Einspruch

Judenhass beim Namen nennen

Günther Jikeli ist Professor für Antisemitismusstudien an der Indiana University Bloomington. Foto: PR

Einspruch

Judenhass beim Namen nennen

Günther Jikeli wundert sich, dass der Antisemitismusvorwurf skandalisiert wird – und nicht der Antisemitismus

von Günther Jikeli  06.08.2020 08:36 Uhr

Ein offener Brief an die Bundeskanzlerin, unterzeichnet von 60 namhaften Persönlichkeiten, will den Antisemitismusvorwurf und nicht den Antisemitismus skandalisieren. Dazu erheben sie schwere allgemeine Vorwürfe gegen jene, die Antisemitismus und Antisemiten beim Namen nennen.

Der Brief verrät jedoch mehr über die Ankläger selbst als über das, was angeblich ein Skandal ist. Schaut man sich die konkreten Vorwürfe an, wirkt es geradezu komisch, dass die Verfasser sich aus diesem Anlass bemüßigt fühlen, zu einem Brief an die Bundeskanzlerin zu mobilisieren: Sie nehmen Partei für Reiner Bernstein, dessen Positionen in einem Buch als antisemitisch bezeichnet wurden.

klage Bernstein wollte durch eine Klage erreichen, dass dies aus jenem Buch gestrichen wird, verlor aber in einem Gerichtsprozess. Die Aussagen von Arye Sharuz Shalicar, Autor des Buches Der neu-deutsche Antisemit, sind von der Meinungsfreiheit gedeckt, so das Gerichtsurteil.

Auffallend ist, dass viele der Unterzeichnenden des offenen Briefes sich schon in der Vergangenheit durch israelkritische Aussagen hervortaten.

Der Brief verdreht die Tatsachen jedoch. Er fordert »Meinungsfreiheit« zum Nahostkonflikt und wirft der Bundesregierung und deren Antisemitismusbeauftragtem Felix Klein vor, mit dem Antisemitismusvorwurf »eine Stimmung der Brandmarkung, Einschüchterung und Angst« zu schaffen.

Auffallend ist, dass viele der Unterzeichnenden sich schon in der Vergangenheit durch israelkritische Aussagen hervortaten. Das ist ihr gutes Recht, und das werden sie wohl auch weiterhin tun. Kritik müssen aber auch sie aushalten können.

israelhass Dazu gehört, dass antisemitische Äußerungen wie die von Reiner Bernstein oder Achille Mbembe konkret benannt werden – auch, wenn sie in Form von Israelhass artikuliert werden, und auch, wenn diese Personen den Damen und Herren Professoren politisch oder ideologisch nahestehen.

Der Israelhass kann heute zumindest unter linken Intellektuellen in diesem Land getrost als die häufigste Erscheinungsform von Antisemitismus bezeichnet werden. Wenn er auftritt, sollte er benannt werden dürfen, auch von dem dafür Beauftragten der Bundesregierung.

Der Autor ist Antisemitismusforscher an der Indiana University Bloomington.

»Freedom Flotilla Coalition«

Neue Gaza-Flottille unterwegs

Die Initiatoren wollen den Gazastreifen im Oktober erreichen und fordern eine »globale Intifada«

 07.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Magdeburg

BSW würde AfD ins Ministerpräsidentenamt verhelfen

Die Hintergründe

 07.09.2026

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

»Wind der Freiheit« oder »Schock«: Globales Echo auf Wahl

Der AfD-Erfolg sorgt international für sehr unterschiedliche Reaktionen und hitzige Debatten

 07.09.2026

Bundesregierung

Dobrindt drängt nach AfD-Wahlsieg auf mehr Reformen im Bund

Die AfD hat in Sachsen-Anhalt zwar die absolute Mehrheit knapp verpasst, aber das Beben ist dennoch unverkennbar. Der Bundesinnenminister hat eine klare Antwort parat

 07.09.2026

Berlin

Nach dem Wahl-Debakel: Was wird aus Merz?

In den CDU-Gremien herrscht nach dem Absturz in Sachsen-Anhalt Katerstimmung. Jetzt geht es auch um die Zukunft des Kanzlers

von Michael Fischer, Theresa Münch  07.09.2026

Berlin

»Death to Israel!«: Angriff auf FDP-Mitglieder

Im Stadtteil Charlottenburg beschimpften israelfeindliche Demonstranten FDP-Politiker, die nach ihrem Sommerfest mit dem Abbau beschäftigt waren

von Imanuel Marcus  07.09.2026

Reaktion

Europäische Rabbiner: Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist Weckruf

Das Abschneiden der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt mit über 40 Prozent sorgt auch im Ausland für Besorgnis. Was orthodoxe europäische Rabbiner dazu sagen

von Leticia Witte  07.09.2026

Parteien

Was Markus Söder der CDU nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt rät

 07.09.2026