Antisemitismus

Hass im Sternenbanner

»Weiße Herrenrasse« in schwarzen Hemden – Nazis in den USA Foto: dpa

Einige der Männer, die sich an diesem Morgen im Haus von Jeffrey Hall im kalifornischen Riverdale versammelt haben, hatten Hakenkreuze oder Totenköpfe auf ihre Oberarme tätowiert. Andere trugen T-Shirts, auf die Revolver und in SS-Runen die Worte »White Power« oder »Skinhead« gedruckt waren. Viele liefen in schwarzen Stiefeln mit 14 Löchern für die Schnürsenkel herum, Symbol für einen Neonazi-Slogan. Und im Garten, wo Halls fünf Kinder spielten, standen Hakenkreuzfahnen und Banner herum. Denn die Mitglieder der örtlichen Fraktion des »National Socialist Movement« (NSM) bereiteten sich auf eine Demo vor. Ihr Motto: »Sechs Millionen sind nicht genug.«

So beschrieb der New-York-Times-Reporter Jesse McKinley eine Szene in den Suburbs von Los Angeles, wo Jeffrey Hall gewohnt hatte. Hall war damals der Führer des NSM im amerikanischen Südwesten, eine der größten Organisationen von US-Neonazis. Jetzt ist er tot: Sein eigener Sohn hat ihn erschossen.

Die Polizei fand überall im Haus Messer und Schusswaffen, darunter auch die Magnum, mit der der Zehnjährige seinen Vater im Schlaf getötet hatte. Hall habe ihn täglich misshandelt, sagte der Junge. Der Klempner hatte versucht, den Sohn zu einem Nazi zu erziehen. Noch am Tag vor seinem Tod hatte er dem Kind einen Gürtel mit SS-Insignien geschenkt. Jeff Schoep, der Vorsitzende des NSM, hat angekündigt, er werde Halls Asche an der Grenze zu Mexiko ausstreuen, als ein »letztes politisches Statement«. Und er fügte hinzu: »Wir sehen uns in Walhalla.«

gewaltbereit Der bizarre Vorfall wirft ein Schlaglicht auf eine äußerst gewalttätige und gewaltbereite Szene Amerikas, die sich als »weiße Herrenrasse« versteht und politische und gesellschaftliche Führung für sich beansprucht. Hall etwa hatte bewaffnete Bürgerwehren organisiert, die auf eigene Faust die Grenze zu Mexiko patrouillieren und Jagd auf illegale Immigranten machen sollten. Erst im Januar dieses Jahres wurden mehrere dieser »Minutemen« verurteilt, weil sie eine Einwandererfamilie, darunter ein neunjähriges Mädchen, erschossen hatten.

Auch Frauen gehören zur Bewegung, so wie April Gaede, die ihre Zwillingsmädchen Lynx und Lamb auf Neonazi-Musikfestivals und Konferenzen von Holocaust-Leugnern singen lässt. Gaede ist Mitglied der 1990 gegründeten »Women For Aryan Unity« (WAU), die sich in den USA für eine bedingungslose Vorherrschaft der Menschen mit weißer Hautfarbe starkmacht.

hass »In den letzten zehn Jahren haben sogenannte Hate Groups zugenommen«, erklärt Mark Potok vom Southern Poverty Law Center in Montgomery, Alabama, einer der Orte, wo in den 60er-Jahren der Widerstand gegen die Rassentrennung begann. Im Jahr 2000 habe es erst 602 solcher extremistischen Gruppen gegeben, während ihre Zahl mittlerweile beinahe um das Vierfache auf 2.145 angestiegen sei.

Gleichzeitig haben sich Zusammensetzung und Ziele dieser Organisationen verändert. »Früher, als die Bürgerrechtsbewegung noch dafür kämpfte, dass die rassistischen Jim-Crow-Gesetze abgeschafft wurden, hetzten solche Gruppen vornehmlich gegen Schwarze, aber auch gegen Juden und Schwule«, sagt Potok.

Die nach dem Stereotyp des tanzenden, singenden, mit sich und der Welt zufriedenen, aber vor allem unterdurchschnittlich intelligenten Schwarzen benannten Gesetze schrieben von 1876 bis 1964 strikt die Rassentrennung vor, hauptsächlich zwischen Afroamerikanern und Weißen. Heute richtet sich der Hass vor allem gegen mexikanische Immigranten. »Drei Viertel der Amerikaner sind gegen Immigration, schon wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit, deshalb glauben sie, auf diese Weise die Massen hinter sich zu bringen.«

Urwaldneger Geschürt wird dieser Hass auch durch die Angst, die weiße Mehrheit zu verlieren, ein Szenario, dass der US-Census für das Jahr 2050 entworfen hat. Und durch die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat die Bewegung noch mehr Oberwasser bekommen.

