Meinung

Kafkas Reise nach Jerusalem

Anjana Shrivastava Foto: Mike Minehan

Meinung

Kafkas Reise nach Jerusalem

Der Streit um den Nachlass des Schriftstellers war unwürdig. Gut, dass damit jetzt Schluss ist

von Anjana Shrivastava  15.08.2016 17:54 Uhr

Die Welt ist geordneter, seit Israels Oberstes Gericht entschieden hat, dass Max Brods Kafka-Manuskripte in die Jerusalemer Nationalbibliothek gehören. Schriftstücke Franz Kafkas, Manuskripte und Briefe, kann man durchaus als heilige Schriften der Moderne betrachten, und das Brod-Konvolut ist in den vergangenen Jahrzehnten durch die Welt geirrt.

Ein Teil war etwa bei den Erben von Brods Sekretärin Esther Hoffe. Sie hoben die Kafka-Papiere zum Teil zwischen streunenden Katzen auf. Einen anderen Teil der Manuskripte lagerten sie in einer Schweizer Bank, weil sie die Hoffnung hegten, dass das wertvolle Gut von dort versteigert werden könnte – wie etwa 1986, als Esther Hoffe das Manuskript von Der Prozess an das Literaturarchiv Marbach veräußert hatte. Doch in der Odyssee, die dieser Literaturschatz letztlich hinter sich hat, sind sowohl die Hoffes als auch das Marbacher Literaturarchiv Fußnoten.

Max Brod Denn die Irrfahrt der Sammlung begann nicht erst 1968 mit dem Tod Max Brods. Sie fing schon kurz vor dem Tod Kafkas 1924 an, als der Schriftsteller seinem engsten Freund Brod zwar die Aufgabe der Nachlassverwaltung überschrieb, zugleich jedoch die sonderbare Anweisung erteilte, sämtliche Schriften restlos zu verbrennen. In dem Prager Freundeskreis gab es in den nächsten Jahren eine hitzige Debatte darüber, wie dieser Auftrag zu erfüllen wäre.

Brod selbst schrieb in der »Weltbühne«, dass die Verbrennung einer »herostratischen Tat«, der Verbrennung der Bibliothek von Ephesos, gleichkäme, die einst zu den sieben Weltwundern zählte. Die nächste Weichenstellung in dieser Geschichte war, als Max Brod 1939 in den letzten Zug einstieg, der Prag verließ. Mit sich führte er einen Koffer voll beschriebenen Papiers. Mit diesen Manuskripten hatte Brod in den darauffolgenden Jahren seinem verstorbenen Freund Franz Kafka zu Weltruhm verholfen.

Zu Kafkas Lebzeiten waren seine Schriften so wenig wert, dass er oft scherzte, er selbst sei wohl der beste Kunde seiner Bücher. Heute jedoch ist jede Postkarte mit Kafkas Handschrift ein kleines Vermögen wert. Dieser Umstand ist es, der dem Streit um den Nachlass eine oft unwürdige Aufmerksamkeit verschaffte. Daher ist es gut, dass die Manuskripte und Schriften Kafkas nun ihre Ruhe in der jüdischen Nationalbibliothek gefunden haben.

Die Autorin ist Journalistin in Berlin.

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