Gesellschaft

In der Stunde der Krise

Die Herausforderungen in Europa verleihen einer aktiven, selbstbewussten und offenen jüdischen Präsenz neue Bedeutung. Foto: dpa, (M) Marco Limberg

Sowohl die Terroranschläge als auch der Zustrom von Flüchtlingen aus Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan – nicht gerade bekannt für eine pro-jüdische oder pro-israelische Einstellung – haben der jüdischen Präsenz in ganz Europa neue Bedeutung und eine neue, wesentliche Rolle verliehen. Nicht nur, dass es eine jüdische Zukunft in Europa geben wird.

Wichtiger ist, dass der Widerstand von Juden auf dem ganzen Kontinent gegen den Terrorismus und ihr Willkommen für die Flüchtlinge auf beiden Seiten der Ost-West-Teilung einen neuen/alten Typ von Judentum wieder in den Vordergrund rücken – ein Judentum, das in universellen Werten und einer universellen Ethik verankert ist, die auf Mitgefühl und Gerechtigkeit gründen.

konflikt Juden in ganz Europa behaupten sich, nicht nur als Juden, sondern auch als selbstbewusste Bürger inmitten einer Bevölkerung, die historisch belastet ist und oftmals untereinander in Konflikt steht. Sie werden sich weiterhin für die Flüchtlinge in Ungarn und in anderen osteuropäischen Ländern einsetzen, deren Bevölkerungen keine Fremden auf ihrem Stück Erde haben wollen, so wie sie für die Sache der Flüchtenden in Deutschland und ganz Westeuropa kämpfen, auch wenn die Besorgnis, wie die Menschenmassen kanalisiert werden können, legitim ist. Sie haben den Terrorismus nicht nur dann verurteilt, wenn die Opfer Juden waren, sondern als vollgültige Mitglieder der Bevölkerung ihres jeweiligen Landes. Sowohl der Widerstand als auch das Willkommen sind ganz einfach zwei Seiten der gleichen Medaille.

Wir leben in einer Welt, die sich grundlegend verändert hat, in einer Zeit, in der die Geschichte eine ihrer regelmäßig auftretenden Beschleunigungsphasen durchläuft. Das trifft auch für die jüdische Welt zu. Nach den Angriffen in Paris im Januar waren sich die meisten israelischen und amerikanischen Kommentatoren einig darin, dass für die Juden die Zeit gekommen sei, Europa zu verlassen. Die großzügigeren von ihnen verkündeten, Europa habe nicht die Mittel, seine Juden zu schützen. Die weniger großzügigen sprachen vom unausrottbaren Antisemitismus Europas, dessen Gift den muslimischen Terroristen eingeimpft worden sei, als ob Muslime den Antisemitismus nicht in ihren eigenen Traditionen fänden. Nach den Angriffen vom 13. November hörte man solche Pauschalurteile nicht.

werte In dieser Situation machte der Aufruf an die Juden, Europa zu verlassen, keinen Sinn mehr. Weder Juden, wo immer sie leben, noch der Rest der Menschheit sind immun gegen terroristische Bedrohung; ganz bestimmt nicht in Israel. Was Sinn macht, ist, aufzustehen und für die gemeinsamen Werte zu kämpfen, egal, wo man ist.

Die allermeisten Juden in Europa wollen keineswegs auswandern und beweisen so, dass sie hierher gehören und weiterhin auf dem Kontinent leben wollen. Terrorismus kann sie nicht vertreiben. Im Gegenteil, er wird ihr Gefühl der Zugehörigkeit und ihr Bekenntnis zu den gemeinsamen Werten stärken. In dieser Hinsicht haben die Terroristen jämmerlich versagt. Ihre mörderischen Angriffe gegen Juden als Juden haben die Juden nicht in das verwandelt, was die Mörder hofften: unerwünschte Träger der Konflikte im Nahen Osten, mit denen der Kontinent kein Mitgefühl hat.

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit hat jedoch paradoxe Folgen. Europas rechtsextreme Parteien haben dem Antisemitismus abgeschworen und setzen stattdessen auf Islamophobie. Nun benutzen sie, wie die Rechte in Orbáns Ungarn oder Kaczynskis Polen, die Notwendigkeit, die Juden Europas zu schützen, als griffiges Argument gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten.

allianz Zur gleichen Zeit fühlt sich eine nicht unbedeutende Minderheit der Juden in Frankreich vom Front National unter Marine Le Pen – gerade wegen dessen antimuslimischer und, nach den Anschlägen, gegen islamistische Terroristen gerichteter Haltung – angezogen. Auch die Juden, die sich Israel am stärksten verbunden fühlen und mit seiner Taktik gegen den Terrorismus einverstanden sind, können jetzt eine neue westliche Allianz begrüßen, der sogar Russland angehört, das für den Kampf gegen ISIS flugs wieder in den Westen eingegliedert wird. Und so finden Juden aller Couleur eine Heimat in den unwahrscheinlichsten politischen Familien – ein weiterer Beweis dafür, dass sie hierher gehören.

Ist mein Optimismus lächerlich? Ich glaube nicht. Die Aufrechterhaltung jüdischen Lebens in Europa nach dem Holocaust war immer problematisch. Die jüdische Welt sorgte sich um die Juden auf dem Kontinent, glaubte aber nie wirklich, dass es in Europa eine Zukunft für sie gibt. Die Herausforderung hat jetzt eine weit größere geopolitische Dimension angenommen, die einer aktiven, selbstbewussten und offenen jüdischen Präsenz neue Bedeutung verleiht. Im Namen der gemeinsamen Werte wird das Judentum in der Stunde der Krise ein Stützpfeiler Europas, statt ihm misstrauisch gegenüberzustehen.

Die Autorin ist Historikerin und Schriftstellerin. Sie lebt in Paris.

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Schwerin/Rostock

Kurs Rot-Rot-Grün: Verhandlungen starten am Montag

SPD, Linke und Grüne wollen in Mecklenburg-Vorpommern über eine Koalition verhandeln. Dafür stimmten alle drei Parteien. Für die Grünen wäre eine Regierungsbeteiligung dort eine Premiere

 11.10.2026

Franziska Giffey

Nach der Wahl in Berlin

Franziska Giffey spricht sich gegen Koalition mit Linkspartei aus

Die noch amtierende Wirtschaftssenatorin sieht keine Basis für eine Koalition mit der Linken in Berlin. Die SPD-Politikerin fordert klare Positionen im Kampf gegen Antisemitismus. Unterdessen verteidigt Thüringens Ex-Ministerpräsident Ramelow die Sondierer gegen Kritik aus den eigenen Reihen

 11.10.2026

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert