Fazit

Krise des Bürgertums

Das Staatsoberhaupt ist k.o.: Karnevalswagen im Mainzer Rosenmontagszug Foto: ddp

Der Fall Wulff(s) verdeutlicht die ethische Krise des bundesdeutschen Bürgertums. Die Person des Bundespräsidenten stand nur scheinbar im Mittelpunkt. Tatsächlich und grundsätzlich stand – und steht – jenseits der Person Christian Wulff das Bürgerliche des bundesdeutschen Bürgertums zur Disposition.

Nicht das Bürgerliche im Sinne der Bourgeoisie, also als Schicht (meinetwegen auch marxistisch als Kapital besitzende und vertretende »Klasse«), sondern das Bürgerliche im Sinne des ethisch und fürs Ethische im eigenen Staat engagierten Staatsbürgers, also des »citoyen«. Und weil sich die Bundesrepublik letztlich als eine Bürgerrepublik der Citoyens versteht, geht es um die ethische Grundlage dieser Bürgergesellschaft.

Wendepunkt Hat Wulffs Rücktritt die Krise gewendet, abgewendet oder beendet? Das ist hier die Frage. Meine Antwort lautet: Die Krise hält an, doch ein Wendepunkt könnte durch den (ganz wörtlichen) Fall Wulffs erreicht sein. »Könnte« bedeutet nicht »ist«, und das (konjunktivische) Könnte beinhaltet (m)eine Hoffnung.

Wulff ist der Fisch, die bundesdeutsche Gesellschaft das Wasser. Wulff verstand sich und handelte als Vertreter der deutschen Bürgergesellschaft, deren Werte er zu repräsentieren vorgab. Er wurde als Repräsentant dieser Werte nominiert und schließlich gewählt. Wulff hatte allerdings sein heimisches Gewässer mit dem bürgerlich deutschen Wasser schlechthin verwechselt. Sein Revier hat die »tageszeitung« (taz) auf ihrer Seite eins am 22. Dezember 2011 beschrieben und mit der Überschrift »Sodom und Hannover« auf den Punkt gebracht. Daneben präsentierte sie Fotos von Christian Wulff, Gerhard Schröder, Margot Käßmann und Carsten Maschmeyer.

Macht Die Botschaft war klar: Die Zustände in der niedersächsischen Landeshauptstadt sind mit denen im biblischen Sodom und Gomorrha vergleichbar. Und die Botschaft kam nicht von Altkonservativen, die einmal mehr den »Untergang des Abendlandes« beklagten, sondern von alt gewordenen Alternativen, die längst zum altneuen Citoyen-Bürgertum gehören. Für sie ist die Milieumischung aus Macht und Geld, Beffchen und Brioni, Bussi und sexy Party das moderne Sodom.

Die alt gewordenen taz-Alternativen sind sozusagen der zurückgekehrte Verlorene Sohn des Citoyen-Bürgertums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie den Axel-Springer-Verlag (»Bild« und »Welt«) darf man getrost zu den Veteranen, gar Traditionalisten der bundesdeutschen Citoyen-Bürgergesellschaft zählen. Folgerichtig bäumte sich gerade diese Dreiheit als faktische Einheit gegen Wulff auf.

Sie war die Speerspitze gegen die Pseudo-Bürgerlichkeit von Wulff & Co, weil sie unter Bürgerlichkeit, bei all ihrer Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit, das gelebte und nicht nur das gesprochene Wort versteht. Bürgerlichkeit ist für sie der tägliche, vorgelebte und nicht nur vorgespielte Einsatz für das eigene Gemeinwesen. Man kann das auch »Patriotismus« nennen.

