PLO

Kleiner Machthunger

Kleiner Snack, große Wirkung. Als dieser Tage ein Video die Runde machte, das Marwan Barghouti beim Naschen eines veganen Schokoriegels der Marke »Tortit« in seiner Gefängniszelle zeigt, war das Gelächter groß – zumindest auf israelischer Seite.

Denn für den 2004 wegen seiner Mitwirkung an der Planung von zahlreichen Terroranschlägen von einem israelischen Gericht zu fünfmal lebenslänglich plus 40 Jahren verurteilten Barghouti könnten diese Aufnahmen einen Karriereknick bedeuten. Schließlich hat er den aktuellen Hungerstreik palästinensischer Gefangener in israelischen Haftanstalten initiiert, der seit dem 17. April andauert.

abbas Offiziell geht es um die Verbesserung der Haftbedingungen. Doch eigentlich dreht sich alles um die Frage, wer eines Tages den mittlerweile 82-jährigen Mahmud Abbas an der Spitze der Autonomiebehörde beerben wird. Auf diesen Job hat Barghouti ein Auge geworfen.

Kandidaten, die um die Nachfolge rangeln, gibt es einige. Zwar hat Barghouti bereits seit Jahren einen Sitz im Zentralkomitee, dem bedeutendsten Gremium der Fatah. Aber der 57-Jährige wartet schon recht lange darauf, von Abbas einen wirklich wichtigen Posten zu bekommen, beispielsweise den des Stellvertreters des Palästinenserpräsidenten. Mittlerweile sind Dschibril Radschub, Ex-Sicherheitschef im Westjordanland, und Mahmud al-Alul, früherer Gouverneur von Nablus, in Abbas’ Gunst an Barghouti vorbeigezogen.

Um sich wieder ins Gespräch zu bringen, gelang Barghouti ein Mediencoup. Bereits am 16. April erschien in der »New York Times« ein von ihm verfasster Artikel, in dem es hieß: »Ein Hungerstreik ist die friedlichste Form des Widerstands überhaupt.« Mit diesem Mittel gelinge es den Häftlingen, »dass ihre leeren Mägen und ihre Opferbereitschaft es schaffen, die Botschaft aus den dunklen Gefängniszellen herauszutragen«.

Die Zeitung stellte Barghouti lediglich als »palästinensischen Politiker und Parlamentarier« vor. Kein Wort, dass er die Tanzim-Milizen anführte, auf deren Konto zahlreiche Selbstmordanschläge während der Zweiten Intifada gingen. Mittlerweile wurde der Hinweis online eingefügt.

»Der ungewöhnlich dramatisch inszenierte Hungerstreik katapultierte Barghouti also zurück in die vorderste Linie der Auseinandersetzungen innerhalb der Fatah«, kommentierte Avi Issacharoff von der »Times of Israel« dessen Aktivitäten. »Natürlich würde keiner seiner Vertrauten zugeben, dass es sich bei all dem vor allem um ein politisches Manöver handelt.« Mit dem Artikel in der »New York Times« will sich Barghouti mit seiner Forderung nach besseren Haftbedingungen auch international als moderate Stimme präsentieren.

apartheid Zudem inszeniert er sich darin als palästinensischer Nelson Mandela. Auf diese Weise versucht er, Israel analog zu Südafrika als koloniales Apartheidregime zu delegitimieren und sich selbst als Versöhner in Stellung zu bringen – in der Hoffnung, dass seine Verantwortung für den Tod zahlreicher israelischer Zivilisten bald niemanden mehr interessiert.

Der derzeitige Hungerstreik sollte seiner weiteren politischen Karriere also einen Schub verleihen. Das aber ist riskant: Scheitert er, dann schwächt ihn das nachhaltig. Kommt er aber mit nur einem Teil seiner Forderungen durch und kann Israel Konzessionen abringen, so geht er gestärkt in den Kampf um den Posten des Palästinenserpräsidenten.

Das waren seine Überlegungen. Dann überkam ihn der kleine Hunger. Der verhängnisvolle Griff zum Schokoriegel dürfte seine politischen Rivalen deshalb ebenso erfreut haben wie die Israelis.

Straße von Hormus

US-Marine soll jeden Minenleger versenken

Der amerikanische Präsident Donald Trump verschärft seinen Kurs gegen den Iran

 23.04.2026

Berlin

Bundesregierung sieht Chance bei Verhandlungen zwischen USA und Iran

Kehren die Washington und Teheran zurück an den Verhandlungstisch? Die Bundesregierung sieht in Verhandlungen eine Chance für den Frieden

 23.04.2026

Parteien

Streit um Israel: Linke auf der Sandbank?

Die Linke ringt weiter über ihre Haltung zu Israel und zum Nahostkonflikt. Der Parteivorstand will mit einem Leitantrag für den Parteitag in Postdam im Juni den Streit befrieden. Doch auch eine Personalie sorgt für Diskussionen

von Michael Thaidigsmann  23.04.2026

Zukünftige Führung

Schah-Sohn Reza Pahlavi wirbt in Berlin für härteren Kurs gegen Mullahs

Reza Pahlavi sieht keine Reformer in der iranischen Führung und wirbt für einen politischen Wandel. Vor seinem Auftritt wurde er mit Tomaten beworfen

 23.04.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Arlington (Virginia)

Pentagon warnt: Räumung von Minen in Straße von Hormus könnte ein halbes Jahr dauern

Der Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus wird darüber informiert, dass Teheran mindestens 20 Minen in und um der wichtigen Meerenge platziert haben soll

 23.04.2026

China

Viraler Judenhass in China

Im Zuge des Iran-Kriegs nimmt der Antisemitismus im Diskurs der asiatischen Großmacht dramatisch zu. Eine Analyse

von Sven Benentreu  23.04.2026

Magdeburg

Landtag setzt mit Staatsvertrag Zeichen gegen Antisemitismus

Am 12. Dezember 2025 hatten das Land und die jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt den geänderten Staatsvertrag unterzeichnet. Am Mittwochabend hat der Landtag den Vertrag beschlossen

 23.04.2026

Houston

Jüdisches Gemeindezentrum nach Drohungen geschlossen

Betroffen ist auch die Shlenker School, eine zur Gemeinde gehörende Gesamtschule. Das FBI und die Polizei ermitteln

 23.04.2026