»Ein schwarzes Staatsoberhaupt sym- bolisiert genau diese Veränderung«, sagt Potok. Auf Plakaten der »Tea Party«, des rechten Flügels der Republikaner, wurde Obama einmal als Urwaldneger mit Knochen in der Nase dargestellt. Zudem nähme die Zahl der Anschläge gegen Schwarze deutlich zu: In diesem Frühjahr wurde in Spokane, Washington, ein Mann verhaftet, der bei der Martin-Luther-King-Parade eine Bombe zünden wollte.

Neonazis gab es in den USA schon immer, auch Nazis – in den 30er-Jahren existierte eine »National Socialist Party«, zu deren Mitgliedern der Architekt Philip John- son und der Radiopriester Charles Coughlin gehörten. Die besteht heute nicht mehr, aber erst letztes Jahr machte Rich Iott, ein Republikaner aus Ohio, Schlagzeilen, weil er in einer Uniform der Waffen-SS durch die Wälder robbte und den Zweiten Weltkrieg nachspielte. Und in den Südstaaten ist seit dem Bürgerkrieg der Ku-Klux-Klan aktiv, der in den 60er-Jahren Brandanschläge auf Kirchen von Schwarzen verübte.

nazis Das National Socialist Movement mit seiner Jugendorganisation »Viking Youth Corps« gehört zu den neueren Neonazi-Gruppen Amerikas. Laut Southern Poverty Law Center wurde die radikale Bewegung 1994 gegründet und hat heute 50 Organisationen in 32 Staaten. Das NSM geht auf die »American Nazi Party« zurück, die 1959 von George Lincoln Rockwell ins Leben gerufen wurde, der 1967, nur wenige Jahre später, von einem Parteimitglied erschossen wurde.

Eine andere Gruppe ist die »National Alliance«, die von dem heute ebenfalls verstorbenen William Luther Pierce gegründet wurde, einem Enkel des Gouverneurs von Alabama während der Zeit der Sklaverei. Pierce ist Autor der Turner Diaries, ein Endzeitroman über Rassenkämpfe, in denen Weiße, Schwarze und Juden einander abschlachten.

Das Buch, das von einem parteieigenen Verlag herausgegeben wird, ist in den USA ein Bestseller und wurde unter anderem von dem Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh als Inspirationsquelle genutzt. Bei dem Anschlag vom 19. April 1995 wurden 168 Menschen getötet und mehr als 800 verletzt.

spaltung Als Pierce immer diktatorischer wurde, spaltete sich die Gruppe »National Vanguard« ab, die von Kevin Storm gegründet wurde und ebenfalls Kontakte zum Ku-Klux-Klan und dessen Grand Wizard David Duke unterhielt. Duke, ein prominenter Holocaust-Leugner, schaffte es immerhin ins Parlament von Louisiana.

National Vanguard gründete auch die Website stormfront.org, eine der ersten rechtsextremen Seiten im Internet, die vorzugsweise rassistischen und neonazistischen Ideologien eine Plattform bietet. Die Gruppe löste sich auf, als Storm wegen Besitz von Kinderpornografie verurteilt wurde.

»juden töten« Damit erging es ihr wie vielen US-Neonazigruppen, die oftmals in ihrem Bestehen nur wenige Jahrzehnte überdauern. So sind auch die »Aryan Nations«, eine bekannte antisemitische Gruppe aus Idaho, heute fast zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.

Im Gegensatz dazu haben die Anti-Latino-Gruppen sogar die Unterstützung mancher rechter Politiker. »Das liegt an Sendern wie Fox News, die deren Parolen hoffähig machen«, sagt Potok vom Law Center. Im Grunde sind aber auch viele dieser Gruppen in letzter Konsequenz vor allem antisemitisch, denn sie behaupten gerne, die Juden seien die treibende Kraft hinter der multikulturellen Gesellschaft, die sie vorrangig ablehnen.

Größere Gefahr allerdings droht den amerikanischen Juden von Islamisten. Erst vor ein paar Wochen wurde in New York ein Anschlag auf eine Synagoge vereitelt. Ein 26-jähriger Algerier und ein 20-jähriger Marokkaner wollten »Juden töten«. Nun stehen sie vor Gericht.

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