Israel

»Höchste Standards«

Major D., Sie sind als Drohnenpilot im Kriegseinsatz. Mit welchem Gerät fliegen Sie, was ist Ihr Auftrag?
Ich fliege eine Drohne israelischer Produktion, eine »Hermes«. Insgesamt habe ich jetzt mindestens 88 Einsätze absolviert, das sind etwa 350 Flugstunden. Über Details der Einsätze kann ich hier nichts sagen. Nur so viel: Jeder unserer Drohnenpiloten ist qualifiziert, eine Reihe von verschiedenen Operationen durchzuführen. Und jeden Tag kann man eine andere Aufgabe übernehmen. Das kann alles sein: von der Überwachung für Such- und Rettungseinsätze über die Unterstützung von Bodentruppen bis hin zu Grenzpatrouillen und dem Sammeln von Informationen.

Sind Sie im Süden oder im Norden Israels im Einsatz?
Wir können an jeder beliebigen Grenze und in jedem Areal im Einsatz sein, innerhalb oder außerhalb Israels. Im Moment sind natürlich die beiden Gebiete, die Sie genannt haben, unsere Hauptziele.

Ist eines der Ziele auch die Suche nach den Geiseln im Gazastreifen?
Das ist eines der Hauptziele, die wir verfolgen. Aber wie Sie wissen, ist dies keine leichte Aufgabe. Man ist in seiner Fähigkeit, aus der Luft Geiseln und Verstecke zu finden und zu identifizieren, sehr eingeschränkt.

Sind Drohnen in der Lage, die Verluste der Streitkräfte am Boden zu minimieren?
Ja, das ist eine der Hauptaufgaben, die wir heutzutage haben, nämlich die Unterstützung der Truppen, mit denen wir jeden Tag 24 Stunden in Verbindung stehen.

In diesem Krieg kämpft die Armee gegen Terroristen, die die eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht. Was tun Sie, um die Opfer unter der Zivilbevölkerung in Gaza zu minimieren?
Israel hat verschiedene humanitäre Routen für Zivilisten geöffnet, um sie in den südlichen Teil des Gazastreifens zu evakuieren. Wenn wir also in das Schlachtfeld hineingehen oder darüber fliegen, wird es uns leichter fallen, zu erkennen, dass jede Person, die dort herumläuft, ein Ziel ist und nicht nur ein unschuldiger Zivilist, der dort in der Nachbarschaft unterwegs ist. Außerdem gibt es Flugzeuge, deren Aufgabe es ist, jeden Tag über verschiedene Stadtteile in Gaza zu fliegen und Flugblätter abzuwerfen, in denen wir der Zivilbevölkerung mitteilen: »Geht bitte fort. Dieser Ort wird in Kürze zu einem Kriegsgebiet.« Wir wollen den Menschen zu verstehen geben, dass der Ort, an dem sie sich gerade befinden, gefährlich werden wird. Also sollten sie sich selbst und ihre Familien evakuieren.

Ist dies Teil Ihrer Ausbildung?
Jeder Drohnenpilot durchläuft eine mindestens zweijährige Ausbildung und wird auch danach ständig geschult. Dabei gehen wir immer wieder Dokumente durch, in denen alle Moralvorstellungen und Werte aufgeführt sind, die für Israels Armee wesentlich sind. Es geht um höchste Standards. Einer davon ist die »Reinheit der Waffe«, die bedeutet, dass man seine Waffen nicht unberechtigt oder gegen jemanden einsetzt, der unbewaffnet ist oder der nicht versucht, dich zu verletzen. Und jedes Mal, wenn du eine Situation beurteilst, beurteilst du sie auf Grundlage der Werte, die dir im Laufe der Jahre vermittelt wurden.

Wie gehen Sie dabei ganz praktisch vor?
In jeder Drohne habe ich eine Kamera mit einem sehr guten optischen Zoom, sodass ich zum Beispiel immer den Unterschied zwischen einem Mann und einem Kind erkennen kann. Einer unserer Grundsätze ist, dass Kinder eine »rote Flagge« sind. Wenn man Kinder auf dem Boden sieht, wird der Angriff ohne Fragen sofort verschoben. Dabei spielt es keine Rolle, wer das Ziel ist und wie die Verhältnisse sind.

Haben Sie selbst schon einmal aus diesem Grund einen Einsatz abgebrochen?
Ja, das habe ich viele Male in allen Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen getan, besonders im Gazastreifen.

Welche weiteren Mittel setzen Sie zur Vermeidung ziviler Opfer ein?
Wir müssen in Echtzeit versuchen zu verstehen, wie viele Zivilisten sich an einem Ort befinden, ob derjenige, den wir mit der Kamera beobachten, ein Zivilist oder ein Feind ist. Und dazu haben wir auch unsere verschiedenen Werkzeuge. Einige davon sind hochtechnologische, vertrauliche Ins­trumente. Und dann erfolgen vor einem Angriff oder einer Bombardierung viele Telefonanrufe in jeder einzelnen Wohnung in jedem Haus. Damit wollen wir die Bewohner darüber informieren, dass ein Angriff auf dieses Gebiet bevorsteht. Wir geben ihnen Zeit zur Evakuierung. Und oft sind wir vor Ort, um zu melden, wie viele Menschen wir beim Verlassen des Hauses sehen. Unter diesen Bedingungen und in Anbetracht der Tatsache, dass wir wissen, wie viele Menschen in dem Haus leben, versuchen wir, so gut wie möglich zu schätzen, wie viele Zivilisten sich dort noch aufhalten. Und wenn die Zahl hoch ist, werden Angriffe auch abgesagt und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Das geschieht selbst dann, wenn wir wissen, dass sich Terroristen oder Menschen, die wir finden und töten wollen, in diesen Gebäuden befinden.

Wie gehen Sie ganz persönlich mit dieser Verantwortung um?
Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder von uns, der im Cockpit oder in der Station sitzt, von der aus die Drohnen geflogen werden, ein ganz normaler Mensch mit einem Privatleben ist. Ich bin 31 Jahre alt, habe eine Freundin, und das Letzte, was ich jemals tun möchte, ist, jemanden zu verletzen oder zu schädigen, der nicht mein Feind ist und mir nichts getan hat.

Mit dem Major der israelischen Luftwaffe sprach Detlef David Kauschke.

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