Ukraine

Im Krieg

Kriegsschäden an einem Wohnhaus im ukrainischen Slowjansk (Region Donezk) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Viele Menschen haben lange von der Gefahr eines Krieges gesprochen, aber nur wenige haben ihn wirklich für möglich gehalten. Der Autor dieser Zeilen ist da keine Ausnahme. Als der Krieg dann aber tatsächlich begann, hoffte man, er möge schnell vorbei sein.

In den ersten Tagen schien es mir und vielen anderen, als würde ich aufwachen und der Albtraum würde schnell und spurlos wieder verschwinden. Doch das tat er nicht. Ich habe mich an die neue Realität gewöhnt. Dass jeder Krieg ein Schock ist, klingt wie ein Klischee. Aber für einen großen Teil der Ukrainer und beinahe alle ukrainischen Juden war es ein doppelter Schock. Schließlich spricht der Feind dieselbe Sprache und ist mit denselben Filmen, Büchern und kulturellen Normen aufgewachsen.

einmarsch Der Einmarsch Russlands am 24. Februar 2022 wurde mit dem heuchlerischen Slogan der »Entnazifizierung« der Ukraine und des »Schutzes« der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine in Verbindung gebracht. In diesem Sinne waren die ukrai­nischen Juden angeblich Gegenstand der doppelten »Fürsorge« des Kreml – sowohl als Juden als auch als Russischsprachige.

Für einen großen Teil der Ukrainer und beinahe alle ukrainischen Juden war es ein doppelter Schock.

»Was sind das für Landsleute für mich?«, wütet ein Rentner aus Konstantinowka, Region Donezk, dessen Haus um drei Uhr morgens von zwei Iskander-Raketen zerstört wurde. Seine Großeltern wurden von den Nazis im Ghetto erschossen, sein Vater war Jude, die Mutter Russin.
Der Krieg hat die Identität der jüdischen Gemeinde in der Ukraine drastisch verändert. In vielerlei Hinsicht findet jetzt die Geburt des ukrainischen Judentums statt. Viele meiner Nachbarn sprechen immer noch ihre russische Muttersprache, aber sie betrachten sich nicht mehr als Teil der russischsprachigen jüdischen Welt.

Nie zuvor war das Gefühl für Land und Heimat bei der jüdischen Minderheit, die weniger als 0,3 Prozent der Bevölkerung der Ukraine ausmacht, so stark. Ein Heimatland, für das die Juden bereit sind zu kämpfen und zu sterben. Nach Ansicht des sowjetischen Dissidenten und Leiters des Vaad der Ukraine, Josef Zissels, ist dies ein Beweis für die aktive Integration der Juden in die ukrainische politische Nation.

hilfsgüter Es gibt unzählige Freiwillige jüdischer Herkunft, die Geld für die ukrainische Armee sammeln und gepanzerte Westen, Wärmebildkameras, Kommunikationsausrüstung und medizinische Hilfsgüter an die Front transportieren. Darüber hinaus helfen die jüdischen Gemeinden allen Bedürftigen, unabhängig von ihrer Nationalität. Manchmal handelt es sich um einfache Lebensmittelpakete, manchmal aber auch um groß angelegte humanitäre Projekte.

Nie zuvor war das Gefühl für Land und Heimat bei der jüdischen Minderheit so stark.

Es gibt auch noch einen anderen Aspekt dieses Krieges. Dieser Aspekt kann in der Tat als die »Befreiung« der Ukraine bezeichnet werden: die Befreiung von den Juden. Zerstörte Synagogen, Gemeinde- und Jugendzentren sowie Holocaust-Gedenkstätten sind eine Folge des Krieges.

Zugleich hat die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel keine so massive Flüchtlingswelle von Juden erlebt. Laut Zissels verließen im vergangenen Jahr rund 25.000 Menschen, die unter das israelische Rückkehrgesetz fallen, die Ukraine. 15.000 von ihnen zogen nach Israel.

»entnazifizierung« Dieses Phänomen ist übrigens die stärkste Widerlegung der These des Kreml über die sogenannte Entnazifizierung der Ukraine. Vor einem Jahr noch hatten die Juden in Kiew und Charkiw, Mykolajiw und Mariupol, Odessa und Tschernihiw keinen Grund, vor den mythischen »ukrainischen Nazis« zu fliehen.

Inzwischen hat sich eine enorme Zahl jüdischer Geflüchteter in Europa niedergelassen, von London bis Warschau und von Amsterdam bis Berlin. Nimmt man noch die Tausenden vertriebenen Juden hinzu, die in der Westukraine vorübergehend Schutz gefunden haben, wird das Ausmaß der Tragödie deutlich.

Jeder hat seine eigene »jüdische« Erfahrung mit diesem Krieg.

Jeder hat seine eigene »jüdische« Erfahrung mit diesem Krieg. Eine Frau erinnerte sich an das Backen von Mazze für das Pessachfest im vergangenen April in einem alten sowjetischen Ofen, als sie zum ersten Mal das Gefühl hatte, »aus Ägypten herauszukommen«. Eine andere benutzte eine Menora als Lampe in einem dunklen Kellerbunker, um ihrer zuckerkranken und gelähmten Mutter eine Insulinspritze geben zu können. Eine Jüdin, die sich in russisch besetzten Gebieten wiederfand, musste zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Davidstern-Halskette unter ihrer Bluse verstecken. Dies sind die relativ »glücklichen« Geschichten.

gräber Denken wir an die Frau aus Izium (in der Region Charkiw), deren gesamte Familie (Mutter, Ehemann und Sohn) von einer russischen Grad-Rakete getötet wurde. Sie wurde schwer verwundet und litt acht Tage lang in einem Haus ohne Dach bei minus zehn Grad Celsius, bevor ihre Nachbarn sie fanden. Jetzt ist sie im israelischen Netanya und hat erst kürzlich von der Zahl der Gräber ihrer Familienmitglieder in der Ukraine erfahren.

Die Kämpfe sind noch lange nicht vorbei, aber jeder ukrainische Jude hat bereits seinen eigenen Friedhof, und wenn es »nur« der Friedhof zerstörter Illusionen ist. Niemand weiß heute, welchen kumulativen Schaden die jüdische Gemeinschaft infolge dieses Krieges erleiden wird. Wir haben jedoch eine Lehre aus dieser Geschichte gezogen: Sag niemals nie.

Der Autor ist Chefredakteur der Kiewer jüdischen Zeitung »Hadashot«.

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