der Mitte und religiös, wenn überhaupt irgendwo, im Reform- oder liberalen Lager. Hinzu kommt, dass in den Augen dieser Basis das »Establishment« als Honoratiorengruppe wahrgenommen wird und nicht als demokratisch legitimiert. Darum geht es im Kern: JCall und J-Street richten sich nicht nur gegen Israels Falken, sondern auch gegen das bisherige Establishment der Diaspora. Gut oder schlecht für Juden und den jüdischen Staat? Das wird sich bald erweisen.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm »Juden und Christen – ungleiche Geschwister« (Patmos).

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