Gewiss, »Bild« versinnbildlicht wahrlich nicht die traditionelle Bürgerlichkeit dieses Landes, wohl aber eine breite Masse von Bürgern, für die – trotz Busenblöße und nacktem Popo – Recht Recht und Anstand Anstand ist. Nennen wir diese Massen, ohne es abwertend zu meinen, »Kleinbürgertum«, zählen FAZ und Welt zum Großbürgertum, die taz zum Alternativ-Bürgertum und rechnen sie alle zu den Citoyens der Republik, so wird das Muster erkennbar: Hier die Citoyen-Bürger, dort die Schickis und Mickis, die sich lediglich als Bürger bezeichnen.

original und fälschung Klarer als je zuvor hat uns allen der Fall Wulff die beiden Varianten und damit die Krise bundesdeutscher, ja, jeglicher Bürgerlichkeit vor Augen geführt. Alle Bürger dieses Landes, alle Bürger überall, sind Fische im Wasser. Jeder kann und muss mitentscheiden, was Wasser und was Gewässer, was das Original und was die Fälschung der Bürgerlichkeit ist. Dass Wulff »gefallen« und Deutschland nicht Sodom ist, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht viele andere »Wulffs« und »Hannovers« gibt.

Auch der biblische Lot, der Neffe Abrahams, lebte in Sodom und war ein Gerechter. Sind wir Lot oder Sodomiter? Vergessen wir nicht, dass Lot, der bis dahin Gerechte, der sodomitischen Meute seine jungfräulichen Töchter anbot und nach der Flucht aus der Stadt, wenngleich im Rausch und von den Töchtern verführt, mit ihnen schlief. Im 1. Buch Moses, 19,35, heißt es: »Er wusste es nicht.«

Wer von uns weiß, ob er im bürgerlichen Wasser oder im scheinbürgerlichen Gewässer schwimmt? Der Fall Wulff sollte von uns allen als Nachhilfeunterricht verstanden und genutzt werden. Heulen wir mit den Citoyen-Wölfen oder dem »bürgerlichen« Wulff?

Ugandische Truppen

Nahost

Ugandas Parlament billigt Truppenentsendung nach Gaza

Auf US-Anfrage soll sich ein Kontingent der ugandischen Armee der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe anschließen. In Afrika zählt das Land zu den größten Truppenstellern für Friedensmissionen

 07.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Justiz

Israelischer Siedler wegen Tötung eines Palästinensers angeklagt

Der getötete Aktivist setzte sich gegen Siedlergewalt ein und war an dem Oscar-prämierten Film »No Other Land« beteiligt. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht

 07.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 07.08.2026

AfD-Verbot

»Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien«

Der Historiker und NS-Forscher Götz Aly, der mit Blick auf die AfD bislang vor überzogenen Vergleichen mit dem Nationalsozialismus und der NSDAP gewarnt hatte, hat offenbar seine Position revidiert

 07.08.2026

Kanada

Bericht: Jüdische Studenten erleben Antisemitismus als alltägliche Realität

Fast alle befragten jüdischen Studenten geben an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einen antisemitischen Vorfall erlebt oder beobachtet zu haben

 07.08.2026

Miami

Antisemitischer Angriff in Starbucks-Filiale

Laut Polizei schlug eine Frau ihr Opfer mit einem Mobiltelefon. Dann habe sie mit einem Metallstuhl auf den Mann, der eine Kippa trug, losgehen wollen

 07.08.2026

Berlin

Klingbeil: AfD-Verbotsverfahren ernsthaft prüfen

Die Diskussion um ein AfD-Verbotsverfahren erhält neue Dynamik. Was sagt SPD-Chef Klingbeil und wie reagiert die Linke auf seinen Vorstoß?

 07.08.2026

Teheran/Maskat/Washington D.C.

Iran und Oman arbeiten an Hormus-Regelung – Teheran stellt Bedingungen an die USA

Iranischer Vertreter sagen, ein Rahmenabkommen für den Schiffsverkehr sei weit fortgeschritten. Eine sofortige Wiederöffnung der Wasserstraße sei damit jedoch nicht verbunden

 07.08.2026