Pinneberg

Mit der Angst leben

Möchte keine Sicherheitsschleusen in der Synagoge haben: Wolfgang Seibert Foto: ddp

Pinneberg

Mit der Angst leben

Islamist bedroht den Chef der jüdischen Gemeinde

von Moritz Piehler  25.01.2011 18:26 Uhr

Das Haus der jüdischen Gemeinde in Pinneberg ist ein unscheinbarer weißer Bungalow. Am späten Montagnachmittag befindet sich außer dem Vorsitzenden Wolfgang Seibert niemand mehr hier. Pinneberg ist ein beschauliches Städtchen mit 40.000 Einwohnern nahe Hamburg, der Inbegriff für Provinzialität.

Es war hier immer ruhig. Bis Wolfgang Seibert bedroht wurde. Auf einer Homepage stand »dreckiger Jude« und »Pass auf, dass Allah dich nicht schon im Diesseits straft mit dem Tod.« Die Seite mit dem Namen »Islamic Hacker Union« ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen. Gegen den Betreiber, einen 18-Jährigen namens Harry M. aus Neumünster, der ein Jahr zuvor zum Islam konvertierte, läuft ein Verfahren.

offene tür Seibert, 63, ist ein kräftiger Mann. Vor neun Jahren gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinde. »Mir war es immer wichtig, dass wir unsere Offenheit zeigen. Ich will hier keine Sicherheitsschleusen haben, das schreckt viele Menschen ab«, sagt er. Also gibt es kei- nen Zaun, das Haus ist ohne Weiteres zugänglich. Doch nun herrscht Angst. Früher ist Seibert immer ohne Furcht auf die Straße gegangen. »Heute komme ich aus der Tür, schaue mich dreimal um und kontrolliere mein Auto, bevor ich einsteige.«

Hintergrund für die Drohungen im Internet war eine Presseanfrage. Seibert, der seit acht Jahren der Gemeinde vorsteht, wurde von einer Nachrichtenagentur gebeten zu sagen, was er vom bevorstehenden Auftritt des als Hass-Rapper geltenden Deso-Dogg in der Pinneberger Al-Sunnah-Moschee halte. »Daraufhin hab ich mich zum ersten Mal eingehender mit diesem Gotteshaus beschäftigt«, sagt Seibert. Als die Moschee eröffnet wurde, habe er sich gefreut. Denn Seibert wünscht sich ein konstruktives Miteinander der Religionen.

Verfassungsschutz Doch dann erfuhr er von Aufrufen zum »Heiligen Krieg«. Davon, dass sich die türkisch-muslimische Gemeinde Pinnebergs längst von der Al-Sunnah-Moschee distanziert habe und der Verfassungsschutz sie für problematisch hält. Also teilte Seibert den Pressevertretern mit, dass eine Moschee, in der solche Ansichten propagiert würden, geschlossen werden müsste.

Diese Einschätzung erzürnte Harry M. Auf dessen Website erschien ein Porträt Seiberts mit einer Todesdrohung. »Wir nehmen die Sache sehr ernst«, sagt Horst Eger. Der Chef des schleswig-holsteinischen Verfassungsschutzes sieht eine »neue Qualität, wie wir sie seit dem Kofferbomber von Kiel 2006 nicht mehr hatten«. Bei der Razzia in Harry M.s Wohnung wurden Computer und andere Datenträger sichergestellt. Der junge Mann ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Bei der Al- Sunnah-Moschee heißt es, man kenne ihn kaum. Seibert aber weiß, dass der Gemeindevorsteher mit Harry M. befreundet ist.

Die Bürgermeisterin von Pinneberg, Kristin Alheit (SPD), will nun einen runden Tisch aller Religionen organisieren. Seibert, der sich als Linker versteht, hätte früher einen solchen Vorstoß gutgeheißen. Aber von einem Dialog mit Vertretern der Al-Sunnah-Moschee hält er wenig. Dennoch möchte er verhindern, dass vorschnell geurteilt wird: »Man muss aufpassen, dass es nicht heißt: ›die Muslime‹.«

Und wie soll es jetzt weitergehen? »Ich bin von Haus aus eher Zyniker«, sagt Seibert, während er das Gemeindehaus abschließt. »Das hilft auch gegen die Angst. Man darf sich ja nicht von solchen Drohungen beeinflussen lassen. Sonst haben Menschen wie Harry M. genau das erreicht, was sie wollten.« Dann steigt Wolfgang Seibert in sein Auto. Ohne es vorher umrundet zu haben.

Debatte

Linke vertagt Entscheidung um Vanessa Emde

Die Berliner Linke ringt seit Wochen um den richtigen Umgang mit einer israelfeindlichen Abgeordneten. Nach einer Fraktionssitzung wurde wieder keine Lösung präsentiert

 27.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Volker Beck zur Wahl: Regierungswechsel wäre gut für Israel

Der Urnengang entscheidet über die politische Zukunft von Benjamin Netanjahu. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft argumentiert, der Regierungschef habe viel Vertrauen verspielt

 27.10.2026

Beate Zschäpe im Jahr 2021 in ihrem Prozess

Rechtsextremismus

Gericht: NSU-Terroristin Zschäpe soll bis mindestens 2035 in Haft bleiben

Beate Zschäpe wollte vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das Gericht sagt Nein. Doch die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig

von Christoph Trost  27.10.2026

San Francisco/New York

KI mit Elvis-Songs gefüttert: Millionenklage gegen Anthropic

»Return To Sender« und diverse weitere Lieder des King of Rock’n’ Roll sollen ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sein

 27.10.2026

Berlin

Medienberichte über Israel auf dem Prüfstand

Wie weit klaffen Berichterstattung und Realität auseinander? Darüber ist am Freitag ist ein ganztägiger »Fachaustausch« an der Technischen Universität geplant

 27.10.2026

Ron Prosor

Interview

Ron Prosor: »Der linke Antisemitismus ist der gefährlichste«

Israels Botschafter in Deutschland über Brandmauern gegen Antisemitismus, die Regierungsbildung in Berlin und die Wahlen in Israel

von Bernward Loheide  27.10.2026

Teheran

Irans Generation Z kämpft um ihre Zukunft

Sie sind 17, sprechen über Krieg und denken ans Auswandern. Darja und Negin gehören zu einer Generation, die den Iran verändert, aber an der eigenen Zukunft dort zweifelt

von Arne Bänsch  27.10.2026

Dementi

Trump bestreitet Gespräche über weitere Wahlempfehlung für Netanjahu

Hat Israels Ministerpräsident den amerikanischen Präsidenten um mehr Unterstützung im Wahlkampf gebeten oder nicht?

 27.10.2026