AfD-Äußerungen

»Ich schäme mich«

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Foto: dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Aussagen von AfD-Politikern zur NS-Zeit und deutschen Erinnerungskultur scharf zurückgewiesen. »Ich persönlich schäme mich für derartige Äußerungen. Ich schäme mich ebenso für verharmlosende Begriffe, die jüngst für die Zeit des Nationalsozialismus von deutschen Politikern verwendet wurden«, sagte der Bundespräsident der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom Freitag. Die Verhöhnung, die darin zum Ausdruck komme, sei unerträglich.

Er habe den Eindruck, »dass alle, die so reden, gar nicht wissen, wie viel Anerkennung und Reputation, die Deutschland in Jahrzehnten bei seinen Nachbarn aufgebaut hat, dadurch zerstört wird«, sagte Steinmeier. Er sei sich sicher, dass »die ganz große Mehrheit der Deutschen diesen Versuch, die Zeit des Nationalsozialismus aus unserer Geschichte auszulöschen oder zu relativieren, nicht unterstützt«.

»Vogelschiss« AfD-Politiker sorgten in der Vergangenheit wiederholt mit Äußerungen zu NS-Zeit und Gedenkkultur für Schlagzeilen. Anfang Juni bezeichnete etwa Partei-Chef Alexander Gauland »Hitler und die Nazis« als »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte. Der Rechtsaußen der Partei, Björn Höcke, forderte im vergangenen Jahr eine Wende der Erinnerungskultur und nannte das Berliner Holocaust-Denkmal doppeldeutig ein »Denkmal der Schande«.

Im Gespräch mit der FAZ äußerte sich Steinmeier zudem besorgt über die Zunahme von antisemitischen Vorfällen in Deutschland, auch auf den Schulhöfen. Es bleibe »unsere historische Verantwortung, für Verhältnisse zu sorgen, in denen in Deutschland niemand Angst haben muss, eine Kippa zu tragen oder seinen jüdischen Glauben auszuüben. Im Gegenteil: Wir wollen, dass Juden ohne Angst bei uns leben und sie sich als selbstverständlicher Teil einer deutschen Gesellschaft sehen und anerkannt fühlen«, sagte der Bundespräsident.

Wer nach Deutschland komme, der komme in ein Land, in dem Lehren aus der eigenen Geschichte gezogen worden seien. »Und wer hier leben will, muss diese Geschichte kennen- und verstehen lernen und die Lehren daraus akzeptieren. Dazu gehört auch, dass wir antisemitische Äußerungen und Verhaltensweisen in unserem Land nicht mehr sehen wollen und auch nicht zulassen«, sagte Steinmeier und unterstrich zugleich: Zwar gebe es Antisemitismus bei den Zugewanderten, aber »im Kern« sei Antisemitismus ein deutsches Problem.

Echo Mit Blick auf die Verleihung des Musikpreises »Echo« an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang sagte der Bundespräsident: »Wenn ich auf die letzte Verleihung des Echo-Preises schaue, bei der eine hochanerkannte Jury von Musikexperten einen ihrer Hauptpreise für einen erkennbar antisemitischen sogenannten Song verleiht, dann zeigen mir solche Vorfälle, dass zumindest die Unsensibilität gewachsen ist.«

Farid Bang und Kollegah waren im April trotz Antisemitismus-Vorwürfen und massiver Kritik im Vorfeld mit dem Musikpreis Echo ausgezeichnet worden. Schon zuvor war Kollegah wiederholt mit antisemitischen Texten auffällig geworden. epd/ja

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Schleswig-Holstein

Vandalismus an Synagogen-Mahnmal in Kiel sorgt für Entsetzen

Zertretene Blumen und Kerzen: Politiker verurteilen die Verwüstungen des Synagogen-Mahnmals in Kiel - und sprechen von einem feigen Akt

 26.01.2026

Berlin

Geschichte jüdischer Politiker: Bundestag zeigt neue Ausstellung

Tagebücher, Videos und Briefe: Eine neue Ausstellung im Bundestag zeigt die Biografien jüdischer Politiker. Ein besonderes Augenmerk liegt auf einer Überlebenden des Holocaust

von Nikolas Ender  26.01.2026

Tova Friedman mit Enkel Aron Goodman

Mahnung

Überlebende Friedman über AfD: Ich möchte sie konfrontieren

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman wird am Mittwoch im Bundestag sprechen. Bewusst teilt sie ihre Erinnerungen öffentlich - um aufzuklären und deutlich zu machen, dass sich Juden nie wieder verstecken dürften

 26.01.2026

Berlin

Mehr Störungen an NS-Gedenkstätten

In Gästebüchern wird immer öfter eine Tonlage »im Grenzbereich zwischen antisemitischen und israelfeindlichen Inhalten« registriert

 26.01.2026

Essay

Zynische Umdeutung der Geschichte

Der Holocaust ist zur moralischen Währung geworden – und wird nun gegen die Juden selbst verwendet

von Johannes C. Bockenheimer  26.01.2026

Interview

»Den Worten müssen Taten folgen«

Ron Prosor über das Holocaust-Gedenken am 27. Januar, die Bedrohung jüdischen Lebens, den Zustand des deutsch-israelischen Verhältnisses und seine Position als Botschafter in Berlin

von Detlef David Kauschke  26.01.2026

New York

Columbia University beruft Jennifer Mnookin zur neuen Präsidentin

Die jüdische Rechtswissenschaftlerin übernimmt, nachdem in den vergangenen zwei Jahren zwei Präsidenten zurückgetreten waren – wegen ihres unzureichenden Umgangs mit Antisemitismus auf dem Campus

 26.01.2026

Berlin

Holocaust-Überlebende: Verteidigen Sie die Demokratie

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz formuliert Eva Umlauf einen dringlichen Appell. Darin geht es auch um die AfD

 26.01.2026