Meinung

Jude, Judas und die Logik solchen Denkens

Missverständlich ist daran gar nichts. Nicht einmal die bemerkenswerte Fehlerhäufung in gerade einmal fünf Wörtern lässt eine andere Lesart zu. »Bernd Riexinger Falsche hinterlistige Jude« hatte ein Lokalpolitiker der Linkspartei auf Facebook geschrieben.

Der Mann aus Saarlouis wollte seinen Parteivorsitzenden schmähen und tat dies auf billigste antisemitische Weise. Falsch und hinterlistig sei der Mann – wie ein Jude eben.

sorry Der später nachgereichte Versuch einer Entschuldigung lautete, er habe »falscher Judas« schreiben wollen – »meinen jüdischen Freunden nochmal ein dickes Sorry«. Es hieß auch, es sei die Autokorrektur gewesen, die aus dem »Judas« ein »Jude« gemacht habe. Aber was wäre an »falscher Judas« nicht antisemitisch?

Es ist ja interessant, dass dem Mann, der kein Antisemit sein will, weil man das einfach nicht mehr ist, bei seiner verbalen Attacke nicht nur Worte wie »Jude« oder »Judas« einfallen, sondern dass sie ihm auch sofort einleuchten. Wer Falschheit und Hinterlist benennen will, sagt so etwas. Warum bietet die Autokorrektur eigentlich nicht »Judo« an? Weil die Algorithmen die Logik kennen.

struktur Das ist das Schockierende an dem Fall des politisch unwichtigen Lokalpolitikers: dass er so typisch ist. Dass er zeigt, wie sehr in Zeiten, in denen jeder Nazi und jeder Depp glaubt, von »meinen jüdischen Freunden« schwafeln zu dürfen, die Struktur antisemitischen Denkens weiterhin da ist: dunkle Gestalten, Strippenzieher, Lügner, Kulissenschieber ... Wo mit solchen Begriffen politische, soziale und juristische Auseinandersetzungen beschrieben werden, kann man sich beinahe sicher sein, dass der Sprecher kurz davor ist, sich die Zunge abzubeißen, damit ihm nicht »jüdisch« rausrutscht.

Aber dieser Versuch, gerade aus seiner Unfähigkeit, die komplizierte Welt zu verstehen, eine Weltanschauung zu machen, trägt die Bereitschaft in sich, einen Schuldigen, einen, der einem fremd ist und der doch ein Gesicht hat, zu benennen. Das sind manchmal die Freimaurer, das sind meist die Juden, und das ist immer falsch. Und gefährlich.

Berlin

Emde erschien mit radikaler Anti-Israel-Aktivistin zur Fraktionssitzung

Während die Linke weiter um den Umgang mit der Neuköllner Abgeordneten ringt, provozierte diese erneut

 05.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  05.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Frankfurt am Main

Trotz Warnungen der jüdischen Gemeinde: Comedian tritt in Frankfurt auf

Trotz Forderungen aus der Stadtgesellschaft, den Auftritt abzusagen, bespielt der neurechte Satiriker Nikolai Binner am Freitag einen Saal in einer städtischen Liegenschaft

 05.11.2026

Nachruf

Trauer um Hubert Aiwanger

Der Freie-Wähler-Chef, bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister starb im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel

von Frederick Mersi  04.11.2026

Berlin

Antisemitische Schmierereien auf Skulpturen im Berliner Tiergarten

Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

 04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

Berlin

Rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen bis Januar

Linke, Grüne und SPD wollen erst im nächsten Jahr einen Koalitionsvertrag vorlegen. Und dann folgt noch ein Zwischenschritt

 04.11.2026

Koalitionsverhandlungen

Klingbeil fordert Linke auf, antisemitische Politiker rauszuwerfen

Bisher hat sich der SPD-Chef zurückgehalten, was die Berliner Koalitionsverhandlungen angeht. Jetzt macht er klar, was er von der Linken erwartet

 04.11.2026